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Wie wir zu dem wurden, was wir sind

Eine kritische Revision: Kaum ein historischer Begriff ist so verzerrt wie jener der Moderne. Von Luqman Nieto

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Foto: Cesare Maccari, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

(iz). Ein langfristiger Blick auf Geschichte – und dabei die unausweichlichen Aufstiege und Niedergänge von politischen, kulturellen und ökonomischen Systemen nachzeichnend – kann eine unschätzbare Lektion in solchen Krisenzeiten wie den unseren sein.

Wir leben in unruhigen Zeiten. Das System, das viele als die definitive Lösung wähnten, hat sich als schwer fehlerhaft erwiesen. Griechenland, gefeiert als ­Geburtsort der nationalen Demokratie, wurde zum Sterbebett des globalen ­Kapitalismus. Es scheint, als hätten wir wirklich das Ende eines Kreislaufes ­erreicht. Es ist nun wichtig – mehr als jemals zuvor – auf diese Ereignisse im Lichte der Geschichte zu blicken, während wir über die Worte des Dichters Mathew Arnold nachdenken. Wandern wir tatsächlich, wie Arnold meinte, „zwischen den Welten; die eine tot, die andere machtlos, geboren zu werden?“

Auf ironische Weise wurde das Leben des Großherzog Dimitri Pawlowitsch, einem Mitglied der herrschenden Ro­manow-Familie in Russland, aufgrund seiner direkten Beteiligung am Tod des Rasputin verschont. Nach dessen Ermordung wurde der Fürst an die persische Grenze versetzt und entkam in Folge des bolschewistischen Massakers an seiner Familie. Es wurde überliefert, wie er bei Galadiners in London bemerkte, dass der Grund, warum der russische Adel ein ­solches Schicksal erleiden musste, an ­dessen Glauben lag, er würde für immer leben. Wir sollten die gleichen Fehler vermeiden.

Es ist Teil der Vorstellung (die Ortega y Gasset als „die Fülle der Zeit“ bezeichnete), wir hätten das Ende der Zivilisation erreicht; dass wir uns im höchsten Zustand des menschlichen Fortschrittes befänden und dass sich dieses System fortsetzen würde. Dieser Glaube ist in sich ein Nachweis des Gegenteils: Alles wird sich ändern.

Zu dieser Überzeugung gehört auch ein Mangel an Motivation in den Leuten. Sie denken, alles Erreichbare bereits geleistet zu haben. Und nun sei es nur noch an ihnen, den Ertrag einzufahren. Wir sehen das im imperialen Rom vor der Plünderung durch die Wandalen. Wir können es erneut in den USA beobachten, da sich die Menschen Lateinamerikas daran machen, sie in Besitz zu nehmen. In Europa ist es nicht anders; es ist Teil seiner Geschichte. Deutsche können den türkischstämmigen Bevölkerungsanteil nicht ignorieren, gleiches gilt für England mit seinen Menschen aus dem Subkontinent, die bereits in der dritten Generation britische Staatsbürger sind. In Frankreich sind es die Nordafrikaner.

Daher ist es für uns wichtig zu verstehen, wie der gegenwärtige Nomos seinen Anfang nahm und was ihm vorausging, um die heutige Lage und eine mögliche Zukunft zu begreifen. Es gibt Daten und Ereignisse, die als Einleitung helfen ­können und eine Zeitachse darstellen. Daran können wir das umfassendere und abstraktere Thema des Machtwechsels durch die industrielle und ideologische Revolution festmachen.

Mit dem Westfälischen Frieden begann 1648 ein soziales System zur Regelung der Beziehungen zwischen den Mächten Europas. Der Niedergang dieses Systems fand mit der Französischen Revolution (1789) seinen Anfang, gefolgt von den Napoleonischen Kriegen (1799-1815) – trotz aller Versuche der europäischen Mächte, es 1815 auf dem Wiener Kongress wieder neu zu errichten. Die Französische Revolution führte nicht zur Abschaffung dieser Ordnung, sondern es war die Serie der Schläge des Ersten Weltkriegs, die sie untergehen ließ. Es handelt sich hierbei um einen schritt­weisen Prozess. Dieser beinhaltete die Revolutionen von 1848, die endgültige Schaffung des Staates (wie am Beispiel Deutschlands 1871 ersichtlich) sowie ­einen sozialen und wirtschaftlichen Wandel, bis dieses System zum Ende des Großen Krieges vollständig verschwand.

Dieses europäische Rechtswerk basierte auf einem System souveräner Staaten, das bei den meisten Historikern abstrakt als der „Alte Staat (Ancien Régime)“ ­bekannt ist. Es umfasste sämtliche Monarchien des Kontinents und war durch eine hierarchische Trennung im Staate gekennzeichnet. Es gab die Monarchie, den Adel, die Kirche und das Volk. Die Monarchie, als Herrscher über die ­zeitlichen Angelegenheiten dieser Welt, wurde theologisch durch die Kirche ­legitimiert.

Herrschaft beruhte auf der Aufteilung des Territoriums, das vom Adel kontrolliert wurde. Dieser verfügte über das Recht und den Schutz in den Ländereien, die ihm vom König zugeteilt wurden. Im Austausch für dieses Privileg versorgte die Nobilität den König mit Soldaten und den eingesammelten Steuern. Die Macht in den Händen von Königen und Aristokratie bestand in bewaffneter Macht und wurde durch ihr Gewaltmonopol aufrechterhalten.

Die Kirche dominierte alle spirituellen Fragen – inklusive Erziehung und Propaganda. Und weil sie das einzige Recht hatte, den König zu krönen und den Menschen das Himmelreich zu versprechen, erhielten sie, neben Monarchie und Adel, Zugang zur Macht. Beherrscht durch diese Klassen war das Volk, also die große Mehrheit. Es gehorchte im Tausch für Schutz, Gerechtigkeit und der Garantie in den Himmel eintreten zu dürfen.

Nichtsdestotrotz war diese hierarchische Ordnung nicht zentralisiert und den Individuen blieb ein erhebliches Maß an Freiheit. Es war kein totalitärer Staat, sondern vielmehr ein Kompromiss, auf den man sich geeinigt hatte, wie ein Staatsrechtler sagte.

Die Industrielle Revolution, die für einige Historiker ab 1750 begann, brachte schwerwiegende Veränderungen mit sich. Das „Ancien Régime“ beruhte im Wesentlichen auf Landbesitz – an den der Reichtum gebunden war. Sie brachte eine neue Klasse wohlhabender Menschen und Profis in den Mittelpunkt der ­Gesellschaft und führte bei den unteren Klassen zu einer Flucht vom Land in die Städte.

Machiavelli, der große politische ­Denker Italiens und Autor des „Fürsten“, sagt im Kapitel „Wie man Städte oder Herrschaften regieren muss, die vor ihrer Eroberung nach eigenen Gesetzen lebten“, dass es innerhalb eines Staates zwei dynamische Energien gebe: der Adel und die Leute. Die Nobilität hatte das ­Monopol über Land und Handel. Mit den „Leuten“ meinte Machiavelli reiche Händler und die Fachleute, nicht die ­Unterschichten. Streit zwischen beiden bringe jede Veränderung in einer Regierung hervor.

Die Industrielle Revolution leitete die Vormachtstellung dieser neuen, städtischen Klasse ein. Parallel entwickelte sich eine liberale Ideologie – im Gegensatz zur konservativen Ideologie der Nobilität. Daher führte der Kampf dieser Klasse um die politische Vertretung und um die wirtschaftlichen Vorteile des Adels zum Zusammenstoß und Machtverlust vom „Ancien Régime“, um eine neue Ordnung zu schaffen.

In England äußerte sich dieser politische Kampf im Bürgerkrieg (1642-51). Er gipfelte in der puritanischen Diktatur, die von Oliver Cromwell aufgezwungen wurde. Verfassungsrechtlich wurde sie durch die Thronbesteigung des Marionettenkönigs William III. etabliert.

Deutschland laborierte noch unter den schwindenden Folgen eines abstrakten Heiligen Römischen Reiches und in Russland geschah es später, im Jahre 1917. Es war in Frankreich, wo diese politische Auseinandersetzung die gröbere Form eines Bürgerkrieges annahm, der zum Vorbild für den Rest Europas werden sollte. Es hatte seinen Grund, dass der österreichische Staatsmann Fürst Metternich sagte: „Wenn Frankreich niest, bekommt Europa eine Erkältung.“ Dieses Zitat ist auch heute noch von Bedeutung.

Die Französische Revolution stürzte 1789 die Monarchie von Ludwig XVI., beendete den alten Nomos und brachte ein neues System an die Macht – den modernen Staat. Der neue revolutionäre Staat nahm durch Bürgerkrieg seinen Anfang. Er hatte seine Fundamente in der weitverbreiteten Unzufriedenheit mit der Monarchie bei den Massen – verursacht durch Hunger, Rezession und militärische Niederlagen. Mit Hilfe der Demagogie gelangte das Bürgertum an die Macht – eine Klasse von Fachleuten und Neureichen. Unterstützt wurden sie von den Massen, die dem Rausch des Wandels verfielen. Aber dieser änderte wenig an der Art und Weise, wie sie lebten.

Das neue Regime schaffte die alten Trennungen der Gesellschaft ab und ersetzte sie durch einen zentralisierten Staat. Der Ort, der früher vom König eingenommen wurde, ging nun an eine Versammlung gewählter Vertreter über. Die hierarchische Ordnung und Macht der Kirche wurde abgeschafft. Der Kultus von Gott wurde verboten und durch die Lehre von Menschenrechten und Gleichheit ersetzt. Die Armee wurde vom Adel getrennt, durch massenhafte Wehrpflicht neu erfunden und von der Volksversammlung kontrolliert.

Wo in der Ordnung der Kirche die Menschen zuvor Sünder waren, wurden sie nun zu Bürgern. Das Land wurde nicht länger nach den Regeln des feudalen Vertrags aufgeteilt. Vielmehr gehörte es dem Staat. Wahlen und das allgemeine Stimmrecht für Männer ersetzten die Vereinbarung zwischen dem König und der Nobilität – sowie zwischen ihr und den Menschen. Jedoch wurde die Versammlung von wechselnden politischen Gruppierungen dominiert, die – trotz aller hehrer Ideale – bald eine Diktatur der Wenigen etablierte.

1799 führte Napoleon, zuvor ein General der Französischen Republik, einen Staatsstreich an und wurde Erster Konsul auf Lebenszeit. Er schuf eine Diktatur im Stile römischer Tyrannen. Durch eine Serie von Kriegen (1799-1814/15) schuf er einen neuen Typus des totalitären Staates. Dieser beruhte auf der Zentralisierung von Macht sowie der Kontrolle von Armee und Währung. Was die Französische Revolution tatsächlich erreichte und was Napoleon perfektionierte, war ein System, das sich vollkommen von der „Alten Ordnung“ unterschied.

Statt eines göttlichen Auftrages beanspruchte es Legitimität durch säkulare Mittel und gewann die Kontrolle über die Bevölkerung auf mehr aggressive als subtile Weise.

Die Bourgeoisie brachte die Monarchie nicht zu Fall, um die Interessen der Menschen zu schützen, sondern eher, um ihren Platz und ihre Privilegien einzunehmen. Das neue revolutionäre System führte einen unumkehrbaren Wechsel in das europäische Völkerrecht ein und veränderte das Gleichgewicht der Mächte.

Als die europäischen Herrscher Napoleon 1815 bei Waterloo besiegten und sich bemühten, das „Ancien Régime“ auf dem Wiener Kongresse wieder aufzurichten, versuchten sie eigentlich, etwas zu reanimieren, das bereits eine Leiche war.

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Luqman Nieto

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