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Wie wirken wir auf unsere ­Umwelt?

Muslimisches Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen

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Foto: Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Kein Mensch ist eine Insel“, lautet die bekannte Zeile des englischen Dichters John Donne. Sie ist eine Erinnerung daran, dass wir durch das Miteinander mit anderen geprägt sind. In vielerlei Hinsicht ist es die Begegnung, die unserem Selbst überhaupt erst die Chance verleiht, seine vollsten Potenziale zu entfalten.

Für Muslime ist das keine neue Erkenntnis. Trotz der natürlich individuellen, wenn nicht gar intimen Beziehung des je Einzelnen zur Göttlichkeit, ereignet sich diese Spiritualität und rituelle Praxis in einem schützenden gemeinschaftlichen Rahmen. Grundlegende Rituale sind ohne den Anderen gar nicht denkbar.

Und im Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, haben wir das schönste Beispiel eines Menschen, dessen Leben dem Gespräch mit Anderen gewidmet war. Im Qur’an wird er als derjenige beschrieben, der die göttliche Botschaft zu überbringen hat. Er, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, war ein Bringer guter Botschaften und ein Warner.

Vorbild für den ­gemeinsamen Austausch
Im gewissen Sinne lässt sich seine Mission, sein praktisches (und zu praktizierendes) Vorbild sowie das um ihn entstandene Urmodell einer muslimischen Gemeinschaft auch im Sinne eines Gespräches verstehen. Der Gesandte Allahs war bekannt dafür, dass sich seine Beredsamkeit der Aufnahmefähigkeit seiner Gegenüber anpasste. Das ging so weit, dass er die gängigen Dialekte der arabischen Stämme seiner Zeit beherrschte.

Als Muslime sind wir dazu aufgerufen, den expliziten und impliziten Anweisungen und Vorbildfunktionen unseres Gesandten, Allahs Heil und Segen auf ihm, zu folgen, soweit uns das möglich ist. Dazu zählt unter anderem die, auch im Qur’an festgehaltene, Anweisung, mit den Menschen auf „die beste Art und Weise“ zu sprechen und sie über unseren Din zu unterweisen.

Gerade heute ist das Gespräch wichtig
Heute nun ist dieses Miteinander-Sprechen nicht mehr nur religiöse Pflicht oder nachbarschaftliche Notwendigkeit. Spätestens mit Beginn dieses Jahrtausends sind die Schlagworte „Islam“ und „Muslime“ in aller Munde. Erst jüngst wurde im Rahmen der Ausstrahlung des „Moscheereports“ der ARD vom Journalisten und Autoren Constantin Schreiber (siehe S. 13 und 14) deutlich, wie wichtig ein offener und professioneller Austausch von uns Muslimen mit der „Mehrheitsgesellschaft“ ist. Und es deutet sich gleichermaßen an, wie verheerend sich eine nicht funktionierende Kommunikation auf das Gespräch zwischen Muslimen und Nichtmuslimen auswirkt.

Dabei geht es, wie Engin Karahan, Jurist und Geschäftsführer von Karahan Consulting, meint, nicht nur um eine „schöne Verpackung“. Es zeige sich, dass es gerade in großen Gemeinschaften nicht ausreiche, „dass einige wenige sich Sorgen um die Außenwahrnehmung machen“. Man habe es hier nicht bloß mit „Marketing“ zu tun. „Es geht nicht einfach um eine schöne Verpackung: Das Innere wirkt sich auf das Äußere aus, wird aber wiederum auch von äußeren Einflüssen berührt.“ Der Jurist beklagte ein Fehlen von Inhalten, „die eine gewisse Originalität“ besäßen. Im positiven Fall könnten diese „die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit“ auf sich ziehen. Und wenn es an den Inhalten fehle, sei es tatsächlich schwierig, von sich aus an die Öffentlichkeit zu treten. „Was soll denn dann kommuniziert werden?“

Mit Blick auf die Krisen der letzten Monate müsse man leider feststellen, dass gerade bei den großen muslimischen Gemeinschaften die Schere zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung sehr weit auseinander liegen könne. „Das hat damit zu tun, dass wir noch immer Verantwortungsträger in den Gemeinschaften haben, die selbst nicht in der Lage sind, die öffentliche Meinung über die eigene Gemeinschaft selbstständig wahrzunehmen.“ Sie seien davon abhängig, dass diese adäquat an sie herangetragen würden. Das scheine jedoch nicht immer zu funktionieren.

Interessiert uns, was die anderen denken?
Seit einiger Zeit – und in eskalierendem Ausmaße – hat es den Ausdruck, dass signifikante Teile der muslimischen Gemeinschaften – wie andere auch – verstärkt in sogenannten Filterblasen leben. Das haben sie mit anderen Elementen unserer Gesellschaft gemein. Eine der Folgen ist, dass wir kollektiv immer weniger darüber reflektieren, wie wir von unserer Außenwelt wahrgenommen werden.

Dieser Zustand hat sicherlich verschiedene Gründe. Zum einen spielen Diskriminierungserfahrungen mit anschließender Abwendung sicherlich eine Rolle. Zum anderen kommt hier durchaus auch eine gesteigerte Identitätspolitik hinzu, die vor allem auf die gesteigerte Identifikation mit der eigenen Gruppen setzt. In ihrem Rahmen braucht es den Anderen vor allem, damit man sich von ihm abgrenzen kann.

Hierzu haben wir den taz-Journalisten Daniel Bax befragt, der seit Jahren im Rahmen seiner Tätigkeit immer wieder auch mit Muslimen und ihren Organisationen im Gespräch ist. „Die Kommunikation ist schwierig“, so der Fachautor, „wenn man die Ansprechpartner nicht kennt und wenn man sie kennt, sind sie nicht immer zu erreichen oder antworten nicht immer.“ Einige Vertreter von muslimischen Verbänden seien im Umgang mit Medien sehr geübt. Andere, größere Verbände seien oft schwerfällig in ihren Strukturen.

Das hat in Bax’ Beschreibung ganz praktische Folgen für die journalistische Arbeit: „Da kann man selbst – oder vielleicht gerade – in Krisensituationen tagelang auf eine Antwort warten, etwa bei DITIB, und die Pressemitteilungen dazu sind auch eher unbefriedigend.“ Insgesamt sei die Pressearbeit in den letzten Jahrzehnten aber besser geworden.

Soweit es die Außenwahrnehmung von Muslimen betrifft, sieht der taz-Autor allerdings Beschränkungen für diese. Ihre Möglichkeiten, auf die öffentliche Debatte einzuwirken, seien begrenzt. Sie könnten nicht entscheiden, über welche Themen diskutiert werde. „Die Agenda wird meist durch die Medien oder Politiker gesetzt oder von bestimmten Ereignissen bestimmt.“ Und es liege nicht an ihnen, ob ihre Stimme wahrgenommen werde.

Jetztzustand
Engin Karahan sieht den momentanen Zustand der muslimischen „Öffentlichkeitsarbeit“ eher kritisch. Von einer proaktiven, die Inhalte bestimmenden und eigene Positionen einbringenden Öffentlichkeitsarbeit könne leider nicht gesprochen werden. „Vielmehr nehmen wir muslimische Gemeinschaften zumeist öffentlich nur wahr, wenn über sie berichtet wird.“ Die Gemeinschaften träten in diesem Fall eher reaktiv auf.

Heute könne man davon ausgehen, dass weite Teile der Gemeinschaftsstruktur zumindest nicht mehr an der Sprachbarriere scheitern müssen. Hier zeige sich, dass gute Deutschkenntnisse zwar zu den Voraussetzungen für eine gute Öffentlichkeitsarbeit gehören, aber kein alleinstehendes Kriterium seien. „Gerade die Debatten um den sogenannten ‘Moscheereport’ in der ARD zeigen, dass für den richtigen Umgang mit den Medien einfach mehr dazu gehört.“ Hier habe man es mit Haltungen zu tun, die man als naiv beschreiben müsse.

Gibt es Chancen zur Verbesserung?
Nicht erst mit Beginn der Ausstrahlung des „Moscheereports“ wird engagiert unter Muslimen diskutiert, ob und wie Muslime ihre Kompetenzen in der Kommunikation mit anderen steigern können.

Für Daniel Bax gibt es durchaus Möglichkeiten, wie sich die Öffentlichkeitsarbeit, aber auch die Außenwahrnehmung der muslimischen Gemeinschaften verbessern ließen. Würde sich der Koordinierungsrat der Muslime, so Bax, darauf konzentrieren, ein zentraler Ansprechpartner für die Presse zu sein, und konkrete Anfragen an die richtige Person weiter leiten oder Kontakte vermitteln, dann wäre schon viel gewonnen. „Dann müsste er finanziell und organisatorisch besser ausgestattet sein, nehme ich an. So bleibt es Glückssache, ob ein Journalist, der sich nicht so gut auskennt, wirklich denjenigen Ansprechpartner oder die Kontaktperson findet, die er sucht.“

Nach Ansicht des taz-Autoren könnten Muslime manchmal schneller regieren und ihre Stimme deutlich vernehmbar machen, wozu sie nicht einmal unbedingt mit einer Stimme sprechen müssten. Auch sollten sie mehr auf die Dinge hinweisen, die sie tun. „Damit meine ich die Arbeit mit Flüchtlingen oder das ehrenamtliche Engagement in anderen Bereichen. Der ‘Tag der offenen Moschee’ ist ja ein Beispiel dafür, wie es gelungen ist, ein Ereignis zu setzen, das durchaus von einer breiten Öffentlichkeit und den Medien wahrgenommen wird.“ Es brauche mehr solcher Gegenpole zur Negativberichterstattung, „die leider überwiegt“.

Für Engin Karahan könne es eine „wirkmächtige Öffentlichkeits- und Medienarbeit“ nur mit einer entsprechenden Berücksichtigung von politischen und gesellschaftlichen Aspekten geben. „Eine Öffentlichkeitsarbeit, die politische und gesellschaftliche Implikationen nicht berücksichtigt, kann sogar mehr schaden, als dass sie nützt“, ist die Quintessenz des Kölner Juristen.

Konkret bedürfe es einer Verschränkung der Lebenswelten. Wenn das Innen hermetisch von dem Außen getrennt sei, werde Kommunikation nicht funktionieren. Muslimische Akteure auf dem Feld bräuchten Qualifikation darin, wie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit funktioniere. „Entweder baut man diese Erfahrung in einem langwierigen Trial-and-Error-Prozess auf oder man lässt sich beraten.“

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Sulaiman Wilms

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