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Will das US-Militär seinen Krieg über die Grenze nach Pakistan ausweiten? Von Shahid R. Siddiqi, Baltimore

Eskalation am Hindukusch

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Der NATO-Angriff auf einen pakistani­schen Grenzposten hat deutlich gemacht, dass die Geduld dieser muslimischen ­Nation ihre Grenzen hat. Es bleibt offen, ob die USA tatsächlich gewillt sind, den Krieg über die Grenze zu tragen.

(iz). Befürchtungen werden lauter, wonach das Scheitern des Westens, den Krieg in Afghanistan zu gewinnen, das Pentagon zwingen ­könnte, den Krieg nach Pakistan auszuweiten. Das US-amerikanische Verteidigungsministerin würde gerne seine Niederlage auf später verschieben und versuchen, seine Macht vor weiterer Unterminierung zu bewahren. Es gibt Hinweise, wonach das militärische Establishment nicht gewillt ist, den Krieg zu verringern, wie es in den Plänen Obamas vorgesehen ist. Heute wird es von der Doktrin des „permanenten Krieges“ aus dem Grund angetrieben, der bereits vom ehemaligen Präsidenten Eisenhower dargelegt wurde: Es sind Kriege, die „den militärisch-industriellen Komplex“ befeuern.

Sollten die Republikaner nach den Zwischenwahlen die Kontrolle im US-Senat übernehmen, können Neokonservative, Mitglieder der Tea Party und die Konservativen vermehrte Angriffe innerhalb Pakistans fordern. Sollte es dazu kommen, werden Pakistans Stammesgebiete (FATA) zum nächsten Kriegsgebiet, nach dem gleichen Muster wie in Vietnam. Genauso wie die Amerikaner in Kambodscha und Laos einfielen, um kommunistische Lager anzugreifen und dann den Krieg verloren, kribbelt es ihnen in den Fingern, den gleichen Fehler wieder zu begehen.

Die Eskalation des Krieges wäre eine sehr gefährliche Entwicklung. Sollte es dazu kommen, stünden die ISAF-Truppen gegen eine starke, professionelle Armee mit einer halben Million Soldaten. Wenn sie schon unfähig sind, eine wesentlich geringere Zahl an Taliban-Kämpfern zu kontrollieren, muss es sich erweisen, wie die ISAF gegen solch eine Macht bestehen will. Eines ist sicher: Eine solche Entwicklung gibt dem Krieg in der so genannten AFPAK-Region eine dramatischere Dimension.

Seit neun Jahren hat die erzwungene Be­teiligung Pakistans am Krieg nichts als Tod, Zerstörung und Leiden für die Menschen in diesem Land gebracht. Sie zerstörte Frieden und Stabilität und förderte eine Kultur des religi­ösen Extremismus. Ungeachtet dessen, was Pakistan bereits durchmachen musste, verlangen die Amerikaner weiterhin danach, „mehr zu tun“.

Die Drohung seitens General Petraeus, einseitige Operationen innerhalb Pakistans zu unternehmen, wenn dessen Armee weiterhin dabei scheitert, militante Gruppierungen in Nordwaziristan auszuschalten, wurde durch NATO-Kampfhubschrauber unterstrichen. Sie verletzten am 30. September den pakistanischen Luftraum im Distrikt Kurram und griffen einen Grenzposten an. Dabei wurden drei pakistanische Soldaten getötet und zwei verletzt. Angeblich soll Petreaus Grenzüberflüge von Helikoptern gefordert haben. Das gleiche solle für intensivierte Drohnenangriffe gelten.

Islamabad interpretierte die Überflüge und Hubschrauberangriffe als Versuchsballon, um die Lage zu testen und eine Reaktion der pakistanischen Armee zu provozieren. Die Rechtfertigung dafür – die „heiße Verfolgung“ von Aufständischen – wurde als bloße Vertuschung ausgelegt. Pakistans Armee argumentierte, dass ISAF-Kommandeure in Afghanistan genau wissen mussten, und auch ihre Piloten, dass es keine Vereinbarung mit Pakistan über die Regeln für eine solche „heiße Verfolgung“ gebe. Und dies bedeutet, egal wie „heiß“, dass diese Verfolgung dort endet, wo der schmale Grat der pakistanischen Grenze beginnt.

Um jede ISAF-Hoffnung zunichte zu machen, Nutzen aus diesem Abenteuer zu ziehen, hat Pakistans Militär stärksten Protest eingelegt und eine Untersuchung verlangt. Ähnliches tat die weichliche Zardari-Regierung auf die ihr eigene, schwächliche Art. Die gemeinsame Untersuchungskommission stellte fest, dass der Feuerüberfall, die frühere Verletzung des pakistanischen Luftraums und der damit verbundene Tod pakistanischer Soldaten vermeidbar waren. Islamabad erklärte, dass dieser Akt eine eindeutige Verletzung des UN-Mandats für den ISAF-Einsatz in Afghanistan darstelle und daher inakzeptabel sei. Washington wurde klar gemacht, dass sein Mandat an der afghanischen Grenze „endet“. Darüber hinaus verlangte Pakistans Regierung eine Entschuldigung, sowie eine Versicherung, dass dies nicht wieder geschehen werde sowie Maßnahmen gegen die Verantwortlichen. Als Vergeltungsmaßnahme wurde der Grenzübergang Torkham unbefristet geschlossen, nur um zehn Tage später unter hektischen Bemühungen, Entschuldigungen und Versicherungen seitens der ISAF wieder geöffnet zu werden.

Die westlichen Truppen in Afghanistan führen 80 Prozent ihrer Ausrüstung – von Lebensmitteln bis Treibstoff – über den Hafen Karachi ein, von wo aus die Versorgungsgüter über Torkham nach Afghanistan gebracht werden. Zu jedem Augenblick befinden sich 3.000 bis 4.000 Container und Tanker – angeblich bewacht von Undercover-Wachen des Blackwater-Konzerns – auf den pakistanischen Straßen. Die Schließung des Grenzübergangs verursachte ein Versorgungsfiasko für die ISAF. Mehr als 10.000 Container und Tanker standen im Stau, während in Afghanistan die Versorgungsgüter ausblieben. In diesem Zeitraum wurden rund 150 Tanklaster für Treibstoff von Taliban und wütenden Pakistanern in Brand gesteckt.

NATO-Generalsekretär Rasmussen war der erste, den Vorfall offiziell bedauerte. Er beteuerte, dass die Tötung der Soldaten unbeabsichtigt war. Zuerst unwillig, dann aber durch Druck aus dem Weißen Haus getrieben, entschuldigten sich Petraeus und die US-Botschafterin in Islamabad Peterson öffentlich. Darüber hinaus schrieb der Chef des US-Generalstabs, Admiral Mike Mullen, ein Entschuldigungsschreiben an den pakistanischen Oberkommandierenden, General Kayani.

Indem es Washington zwang, sich ­zusammenzureißen, gab Pakistan eindeutige Signale: Pakistan ist nicht ­Afghanistan und hat seinen eigenen ­Willen. Seine Souveränität und nationalen Grenzen müssen respektiert werden. Und trotz seines engen Bündnisses mit den USA hat die Geduld Pakistans ihre Grenzen.

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