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Wir in der Pandemie

Unsere Gemeinschaften sind von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen. Unklar ist, wie lange

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Foto: imago | Sabine Gudath

(IZ/KNA). Unser Alltag wurde durch die globale Pandemie massiven Veränderungen beziehungsweise Einschränkungen unterworfen. Manche sind im Homeoffice. Andere schaffen gewohnt weiter. Müssen aber dank „Coronaferien“ veränderte Familien- und Lebensverhältnisse meistern.

Anders als bei Asterix & Obelix gibt es kein kleines gallisches Dorf, das alles anders macht. Kurzum, die Pandemie hat in gewisser Hinsicht globalen, totalen Charakter. Menschen, die sich bisher fremd waren, warten gleichermaßen vorm lokalen Supermarkt, bis ein desinfizierter Einkaufswagen frei wird.

Davon sind wir Muslime nicht ausge­nommen. Selbstverständlich gilt für uns: Wie alle BürgerInnen, KollegInnen und Familienangehörigen befinden wir uns im Ausnahmezustand. Und wie diese leisten Muslime im Gesundheitswesen, der Pflege und den vielen systemrelevanten Berufen ihren Beitrag zur Aufrechterhaltung der wichtigsten Lebens- und Wirtschaftsprozesse.

Für Angehörige von Religionsgemeinschaften kommt hinzu, dass alle relevanten Ausdrucksformen gemeinschaftlicher, spiritueller Lebenspraxis aufgrund von Kontaktsperren nicht mehr möglich sind. Wann und in welcher Art sie enden, bleibt offen.

Mittlerweile wurde Kritik von kirchlicher Seite laut, dass die mit den Kontaktsperren einhergehenden Beschränkungen des kirchlichen Lebens die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit ge­fährlich – und ohne sichere Rechtsgrundlage – beeinträchtigten. Erste Urteile belegen, dass einige Maßnahmen mit der heißen Nadel gestrickt sind und einer rechtlichen Prüfung nicht standhalten können. Damit nähern sich religiöse und religionsferne Menschen in einem gewissen Sinne an. Während die einen an den Osterfeiertagen nicht tanzen durften, konnten die anderen nicht gemeinsam die gewohnten Gottesdienste feiern.

Obschon alle großen Religionsgemeinschaften in Deutschland betroffen sind, bedeutet die Pandemie eine spezifische Belastung vieler Moscheen. Einige, besser ausgestattete konnten Imame sowie andere Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Andere, kleinere (viele unabhängige, ­verbandsungebundene) stehen vor der Herausforderung, ihr Personal, das erst einmal nicht arbeiten kann, weiterhin zu finanzieren.

Hinzu kommt, dass ein großer Teil der Moscheegemeinden für ihre Betriebs­kosten auf wöchentliche Spenden der Betenden und Mitglieder (beispielsweise nach den Freitagsgebeten) angewiesen sind. Zusätzlich wurde eine unbekannte Zahl neuerer Bau- und Renovierungsprojekte durch Kreditaufnahmen bei Ban­ken, verbandseigenen Immobilienholdings wie der EMUG oder privaten Darlehensgebern finanziert. Diese bestehen – in unterschiedlichem Maße – auf eine fortgesetzte Bedienung der anstehenden Kredit- und Darlehensraten.

Wie relevant dieses Problem ist, zeigen beispielsweise aktuell Spendenaufrufe wie die der SCHURA Hamburg. Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrates und amtierender Sprecher des Koordinationsrates der Muslime, hatte vor Wochen einen Bedarf an Staatshilfen für klamme Moscheegemeinschaften angemeldet. Und Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime meinte am 20. März: „Vor allem nicht türkische Moscheen werden voraussichtlich einen herben finanziellen Verlust erleiden, weil sie von den Kollekten bei den wöchentlichen Freitagsgebeten und vor allem im Ramadan leben.“ Für viele Moscheen bedeute dies das Aus. Schließlich könnten Imame und Gebäude nicht weiter finanziert werden.

Gerade deshalb versuchten muslimische Vertreter (namentlich von Islamrat und der IGMG), eine Öffnung der Moscheen schon im Ramadan zu verhandeln. Im Verlauf der Diskussionen setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Versuch nicht machbar sei. „(…) aber hier müssen die Verbände andere kreative Wege mit der Politik beschreiten und diskutieren, um die reale prekäre Finanznot der Moscheevereine zu verringern – eine Öffnung der Moscheen im Ramadan gehört definitiv nicht dazu!“, schrieb Zaid al-Mogaddedi hierzu auf islam.de.

Andere Vorschläge hierzu hatte ein Vertreter des Zentralrates auf einer Zoom-Konferenz. Es gebe Wege, wie Gemeinschaften ihres Finanzlasten reduzieren könnten. Dazu gehörten neben Stundung oder Aussetzung von Mieten das Kurzarbeitergeld für Imame auch die Steuerstundung für Vereine. Darüber hinaus böten Spendenpools auf PayPal sowie online-Kampagnen die Chance, auch ohne direkten Kontakt zu bisherigen SpenderInnen Mittel aufzutreiben.

Im Verlauf der sukzessiven Steigerung von Maßnahmen hat sich die muslimi­sche Community zuerst mit Aufklärung und Warnungen und dann mit handfesten Entscheidungen an die Gläubigen gewandt. Sie stand ebenso vor der Frage, wie sich wichtige Anliegen wie seelsorgerische Aufgaben weiterhin aufrecht erhalten lassen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Telefonseelsorge, welche in Berlin erfolgreich von Muslimen für Muslime und andere angeboten wird. Bei ihr steigt in Deutschland unterdessen die Zahl der Anrufe. Derzeit drehten sich etwa acht Prozent der täglichen Anrufe um das Thema Coronavirus, sagte der Leiter der Telefonseelsorge Bochum, Ludger Storch, am 12. März. Wenige Tage zuvor habe der Anteil nur bei vier Prozent gelegen. In Folge meldeten sich Menschen, die an Angststörungen litten und aushäusige Kontakte mieden, sowie Ältere und ­Gebrechliche.

Ähnlich wie die Kirchen versuchen muslimische Gemeinden, mit Internetvideos und Livestreams Ersatz zu bieten. Die Hamburger Al-Nour Moschee stellt die Freitagspredigt ihres Imams, Samir El-Rajab, in arabischer Sprache ins ­Internet. Andere Gemeinschaften und Verbände wie die Schura Hamburg bieten Beiträge auf Deutsch oder in der jeweiligen Sprache ihrer Mitglieder an. Das Freitagsgebet aus der Kölner Zentralmo­schee verfolgen nach Angaben der DITIB derzeit rund 100.000 Gläubige auf ­digitalen Kanälen.

Wenn das Ramadanfasten in der letzten Aprilwoche mitten in der Corona-Krise beginnt, stehen die Gemeinschaften vor einer beispiellosen Situation. „Das ist ein totales Novum“, sagte Zekeriya Altug vom Vorstand des größten Moscheeverbandes DITIB. „Normalerweise sind die Moscheen im Fastenmonat jeden Abend gut besucht. Viele Gläubige feiern hier gemeinsam das Fastenbrechen und hören die Koranrezitationen – das fällt wohl auf unbestimmte Zeit aus.“ Auch die abendlichen Besuche bei Angehörigen und Freunden werden stark reduziert, erwartet er. Ein Ramadan ohne Gemein­schaft – für Muslime kaum vorstellbar. „Wir brauchen komplett neue Formate“, überlegt Altug.

Die Al-Nour Moschee bereitet in diesem Dilemma das Projekt „Iftar to go“ vor, bei dem Freiwillige sozial Benachteiligten zum Fastenbrechen warme Speisen, Obst und ein Getränk nach Hause liefern. „So können wir wenigstens unserer sozialen Pflicht weiter gerecht werden.“ Von der Diskussion, das Fasten im Ramadan wegen der Pandemie abzusagen, hält Vorsitzender Daniel Abidin nichts. „Wer aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht in der Lage ist, braucht sowieso nicht zu fasten und kann es zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.“

Blicken wir auf mögliche Bedeutungen für die muslimische Community beziehungsweise Gemeinschaften. Es lassen sich die jetzt im Äußeren erlebten Phäno­mene (Isolation, Individualisierung, ­Reduktion der Lebenspraxis auf private Rituale und die Unmöglichkeit prak­tischer Spiritualität) als Manifestation latenter Potenziale deuten.

Die seit ca. zwei Jahrzehnten fortschreitende Digitalisierung und damit verbundene Verlagerung muslimischer Identität/en ins Virtuelle (und damit unter die Kontrolle des Subjektiven) hat die jetzige Manifestation schon vorab formuliert: muslimische Existenz ohne manifeste Gemeinschaft. Diese wurde schon sprachlich nachvollzogen. Von einer Verlegung des „Ramadan“ war die Rede, obwohl das Fasten im Ramadan gemeint sein sollte, denn ein Monat kann nicht verlegt werden. Neue Konzepte wie „online-Khutbas“ oder „virtuelle Religiösität“ machen die Runde.

Vollkommen offen bleibt, ob und inwiefern der offiziöse Diskurs (und das mit ihm verbundene Nachdenken) auf die zu erwartende Krise vorbereitet ist. Der evidente Einbruch „des Realen“ (mehr dazu auf Abu Bakr Riegers Corona-Tagebuch) in unsere „symbolische Ordnung“ könnte die jetzige Reprä­sentanz durch Strukturen und Einzelpersonen vor neue Herausforderungen stellen.

Was ist, wenn das Projekt der „Anerkennung“, staatlich-muslimische Kooperationen oder einfach nur öffentliche Fördermittel ausbleiben, weil sie angesichts neuer Prioritäten nicht mehr relevant sind? Hier reicht das „Spektakel“ der Symbolpolitik offenkundig nicht mehr aus, sondern es bedarf angesichts relevanter Grundrechtseinschränkungen auch das kritische Auge des praktizierten Verfassungspatriotismus.

Erste Projekte wie die von der IGMG, dem Islamrat und der Hilfsorganisation fudul angestoßene Nachbarschaftshilfe oder das Nähen von Schutzmasken (von den gleichen Organisatoren) sind möglicherweise ein Weg, um den gegebenen Umständen gerecht zu werden. Sie können auch die Relevanz von MuslimInnen in dieser Zeit belegen. Meryem Saral, Vorsitzende der IGMG-Frauenjugendorganisation, erklärte: „In einer Ausnahmesituation wie dieser müssen wir uns gegenseitig helfen und unterstützen. So schwer die Corona-Epidemie uns auch trifft, wir werden als Gesamtgesellschaft am Ende hoffentlich gestärkt daraus hervorgehen – nämlich als eine Gesellschaft die zusammenhält, wenn es darauf ankommt.“

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Sulaiman Wilms

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