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Wie werden wir gesund?

Titelthema Gesundheit: Malik ­Özkan, Safia Bouchari und Massouda Khan stellen Aspekte aus dem muslimischen Denken und der Lehre vor

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Foto: Pixabay, sciencefreak | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Körperlichkeit und Wellness stehen nicht im Mittelpunkt des islamischen Ethos. Die inneren Werte und die Beziehung zu Allah sind wichtiger; gerade auch im Hinblick darauf, dass das diesseitige Leben nur eine Vorbereitung auf das Jenseits ist. Das heißt aber keinesfalls, dass die islamische Lebensweise den Körper negiert oder gar die Bewahrung oder Wiederherstellung seiner Gesundheit ignoriert.

Im Gegenteil: Muslime legen im Jenseits Rechenschaft darüber ab, wie sie mit ihrem Körper umgingen. Die Erhaltung der physischen Verfassung dient auch dem Ziel, das Wohlgefallen Allahs zu erlangen. So kann man seinen Verpflichtungen gegenüber Allah nachgehen – sei es im familiären oder sozialen Bereich, oder in der Anbetung.

Was ist Gesundheit? Wenn wir die Antwort nicht kennen, können wir sie auch nicht anstreben. In der Moderne dominiert die Vorstellung, es handle sich dabei um die Abwesenheit von Krankheit. Genauso könnte man sagen, ein Mann sei eine Nicht-Frau. Als Ergebnis dieser Denklogik entstand eine Medizin, die ihre Energie mehrheitlich auf die Identifizierung und Auslöschung von Krankheit verwendet. Eine korrekte ­Definition von Gesundheit muss diese beschreiben können. Mehr noch, sie ist abhängig von vorgelagerten Bestimmungen des Menschen, des Lebens, des ­Universums und der Existenz als solcher. Wir müssten sie im größtmöglichen Rahmen verstehen, und fragen, ob körperliches, mentales, wirtschaftliches, soziales und emotionales Wohlergehen voneinander getrennt bestehen können.

Ein muslimisches Verständnis von ­Gesundheit und Krankheit besagt, dass die Krankheit und die Heilung letztlich von Allah kommen, da Seine Allmacht alles umfasst und nichts von Ihm unabhängig ist. Einer der Namen von Allah ist Asch-Schafi, der Heilende. Ein anderer Aspekt ist, dass Krankheit einen Zeichencharakter hat, der an das jeweilige Individuum gerichtet ist, um sein Leben zu hinterfragen. Gesunder Geist, eine heile Seele und ein intakter Körper stehen in einem wechselseitigen Verhältnis. Das bedeutet allerdings nicht, dass man zwecks Heilung der Krankheit nicht einen Arzt hinzuziehen oder Medikamente einnehmen soll; dies ist sogar ausdrücklich erwünscht.

Die griechische Tradition wurde von dem gelehrten Mahdi As-Subairi Al-Jamani überliefert und modifiziert. In seinem Werk „Ar-Rahma fi’t-Tibb wa’l-Hikma“ meditiert er über die Begriffe „Tibb“ und „Hikma“. „Tibb“ leitet sich aus der arabischen Wurzel „umsichtige Behandlung“ und „vorsichtig“ ab und ist das übliche Wort für Medizin. „Hikma“ ist ein anderer Begriff dafür, wird aber ebenso häufig mit Weisheit übersetzt. Ärzte wurden auch „Hakim“ genannt, denn sie zeigten den Menschen, wie sie gut zu leben haben, um gesund zu bleiben; nicht ausschließlich, weil sie Patienten behandelten, wenn sie krank wurden. In diesem Kontext entwickelte sich im alten China die Gewohnheit, Ärzte zu bezahlen, solange sie die Menschen gesund hielten. Hikma ist im begrenzenden Rahmen von Medizin das Wissen darüber, wie wir am besten essen, schlafen, uns bewegen sollen etc., damit wir im bestmöglichen Gesundheitszustand verbleiben können.

Der Punkt, den wir beim griechisch-arabischen Denken verstehen müssen, ist, dass der Anfang Bewegung ist und dass sich alles in der Welt in Bewegung findet; sie ist dynamisch. Die Vorstellung, dass Gesundheit ein statischer Zustand sei, führt uns also nicht weiter. Alle erschaffenen Dinge, insbesondere die belebten, sind dynamisch und in Bewegung. Sie sind aber gleichermaßen ausgeglichen und bestrebt, ein Gleichgewicht zu finden.

Das beste Beispiel für diese ausgeglichene Dynamik, die in unserem Zusammenhang Gesundheit bedeutet, ist der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. In einer Überlieferung (Bukhari und An-Nawawi) des Gesandten Allahs heißt es: „Es gibt im Körper ein Stück Fleisch. Ist dieses gesund, ist der gesamte Körper gesund. Wenn es nicht gesund ist, dann ist der gesamte Körper nicht gesund. Wahrlich, es ist das Herz.“

In einem Vortrag sprach der dänische Arzt Sören Ballegaard über das Herz. Er wies die Idee zurück, dass es nicht mehr sei als eine bloße Pumpe. Ballegaard verwies auf die gesündesten Menschen in Europa, die sich auf Kreta finden lassen. Ihre Diät ist weder fettarm, noch fänden Anhänger gesunder Ernährung ihre helle Freude daran. Die Kreter rauchen, trinken Kaffee und essen reichlich Fleisch. Sie essen jedoch niemals allein. Ihre Tische sind immer gefüllt mit Frauen, Männern, Kindern, Nachbarn, Tanten und Onkeln. Es sind diese Dinge, welche die Herzen am Leben erhalten. Wir reden hier also nicht über Pumpen, auch wenn der medizinische Betrieb in der Lage ist, die Gesundheit dieser Pumpe zu bewerten.

Auch wenn nicht explizit erwähnt, verringert die Lebensweise, wie sie vom Qur’an empfohlen wird, drastisch das Risiko der Möglichkeit, dass das Herz-Kreislauf-System erkranken könnte. Zu den ratsamen Gewohnheiten zählen unter anderem: Beteiligung an spirituellen Aktivitäten, mäßiges Essen, körperliche Bewegung, Verringerung von Ärger, Eifersucht und Neid, sowie die Vermeidung schädlicher Lebensmittel und Getränke. Auch die Erinnerung an Allah (arab. Dhikrullah) trägt zur Gesundheit des Herzens bei, wie es im Qur’an heißt: „Wahrlich, in der Erinnerung Allahs finden die Herzen Ruhe.“ (Ar-Ra’d, 28)

In der qur’anischen Offenbarung und den prophetischen Aussagen finden sich zwei Formen der Heilung – spirituelle und physische. Es gibt mindestens sechs Verse, in denen direkt auf Heilung Bezug genommen wird. Das Mittel, durch welches sich diese Heilung manifestiert, sind die Offenbarung des Qur’an, dem Göttlichen Wort, das als eine „Barmherzigkeit und Heilung für jene, die nachdenken“ bezeichnet wird. Im Qur’an erwähnt ­Allah verborgene Leiden wie Zweifel, Unreinheit, Heuchelei, Leugnung der Wahrheit und Lüge, die alle Krankheiten des Herzens sind. Obwohl die spirituelle Heilung in dieser Hinsicht den Schwerpunkt im Qur’an einnimmt, so wäre es ein Fehlschluss, anzunehmen, dass die Körperlichkeit ignoriert würde. Jenseits der direkten Aussagen finden viele muslimische Ärzte im Qur’an und in den Ahadith Hinweise zur Heilbehandlung körperlicher Leiden. Dazu zählen beispielsweise Magenschmerzen, Fieber, ­Lepra oder Geisteskrankheiten.

Die prophetischen Empfehlungen wurden im Kontext einer Lebensweise angewandt, die in viel stärkerem Maße als heute von einer Ganzheitlichkeit geprägt war. In der Verbindung von Heilmethoden und einer präventiven, ganzheitlichen Lebensweise, wie sie in der Medizin des Propheten zum Ausdruck kommt, ist diese Einstellung zu erkennen. Der Prophet behandelte Krankheiten auf drei verschiedene Weisen: mit natür­lichen Arzneien, mit spirituellen Heilmitteln und mit einer Kombination der beiden. Eine Heilung des Körpers muss stets in Zusammenhang mit der Heilung des Geistes und des Herzens gesehen ­werden.

Viele Krankheiten dieser Zeit, aufgrund einer spezifischen Lebensweise, sind auf eine falsche und ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, soziale Isolation und andere Gründe zurückzuführen. Körperliche Leiden sind dann Übergewicht, Herz- und Kreislauf-Störungen, zu hohe Cholesterinwerte, ein schwaches Immunsystem, Störungen des Verdauungssystems, Unbeweglichkeit, Kurzatmigkeit oder Depressionen. Allah sagt im Qur’an über ein maßvolles Essverhalten: „(…) und esst und trinkt, doch seid dabei nicht maßlos, denn Er liebt wahrlich nicht die Maßlosen.“ (Al-A’raf, 31)

Mehr spazieren gehen oder Fahrrad fahren, mehr Wege zu Fuß zurücklegen und natürlich auch Sport treiben, ist zu empfehlen. Gerade bei Kindern, die heute oft übergewichtig sind, sollte darauf geachtet werden, dass das Essen nicht zu süß und nicht zu fettig ist, dass sie ausreichend Bewegung haben und nicht so viel vor dem Fernseher oder Computer sitzen. Man könne auch die Kinder beim Zubereiten des Essens helfen lassen, meinte eine Pädagogin vor einiger Zeit im Gespräch mit der IZ.

Das generelle Problem, meint Dr. Ilhan Ilkilic, ist der Schritt von der Theorie zur Praxis. Ilkilic ist Medizinethiker und befasst sich seit Jahren mit dem Thema Islam, Gesundheit und muslimische Patienten. „In unserem heutigen Gesundheitswesen ist der Übergang vom Wissen zum Handeln ein zentrales Problem, und in diesem Zusammenhang auch das Fehlen von gesundheitsförderndem Handeln. Dafür ist Motivation sehr entscheidend. Ich denke, dass man in den vorhandenen Grundsätzen des Islam die erforderliche Moti­vation finden kann. Wenn man als Muslim die Gesundheit als eine Gottesgabe versteht, wofür man Gott gegenüber im Jenseits wird Rechenschaft ablegen müssen, sollte man mit dieser Gottesgabe verantwortlich umgehen.“

„Meiner Meinung nach impliziert es, dass man diesen wertvollen Zustand mit entsprechenden Maßnahmen bewahren sollte, zum Beispiel durch regelmäßige Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen, einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit und Verzicht auf gesundheitsschädigende Handlungen, wie Alkoholverzicht, Rauchverzicht und so weiter.“ Die Hadithe, welche die Grundlage der prophetischen Medizin bildeten, seien mehrheitlich präventionsorientiert und betonten eine gesundheitsförderliche Lebensweise. „Ich sehe bestimmte Möglichkeiten, gerade der muslimischen Migranten, dieses Wissen zu vermitteln, zum Beispiel in den Moscheegemeinden, in den Freitagspredigten, durch einfache, gut verständliche Broschüren, oder auch in bestimmten Vereinen dies verstärkt zu thematisieren. Man darf nicht warten, dass die Menschen zu uns kommen, man sollte zu ­ihnen gehen.“

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Safia Bouchari

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