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„Wir lassen unser Land zurück, aber nicht unsere Würde“

Im Gespräch mit einem Flüchtling

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Foto: Franz Ferdinand Photography | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(iz). Flüchtlinge ohne Bildung haben es besonders schwer, sich hier zurechtzufinden. Was aber ist mit denen, die alles hatten?
In Facebook kommentiert A.D. einen Beitrag über Syrien. Eine weitere Woche des Mordens und der Todesmärsche nach Europa. Die Wut ist spürbar. Die Ohnmacht nicht auszuhalten.

Er war 34 Jahre, als er dem Krieg in Syrien entflieht. Frau und Kinder lässt er zurück. Die Kleine ist erst fünf Monate alt.

Drei seiner besten Freunde werden bei einer Kontrolle auf der Straße in Idlib eingezogen. Die Militärpolizei setzt sie in einen Van, gibt jedem ein Maschinengewehr.

In der syrischen Stadt nahe der türkischen Grenze, wo sich Aufständische einen erbitterten Kampf mit den Regierungstruppen liefern, kann es jeden Mann unter 40 Jahren treffen. Jederzeit. Deshalb beschließt A.D. zu fliehen und macht sich am 9. September letzten Jahres auf den Weg.

Über seine zehn Tage andauernde Flucht möchte er nicht sprechen. Vom Krieg. Dem Elend. Es wird so oft erzählt. In allen möglichen Varianten. „In Aleppo habe ich mich beim Roten Kreuz engagiert.“ Er will nach vorne schauen. Anpacken. Etwas verändern.

A.D. sitzt in einem Szenecafé in der Mannheimer Innenstadt. Ein sympathischer Mann, modisch gekleidet. Von seinem Bachelor in Business Administration erzählt er, und dass er als Account Manager bei Syria Telecom gearbeitet hat. Er spricht ruhig, bedacht, fast leise.

Einer seiner drei Freunde ist bereits tot, von den beiden anderen hört er schon seit längerem nichts mehr. „Es gibt so viele von uns“, sagt er. „Gebildet. Engagiert. Und hier? Wir werden behandelt, als kämen wir aus der Dritten Welt.“

Er ist keiner von denen, die in den Flüchtlingsunterkünften Aufstände anzetteln, wenn es ihnen nicht schnell genug geht. Seinen Asylantrag treibt er dennoch voran, soweit es ihm möglich ist. In aller Ruhe, mit dem nötigen Pflichtgefühl. Er hält Fristen und Termine ein, informiert sich. Seine Zeit, von der er mehr als genug hat, widmet er dem Deutschen Roten Kreuz. Er teilt sein Wissen. Klar ist er fit in Excel. Er identifiziert Probleme, erarbeitet Lösungen und hilft bei deren Umsetzung mit. Das ist für ihn Integration. Partizipation, Teilhabe, von der die Politiker nicht müde werden zu sprechen. Er lebt genau dies, obwohl er am liebsten nicht hier wäre.

Noch lässt sein wacher Blick nichts ahnen von inneren Turbulenzen.

Er will zu seiner Frau und seinen zwei Kindern. „Gestern am Telefon hat sie geweint.“ Sie ist sehr tapfer. Ihre Arbeit beim Roten Kreuz und die Existenz ihrer Kinder helfen ihr. Sie macht weiter. Sie fragt sich nicht, wann sie wieder eine Familie sein werden. Wann sie wieder in Frieden leben können. Wieder ein Haus haben werden. Freunde, auf die sie sich verlassen können, in einem Umfeld, das sie akzeptiert. Diese Fragen stellen sie sich nicht. Nicht jetzt. Vielleicht später. Wenn sie ihrem Traum von einem menschenwürdigen Leben in Freiheit so nahe gekommen sind, dass er ihnen nicht mehr entrinnen kann.

Dann passiert es doch: Sein Blick verdunkelt sich. „Weshalb werde ich gezwungen, mit anderen Männern gemeinsam zu duschen? Was hat das mit Integration zu tun?“ So langsam lässt sich erahnen, wie wenig sich A.D. in Deutschland zurechtfindet. „Wir werden gezwungen, unser Essverhalten zu ändern. Und die Antwort? ‘Das ist bei uns halt so. Gewöhn’dich dran. So ist das in Deutschland.’“

Das will er nicht glauben. Plötzlich hält er ein Plädoyer für den Respekt gegenüber Andersdenkenden. Für die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, was für einen gut ist. Von der einseitigen Kost werden viele krank. Nicht ausreichend Gemüse und Obst bekommen sie. Vom faden Geschmack ganz zu schweigen. „Einem Veganer würde hier niemand sagen, was er zu essen hat! Warum uns?“ Er fühlt sich wie ein Mensch dritter Klasse. Verkannt. Verachtet. Verhöhnt.

„Wenn du als Fremder nach Syrien kommst, wirst du akzeptiert mit dem was du machen, dem was du essen oder wohin du gehen willst. Die Menschen sind gastfreundlich.“

Eine Militärattitüde Einzelner in Deutschland, ja. Aber es sind viele Einzelne. Zu viele. „Warum respektiert ihr uns nicht?“

Er redet sich in Rage und ein Facebook-Post materialisiert sich im Raum: „Esst Schwein, wenn ihr wollt, aber zwingt mich nicht dazu. Glaubt an nichts, aber versucht nicht, mich davon zu überzeugen. Betrinkt euch sinnlos, aber grenzt mich nicht aus, wenn ich nicht mitmache. Ich bin ein Mensch. Auch meine Würde ist unantastbar. Wenn ihr mich schon nicht akzeptiert, respektiert mich wenigstens. Ich bin nun einmal hier. Je früher wir miteinander auskommen, desto besser. Wenn wir unsere Angst nicht vor uns hertragen wie ein Schwert, schaffen wir das auch. Inscha’Allah.“

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