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„Wir brauchen eine Geschichte“

IZ-Begegnung mit dem irischen Übersetzer und Gelehrten Abdassamad Clarke über das Verhältnis zur Vergangenheit

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Foto: imago/Weiflfufl

„Das Schlimmste an dieser ­Perspektive ist, dass sie den Menschen auf ein Staubkorn reduziert, das von den Wellen der Geschichte getragen wird und in unserer Zeit ein hilf­loser passiver Bürger eines erdrückenden Staates ist. ­Einige Studien sind erschienen, die (…) zeigen, wie ab­hängig die Geschichte oft von einem einzelnen Mann oder einem seltsamen Ereignis war“

(iz). Der Ire Abdassamad Clarke gehört zu jenen Europäern, die in den 1970ern zum Islam gefunden haben. In Folge reiste der studierte Physiker auf Anraten seines Schaikhs in die arabische Welt, um dort von Grund auf das Arabische zu studieren. Seitdem widmet sich der allseitig gebildete Clarke, der heute in Dänemark lebt, unter anderem der Übersetzung und Vermittlung arabischer Schlüsseltexte. Mit ihm sprachen wir über Hintergründe des Übersetzens, der Geschichte und welche Rolle sie für uns heutige spielen kann.

Islamische Zeitung: Lieber Hajj Abdassamad Clarke, sie gehören zur kleinen Gruppe der in Europa geborenen, muslimischen Übersetzer, die islamische Grundlagentexte in eine europäische Sprache übertragen. Was sind die Anforderungen dafür?

Abdassamad Clarke: Wir müssen nicht das Offenkundige wiederholen: die Notwendigkeit der guten Kenntnis des Arabischen, seiner Mundarten und Gebräuche, die Kultur der Araber vor und nach dem Islam sowie das äquivalente Wissen von Sprache und Kultur, in welche man übersetzen will.

Der Übersetzer muss sich vor einigen Stolperfallen hüten: Erstens, sich für die Christianisierung des Materials zu entscheiden, indem man das Arabische eins zu eins in die Zielsprache überträgt. Die Folge ist, dass Übersetzungen gespickt sind mit Wörtern wie Gott, Religion, Litanei, Liturgie, Geistlicher oder sogar Priester. Dadurch wird Islam fatal als eine Art „Religion“ zu einer Zeit lokalisiert, wenn die große Mehrheit Religion zurückgewiesen hat – manchmal aus guten Gründen. Zweitens, der Vorzug einer archaischen Sprache wegen der Schönheit alter Übersetzungen der Bibel oder Shakespeares. Das erzeugt den Eindruck, Islam gehöre als Art Märchenerzählung zu einer legendären Vergangenheit und dass er nicht mit unserem heutigen Leben verbunden ist. Tatsächlich gibt es nichts innewohnendes in unserem arabischen Quellenmaterial, das einen antiquarischen Ansatz nötig machen würde, obwohl es sehr zugänglich ist für moderne europäische Sprachen. Die Bewley-Übersetzung des Edlen Qur’ans ist ein wunderbares Beispiel dafür. Sie spricht so direkt zu uns heute, dass es sogar Araber gibt, die den Qur’an durch sie zum ersten Mal entdeckt haben.

Allzu gelehrige Übersetzungen, die sich stark auf Fußnoten und Referenzen verlangen und zu viele Ausdrücke in Klammern haben, gehören ebenfalls dazu. Gelehrsamkeit hat ihren Platz und Zweck, aber im Wesentlichen sollten Übersetzer Arbeiten zugänglichen für eine allgemeine intelligente Leserschaft machen.

Wir sollten uns alle darüber im Klaren sein, dass das Übersetzen eine gute Metapher für die Arbeit ist, die wir hier in Europa leisten müssen. Es ist ein Akt der Übersetzung nötig; der gleiche Akt, den die Türken, Afrikaner, chinesischen Hui und andere Nationen vor uns getan haben. Sie praktizieren einen absolut klaren Islam und doch ist er in ihren einheimischen Kulturen absolut natürlich gekleidet. Das ist heute unser Job in Europa.

Islamische Zeitung: Kann der Übersetzer hinter dem Text verschwinden oder gibt es „etwas“ von ihr/ihm in seiner Arbeit?

Abdassamad Clarke: Es ist dem Übersetzer unmöglich, Spuren seines Selbst zu entfernen. Aber der Fokus muss auf der getreuen Übertragung des Werkes liegen. Dies tuend, wird seine eigene Handschrift immer offenkundig sein.

Islamische Zeitung: Sie haben arabische beziehungsweise islamische Werke übertragen, die historische Fragen behandeln. Wir überbrücken Sie die Lücke zwischen vergangenen Ereignissen und heutigen LeserInnen?

Abdassamad Clarke: Die Frage ist komplexer. Wegen der Besonderheiten des Christentums in Europa haben Historiker den Islam im Grunde aus der Geschichte heraus geschrieben – es sei denn, es handelt sich um spezialisierte Bücher. Dankenswerterweise erscheinen solche immer häufiger. Aber es ist korrekt, zu sagen, dass Islam für den durchschnittlichen Menschen im Westen eine seltsame Anomalie der Geschichte ist. Muslime tendieren hier zur Überkompensierung – Araber/Muslime gaben uns Mathematik etc. –, was ebenfalls die Perspektive verzerrt.

Eine zeitgenössische Person, inklusive vieler Muslime, muss sich die Mühe machen, einen fremden Ort zu besuchen, wenn sie auf den Islam blickt.

Das Überbrücken des Grabens kann durch Fußnoten, Vorworte und Anhänge erreicht werden. Diese werden aber manchmal zudringlich und es ist besser, das Werk für sich selbst sprechen zu lassen. Die Arbeit des Herstellens von Bezügen zwischen Vergangenheit und Gegenwart muss in einer anderen Arena stattfinden. Eine Gruppe von uns in Norwich verfolgte das durch verschiedene Ansätze: dem Norwich Conference Network und dann später der Muslim Faculty of Advanced Studies. In der letzteren stellen wir uns vier Fragen: 1. Wo stehen wir? 2. Wie sind wir dorthin gekommen? 3. Wo wollen wir sein? 4. Und wie kommen wir da hin? Offenkundig bedingen sich diese Fragen und ihre Antworten. Und spezifischer: Wir können nicht verstehen, wie wir ins Heute gekommen sind, wenn wir keinen Sinn für Geschichte haben.

In der zweiten Initiative umrissen unser Studiendirektor, Dr. Tobias Sahl Andersson, und ich in zwei Antrittsvorlesungen einen Plan der historischen Studien, der es uns ermöglichen würde festzustellen, was geschehen ist, wer beteiligt war und die Bedeutung dieser Ereignisse zu begreifen. Es gibt natürlich Elemente von dem, was akademisch ist, aber der Fokus liegt darauf, dass die Person mit der Arbeit beschäftigt ist, um sozusagen „dahin zu gelangen, wo wir gerne wären“. Akademiker zu sein, ist kein unmittelbarer Vorteil für die Menschheit.

Islamische Zeitung: Apropos Geschichte, die des Islam beziehungsweise von Muslimen folgt häufig äußeren Narrativen und Perspektiven. Glauben Sie, es gibt einen eigenständigen Ansatz in Hinblick auf Methodenlehre der Geschichtsschreibung? Wenn ja, wie könnte dieser aussehen?

Abdassamad Clarke: Moderne orientalistische Lehre beginnt mit der Annahme, dass Muslime unzuverlässig und unehrlich seien. Und dass wahre Geschichte auf westlicher Geschichtsschreibung beruhen muss. Das ist offenkundig eine unwissenschaftliche Annahme, die zu so absurden Arbeiten wie denen von Tom Holland führte.

Allzuleicht vergisst sich, dass ein Schlüsselelement des Qur’an darin besteht, dass Allah Geschichten erzählt – von den Alten, früheren Gemeinschaften, Propheten, von Gläubigen und Ungläubigen. All das reicht zurück bis Adam, dem ersten Menschen und auch ersten Propheten. Geschichten machen ein Drittel des Qur’an aus – nach Tauhid (dem Wissen von der Einheit) und den Ahkam (den Regeln, die das Verhalten in der Anbetung und im Alltag bestimmen). Es gibt eine Metasicht der Geschichte im Qur’an. Hier finden sich Passagen, die im allgemeinen Sinne darüber sprechen, wie Geschichte arbeitet; und über reguläre Muster, die sich in ihr finden lassen. Das formte die Sichtweise muslimischer Gelehrter bei der Betrachtung eigener oder fremder Geschichte. Ein Beispiel dafür war Al-Biruni, der sein Großwerk über Indien schrieb.

Die Muslime unternahmen große Anstrengungen, um zuerst die tatsächliche Geschichte des Propheten, Friede sei mit ihm, zu begründen, indem sie die Wissenschaften der Hadithe mit wirklich kritischen Ansätzen anwandten. Jeder mit Kenntnis von den Traditionen des Tafsirs, Hadith und Fiqh wird sofort erkennen, dass das uneingeschränkte kritische Ermittlungen waren und nicht bloß das Werk eines milden, blinden Glaubens.

Ausgehend von dieser Grundlage hat eine beträchtliche Anzahl muslimischer Historiker mit denselben Werkzeugen gearbeitet, um unsere Geschichte zu dokumentieren. Beispielsweise dafür sind At-Tabari, Al-Baladhuri, Ibn Sa’d mit seinen biographischen Werken sowie Abu Nu’aim in seinen umfangreichen Biografien. Dr. Andersson schrieb seine Doktorarbeit über die Geschichte von Khalifa ibn Khajjat, einem der Lehrer von Al-Bukhari. In den frühen Generationen versuchten sie, verlässliche Berichte darüber zu sammeln, was passiert war, sowie wann und wer die Akteure waren. Spätere Historiker schrieben dann großartigere narrative Geschichten, die sich auf ihre Arbeit stützten. Sie behandelten die Geschichten früherer Völker wie die Perser und die Berber. Aber das enorme Feld der Biografien von Khalifen, Amiren, Gouverneuren, Imamen, Sufis und Gelehrten ist der Fels unserer historischen Studien.

Als Ibn Khaldun Jahrhunderte später mit seinem eleganten und kritischen Verständnis von Geschichte erschien, kam er nicht aus dem Nichts. Vielmehr war er eine glänzende Verwirklichung der gelehrten und kritischen Wissenschaft von Geschichte, welche die Muslime immer hatten. Die frühen Historiker hatten die Wissenschaft des Isnads, der sich in seiner Essenz darauf herunterbrechen lässt, wie man eine Tatsache lernte. Wer hat dir das gesagt? War er/sie verlässlich? Was war sein/ihr Charakter? Kommt diese Tatsache durch verschiedene Überlieferungsketten, sodass es nur schwerlich vorstellbar ist, dass es einen Fehler geben kann wie bei einer singulären? Daher wurden viele Überlieferungen entfernt, weil ihre Überlieferer – die ansonsten vertrauenswürdig waren – die politische Neigung zum Anspruch hatten, dass das Kalifat in die Familie des Propheten gehörte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Die Leute misstrauten ihrer Fähigkeit, gelehrte Genauigkeit aufrechtzuerhalten. Vor allem, wenn es sich um einzelne unbegründete Erzählungen handelte, obwohl ihre Erzählungen zu anderen Themen keinerlei Probleme bereiten könnten.

Ibn Khaldun fügt dann dem existierenden Apparat eine große Menge gesunden Menschenverstand hinzu. Er sagt, es ist schön und gut, dass diese hervorragenden Männer und Frauen diese Erzählungen vermitteln, aber widersprechen sie der Rationalität? Und er weist anhaltend fantastische Überlieferungen zurück, die aufrechterhalten wurden wie die Menge der Stämme Israels auf ihren Wanderungen durch den Sinai für vierzig Jahre. Und Ibn Khaldun war nicht allein in seinem Bemühen. Beachten Sie, dass er nicht nur ein Rationalist ist, der das Fantastische von der Hand weist, sondern die Angelegenheit kritisch und detailliert untersucht, bevor er sie ablehnt.

Sie haben das Wort „außen“ erwähnt. Während es bestimmte historische Gründe gibt, dass westliche Gelehrte auf den Islam von außen als etwas feindliches blicken, gibt es die Tatsache, dass das, was nach Descartes in Europa entstand, die Welt selbst als etwas Äußeres ansah. Das ist etwas, an dem Heidegger heroisch arbeitete, um eine andere Basis zu schaffen. Die neue Geschichte, die wir brauchen, wird vom Inneren geschrieben, und nicht von der entrückten Position eines Beobachters.

Islamische Zeitung: Gibt es eine normative Sicht auf menschliche Geschichte oder hängt sie vom individuellen Gelehrten ab?

Abdassamad Clarke: Geschichte ist wie bei allen Wissenschaften die Anstrengung einer Gemeinschaft von Gelehrten. Sie bauten gegenseitig auf den Werken anderer auf, kritisierten sie usw. Innerhalb dessen gibt es Denkschulen, sich brillant widersprechende Gelehrte und all die anderen Dinge, die auf jedem anderen Wissensgebiet bestehen. Wie in unserem gegenwärtigen akademischen Umfeld kann es auch eine bestimmte Schule geben, die eine Art beherrschende Orthodoxie ist, die nicht wirklich wahr oder produktiv ist, sowie das Denken erstickt.

Unter den Muslimen gab es beispielsweise die Mu’tazila, die keine Historiker waren, sondern dem am nächsten kamen, was bei Muslimen eine „Kirche“ gewesen wäre. Heute gibt es eine Reihe solcher Schulen im westlichen Denken. Beispielsweise sind das Apologeten der sogenannten Aufklärung, die seltsamerweise auch ziemlich ausgesprochene Befürworter von Kapitalismus und Finanzindustrie sind, von Niall Ferguson bis Steven Pinker. Letzterer ist zwar kein Historiker, hat sich aber auf dieses Gebiet begeben. Es gibt auch die verschiedenen Splitterfraktionen des Postmodernismus, wie er derzeit akademisch ganz in Mode ist.

Das vielleicht Interessanteste an unserer Zeit ist, dass sich die scheinbare Festigkeit dieser verschiedenen Schulen auflöst, was sowohl alarmierend als auch belebend sein kann.

Islamische Zeitung: Lieber Abdassamad Clarke, was wären in Ihren Augen die wichtigsten Arbeiten und Schulen der Geschichtswissenschaft in der islamischen beziehungsweise muslimischen Welt?

Abdassamad Clarke: Das Rückgrat muslimischer Geschichtsschreibung stellt die Isnad-Tradition dar. Diese klärt durch Ketten der Überlieferung verlässlicher Quellen, was geschah und wer die Handelnden waren. Der wichtigste Typ Isnad sind natürlich die Mutawatir-Traditionen. In diesen überlieferten so viele Leute in jeder Generation an eine große Zahl der Folgegeneration, dass es keine erkennbare Möglichkeit der Fälschung gibt. Anstelle mehrerer konkurrierender Schulen würde ich vorschlagen, dass es eine zentrale Schule mit einigen konkurrierenden peripheren Schulen gibt, zum Beispiel die der Schiiten.

Islamische Zeitung: Welche Rolle und Position nimmt der bekannte Gelehrte Ibn Khaldun in Ihren Augen ein?

Abdassamad Clarke: Ibn Khaldun war einer der Männer, die wirklich die Frage nach den Bedeutungen von Ereignissen stellte. Qadi Abu Bakr ibn Al-‘Arabi ist auch wichtig für sein Buch „Verteidigung gegen die Katastrophe“ über die inneren Unruhen, die innerhalb der ersten Gemeinschaft des Islam ausbrachen. Es ist erstaunlich, dass beide Männer neben der Fundierung ihrer Arbeiten auf dem, was durch die Isnad bestätigt ist, Rechtsgelehrte und Richter waren. In dieser Eigenschaft waren sie die Aufgabe gewöhnt, eine Unzahl von Daten in eine Perspektive zu bringen. Denn Fiqh bedeutet „Verstehen“, aber hier in seinen Einzelheiten. Als Praktiker des Rechts waren sie der menschlichen Natur in all ihren Facetten ausgesetzt – wie Widersprüche in der Beweislage. Darüber hinaus hatte Ibn Khaldun Einblick und Zugang zur Macht. Er gehörte zur Elite und war in seinem ganzen Leben immer wieder Teil eines Hofes. Er verstand das Funktionieren von Macht und wie mächtige Frauen und Männer sich verhielten. Seine Einblicke in dieser Hinsicht sind einer frischer Wind.

Am wichtigsten ist, dass er versucht, nicht nur die Geschichte zu beschreiben, sondern die Natur dessen, was wir die Polis nennen würden. Er hat viel von den Griechen geerbt, aber auf eine so natürliche Weise, dass man kaum merkt, dass es passiert ist. Er untersucht sowohl die Natur der Zivilisation als auch die Geschichte.

Die Leute, die ihn ernst nahmen, waren natürlich die Osmanen. Professor Recep Sentürk veröffentlichte einige interessante Einblicke hierzu. Ein Aspekt war, dass die Osmanen die zyklische Natur von Stämmen erkannten, die die sesshaften Menschen wegfegten, bevor sie „zivilisiert“ wurden, und diese Völker aus der Peripherie immer wieder in den Mittelpunkt ihrer politischen Macht rückten, um ihre Gesellschaft wieder zu beleben. Das verlieh ihrer Gesellschaft eine Widerstandsfähigkeit und Langlebigkeit, die außer bei den Römern unerreicht blieb.

Islamische Zeitung: Im letzten Jahrhundert und insbesondere in den vergangenen Jahrzehnten wurde das klassische Narrativ der Geschichte überholt durch strukturalistische Ansichten. Eine Folge davon ist das Verschwinden des Menschen als bestimmenden Faktor? Gibt es eine Alternative zu dieser düsteren Vision?

Abdassamad Clarke: Das Schlimmste an dieser Perspektive ist, dass sie den Menschen auf ein Staubkorn reduziert, das von den Wellen der Geschichte getragen wird und in unserer Zeit ein hilfloser passiver Bürger eines erdrückenden Staates ist. Einige Studien sind erschienen, die dieses unpersönliche Bild widerlegen und zeigen, wie abhängig die Geschichte oft von einem einzelnen Mann oder einem seltsamen Ereignis war – egal, ob gut oder schlecht.

Ein bekanntes Beispiel dafür ist, dass die gesamte britische Regierung vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieg geeint in ihrem Willen zum Frieden mit Deutschland war und keine Feindseligkeiten wollte. Churchill alleine wies diese Idee zurück und stritt, bis seine Sichtweise gewann. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.

Ich denke, Ian Dallas hat in seinen vier letzten Werken (zur Französischen Revolution, zum elisabethanischen Staat, zu den Römern und in seinem Meisterwerk „Die gesamte Stadt“) viel getan, um den Menschen wieder in den Mittelpunkt der historischen Studien zu rücken. Das ist natürlich nur möglich, wenn wir eine Psychologie haben, die einen gewissen Tiefgang hat. Wenn der Mensch nur eine Einheit im Staat ist, ein Bürger, können wir nicht viel von ihm erwarten.

Wenn er, um mit Heidegger zu sprechen, „Dasein“ ist, oder in der sufischen Perspektive ein Ort des Lichts und das Zentrum des Universums – im Gegensatz zum schrecklichen Klischee des Szientismus, durch den Kopernikus den Menschen vom Zentrum der Existenz entfernte –, dann können wir Dinge vom Menschen erwarten. Wie gesagt, muslimische Geschichtsstudien stehen auf den Schultern der großen Werke biografischer Zusammenstellungen, auf den Geschichten aller Individuen.

Islamische Zeitung: Lieber Hadsch Abdassamad Clarke, warum sollte uns Geschichte interessieren und was ist ihre Bedeutung für die heute Lebenden?

Abdassamad Clarke: Erstens, sind wir ein Wir? Gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich als „Wir“ verstehen können? Zweitens, welche Geschichte? Es gibt Geschichten der Wissenschaft, die einfache Geschichte mit Daten der Regierungszeiten und Schlachten der Könige, Heideggers Seinsgeschichte, Geschichten des Westens, Europas, der Muslime, Geschichten von Wirtschaft, Handel und natürlich des Bankwesens, gelehrte Studien der ‘Ulama und andere über die Tariqats.

Es ist manchmal möglich, eine dieser Geschichten zu lesen, ohne zu merken, dass sie irgendeine Verbindung zu den anderen hat, mit denen sie parallel läuft. Es ist sehr einfach, eine dieser Methoden zu wählen und eine Unterdisziplin einzurichten, in der man sein ganzes Leben damit verbringen kann, ohne etwas Wesentliches zu erreichen.

Fiqh ist die Sache, die dem Ganzen Fokus verleiht. Im Gegensatz zu der üblichen Übersetzung „Rechtsprechung“ oder gar „islamischem Recht“ bedeutet es „Verständnis“, aber im Detail. Viele Leute denken, dass es das Detail ist und manche, dass es nur das Verständnis ist. Es ist hingegen entscheidend, beide zusammen zu denken. Wir brauchen eine Geschichte. Das Fiqh der Geschichte gehört Menschen, die wissen, dass sie eine Rechnung haben, sowohl für das, was sie nicht getan haben, als auch für das, was sie tun. Mit anderen Worten, Menschen, die entschlossen sind, zu handeln.

Islamische Zeitung: Lieber Abdassamad Clarke, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Sulaiman Wilms

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