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Wie wäre es…? Zu Besuch bei geflohenen Rohingya

Ahmad von Denffer vom Hilfswerk Muslime Helfen e.V. berichtet vor Ort über die Lage der Flüchtlinge im Nachbarland Bangladesch

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Foto: muslimehelfen e.V.

(mh). Ende Februar meldete die Internationale Organisation für Migration (IOM) 671.000 seit dem 25.8.2017 aus Myanmar in Bangladesch angekommene Flüchtlinge, das Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) der Vereinten Nationen berichtete bereits Ende Januar von 688.000. Die genaue Zahl ist offenbar nicht zu ermitteln. Zum Vergleich: Deutsche Städte mit 500.000 bis 600.000 Einwohnern sind Nürnberg, Hannover, Dresden, Bremen, Leipzig, Essen, Dortmund. Düsseldorf und Stuttgart haben über 600.000 Einwohner. In Frankfurt, der fünftgrößten Stadt Deutschlands, leben.735 000 Menschen.

Das muss man sich vor Augen führen, um eine auch nur ungefähre Vorstellung davon zu haben, welche Katastrophe sich in den Flüchtlingslagern in Grenznähe abspielt. Wie wäre es, wenn man alle Einwohner von Nürnberg oder Leipzig oder Stuttgart, darunter Dich und Deine Familie, gewaltsam aus ihrer Stadt vertreiben würde, und sie alle, darunter Du und Deine Familie, unvorbereitet, unter Zurücklassung all ihres Hab und Guts, nur mit den Kleidern am Leib und vielleicht einer Reisetasche, an einem fremden Ort, unter freiem Himmel, auf offenem Feld, ohne Infrastruktur, Zuflucht und Aufnahme finden sollten?

Die nun schon mehr als ein halbes Jahr andauernde Notversorgung der Flüchtlinge in Bangladesch ist eine ungeheure Leistung, die größte Anerkennung verdient. Die Anforderungen sind immens. Erst kürzlich wurde eine Zwischenbilanz der bisher erfolgten internationalen Hilfe gezogen und der weitere Bedarf an Mitteln bis zum Jahresende 2018 bekannt. Demnach werden für den Zeitraum von März bis Dezember eine Milliarde Dollar benötigt.

Angesichts eines derart riesigen Betrags stellt sich die Frage: Kann da eine so kleine Organisation wie Muslime helfen mit entsprechend geringer Kapazität überhaupt etwas Sinnvolles tun?

Die Antwort lautet: Mit Allahs Hilfe – ja! Muslime helfen kann seinen kleinen Teil beitragen, wie es seiner Rolle entspricht. Wir wissen, dass wir nur begrenzte Möglichkeiten haben. Weil wir klein sind, mag das, was wir tun, klein erscheinen. Und angesichts der großen Not ist es zu wenig, viel zu wenig. Aber das, was uns möglich ist, das tun wir!

Dank an alle, die sich der Not der Flüchtlinge nicht verschlossen haben. Die Spender von Muslime helfen konnten in den sechs Monaten seit Beginn der Vertreibungen verschiedene Hilfsmaßnahmen im Gesamtwert von über 300.000 Euro in die Wege leiten und unterstützen. Dazu gehören Verteilungen von Lebensmitteln, Zeltplanen, Moskitonetzen, Decken, Kleidung, Kochutensilien und Kochstellen, Hygieneartikeln und anderes mehr. All diese Hilfsgüter haben Menschen in Not erhalten, und für jeden einzelnen Empfänger ist das eine konkrete Hilfeleistung gewesen, die ihn zu dieser Zeit und an diesem Ort ohne die Spender von Muslime helfen nicht erreicht hätte. Jeder, der dazu beigetragen hat, möge diese Hilfsmaßnahmen als die seinen verstehen.

Auf drei dieser Projekte möchte ich noch etwas näher eingehen:

Brunnen
Die guten Erfahrungen der zuständigen Stelle für Nichtregierungsorganistionen in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern führten dazu, dass sie mit dem Einrichten von Wasserstellen beauftragt wurden. Das ist keine einfache Angelegenheit. Weil auf die Hügel keine Zufahrtswege führen, muss das Bohrgerät zerlegt bis an den geeigneten Standort getragen werden. Um eine genügende Tiefe zu erreichen, wird drei bis vier Tage gebohrt. Anschließend ist das Brunnenrohr einzubringen, dann erfolgt die Installation der Handpumpe. Das nimmt ein bis zwei Tage in Anspruch. Schließlich wird die Wasserstelle mit Beton befestigt, um einen leichten Zugang und Sauberkeit zu ermöglichen. Mittlerweile sind vier solche Brunnen fertiggestellt und in Betrieb.

Anders als bei verschiedenen inzwischen ausgetrockneten Wasserstellen beträgt die Tiefe 700 Fuß, das entspricht etwa 210 Metern. Ein Versiegen ist so inscha’Allah nicht zu befürchten. Bei einem dieser Brunnen traf ich Nazir Ahmed, einen hageren fünfzigjährigen Mann, in Unterhemd und Hüfttuch. Seine Notunterkunft gegenüber ist ein aus Bambus gefertigtes Gestell mit Plastikplanen als  Wände und Dach. Den so entstandenen kleinen Raum teilen sich zehn Menschen, denn Nazir ist nicht allein sondern verheiratet und hat acht Kinder. Über die Einzelheiten seiner Fluchtgeschichte berichtet er nichts. Ich will auch nicht danach fragen, um das Elend nicht in Erinnerung zu rufen. Er ist mit seiner Familie durchgekommen und jetzt hier.

Der neue Brunnen, so sagt mir Nazir, versorgt 182 Familien, die wie seine in Hütten aus Bambus und Planen auf dem Hang des Hügels im Flüchtlingslager Ghumdhum hausen. Und für alle diese Menschen ist der Brunnen eine wirkliche Erleichterung. Bisher mussten sie, um Wasser zu bekommen, zu einem Sammelpunkt laufen, etwa einen Kilometer entfernt, wo zu bestimmten Zeiten ein Tankwagen mit Wasser ankam. Nun sind es nur wenige Schritte bis zur Handpumpe, das Wasser ist frisch und steht jederzeit zur Verfügung. Es gibt keine langen Fußmärsche mehr, kein Warten in der sengenden Hitze, keine Begrenzung der Menge, sondern Wasser, wann immer man es braucht, 24 Stunden am Tag, Alhamdulillah.

Weitere Wasserstellen sind geplant, mit dem Bohren des nächsten Brunnens soll noch im März begonnen werden.

Mütter und Neugeborene
Besonders freut mich das Gelingen unseres Projekts für Mütter und Neugeborene, Alhamdulillah. Bei meinem ersten Besuch im vergangenen September hatte ich erfahren, daß allein während des vorübergehenden Aufenthalts von Flüchtlingen im Niemandsland zwischen Myanmar und Bangladesch etwa 100 Kinder zur Welt kamen. Offensichtlich mussten unter den fatalen Umständen Mütter mit neugeborenen Kindern besonders hilfsbedürftig sein.

So besprach ich mit unseren Partnern vor Ort die Möglichkeit, Müttern mit Neugeborenen eine kleine Hilfe durch eine Erstausstattung zu leisten. Sie sollte aus Hygieneartikeln bestehen wie Kinderseife, Öl, Puder, Desinfektionsmittel, dazu ein Tuch, Moskitonetz, Babydecke, Flasche, Nährmittel und sowohl für die Mutter als auch das Kind jeweils ein Kleidungsstück. Insgesamt konnten inzwischen 900 solcher Ausstattungspakete an Mütter mit Säuglingen ausgegeben werden.

Im Gespräch mit unseren Partnern erfuhr ich, daß dieses Projekt besonderen Anklang gefunden hat. Die Frauen seien glücklich und dankbar für die Hilfe gewesen, und auch die Lagerverwaltung habe sich anerkennend geäußert. Offenbar hat außer uns niemand ein derartiges Projekt betrieben. Es solle möglichst fortgesetzt werden, man erwarte bis zum Jahresende etwa 60.000 Geburten. Wir haben beschlossen, mit Allahs Hilfe weiterzumachen. Ich habe unsere Partner gebeten, einige der bisherigen Begünstigten aufzusuchen, um aus den Erfahrungen dieser Mütter mit der Ausstattung des Pakets zu lernen und bei Bedarf den Inhalt den Bedürfnissen noch besser anzupassen.

Kinderkleidung zum Fest
Auf einer unserer regelmäßigen Mitarbeiter- und Vorstandssitzungen wurde vom Fundraisingteam bei Muslime Helfen vorgeschlagen, Rohingya-Flüchtlingskindern zum Opferfest neue Kleider zu schenken. Unsere Partner hielten das für eine gute Idee, und der Spendenaufruf zu Festgeschenken hat viel Unterstützung bekommen. Dreitausend Kinder erhielten anlässlich des vergangenen Opferfestes neue Kleider. Damit wurde nicht nur jedem der Kinder eine besondere Freude bereitet, sondern auch jeder besorgten Mutter, die angesichts der Not und des Mangels an ausreichender Kleidung Erleichterung verspürte.

Unsere Partner in Bangladesch haben den großen Nutzen dieses Projekts bestätigt, der doppelt wiegt, weil einerseits eine materielle Not behoben und andererseits eine seelische Last genommen wird. Muslime helfen möchte deshalb die Aktion Kinderkleidung als Festgeschenk wiederholen, damit auch zum Fest am Ende des Fastenmonats weitere Flüchtlingskinder beschenkt werden können.

Und natürlich wollen wir zum Ramadan wieder Lebensmittelpakete verteilen. Es gibt also genug zu tun. Packen wir es an, und möge Allah es gelingen lassen.

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