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Wir sollten von Migranten lernen

Neubürger und soziale Aufsteiger müssen oft härtere Lebenskämpfe durchstehen. Ein Kommentar von Konstantin Sakkas

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Foto: SCHURA Hamburg

(iz). In der Serie „4 Blocks“ gibt es eine bezeichnende Szene: Die Hauptfigur, der fiktive ­Berliner Clanboss Tony Hamady, sitzt in der Grundschule seines Töchterchens beim Elternabend. Eine Klassenfahrt wird geplant. Da stellt sich heraus, dass die Eltern eines Kindes das Geld dafür nicht haben. Sofort bietet Hamady an, ihnen die Klassenfahrt zu bezahlen. Ein anderer Vater aber, der wohl den klassischen Kreuzberger Hipster darstellen soll, fällt sofort ein: „für sowas gibt es doch das Amt.“

Die Szene ist ikonisch, weil sie etwas Wesentliches über die linke Szene in Deutschland aussagt: Hehren Idealen steht ein oft sehr beschränkter Sinn für Verantwortung – und auch eine gewisse Weltfremdheit – gegenüber.

Klassisch linkes Denken nähert sich nicht der Realität möglichst vorurteilsfrei und bildet sich dann seine Urteile entsprechend seinen Eindrücken. Sondern es stülpt der Wirk­lichkeit seine vorgefertigten Urteile über. Das führt unweigerlich zu Problemen; nämlich dann, wenn dieses Denken auf eine Wirklichkeit trifft, die eigentlich „nicht richtig ist“, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf.

Ein Beispiel für eine solche Wirklichkeit ist Nariman Hammouti-Reinke, deren Buch „Ich diene Deutschland“ gerade heiß ­dis­kutiert wird. Die knapp vierzigjährige Leutnantin zur See entspricht so gar nicht der ­linken Ideologie, die zwar – natürlich – Einwanderung und Diversity bejaht, aber ­verwirrt ist, wenn gerade wir Eingewanderte oder Kinder von Einwanderern häufig eine deutlich wertkonservativere Lebenshaltung haben als viele unserer vermeintlichen ­Wohltäter.

Und das aus guten Gründen: Migranten und soziale Aufsteiger müssen oft härtere Lebenskämpfe durchstehen und halten daher besonders stark an bestimmten Traditionen fest als die eingesessene Mittelklasse. Die Ablehnung solcher Traditionen durch diese Mittelklasse aber, die besonders in der urbanen deutschen Gesellschaft ein beliebter Sport ist, ist beileibe nicht immer nur ehrenvoll motiviert, sondern oft ein Zeichen von Arroganz, mangelnder Bildung und verwöhnter Bequemlichkeit.

So dürfte auch das flammende Bekenntnis einer deutschen Marineoffizierin mit marokkanischem Hintergrund zu militärischen Werten wie Verantwortungsbewusstsein, ­Kameradschaft und Ehre bei nicht wenigen für Verwirrung sorgen. Huch, eine Frau und Migrantin, die den Dienst an der Waffe ­bejaht und ein so abscheuliches Wort wie ­Kameradschaft bejahend in den Mund nimmt? Man stellt sich den Klischeeeinwanderer gern als leere Hülse vor, die dann mit den eigenen Anschauungen beziehungsweise Ideologemen zu befüllen sei; nicht als jemanden, der, gerade weil er eine besonders schwere Reise hinter sich hat, besonderen Wert auf Religion, Respekt, Hilfsbereitschaft und Selbstdisziplin legt.

Glücklicherweise tun das aber ausgerechnet viele Migranten. Spürbar ist es noch viele ­Generationen später. Neulich war ich in meinem Stammcafé Zeuge, wie am Nachbartisch zwei jugendliche Mädchen, die ganz und gar nicht wie Betschwestern aussahen, über Religion sprachen. Die eine, offenbar Muslima, erzählte ihrer Freundin, dass sie beabsichtige, zum Christentum zu konvertieren, und ­betonte dabei – zu Recht, wie ich finde –, dass es zwischen Katholizismus und Islam in der Glaubenspraxis und den Wertvorstellungen im Grunde doch viel Ähnlichkeit gebe.

Auch Nariman Hammouti-Reinke sieht nicht nur keinen Widerspruch zwischen ihrer Identität als Muslima und ihrem Dienst als deutsche Offizierin. Sie sieht auch keinen Widerspruch zwischen ihrer Identität als Frau, die Diversität bejaht, und ihrer Eigen­schaft als Angehörige der Streitkräfte. Werte sind nämlich je etwas Abstraktes. Konkrete Wirkung entfalten sie nur in Verbindung mit Tugenden, die wiederum je etwas Individuelles sind. Für Geschlechtergerechtigkeit einzutreten und sich zugleich zu wünschen, dass alle Männer Schlappschwänze seien, funktioniert nicht, denn ein unsicherer Mann ohne Selbstbewusstsein wird in seiner Vertei­digung von Frauenrechten niemals aufrichtig sein. Gegen Gewalt zu sein, aber die Erziehung zur Wehrhaftigkeit, wie Streitkräfte sie in aller Welt leisten, kategorisch abzulehnen, funktioniert nicht, denn Gewalt und Aggression sind nun einmal existenzielle Grundtatsachen, auf die ad hoc reagiert werden muss.

Integrationsarbeit täte gut daran, sich an den Werten, die wir Einwanderer der ersten und zweiten Generation mitgebracht haben, etwas abzuschauen, auch und gerade im Bildungssystem. In deutschen Schulen werden keine Tugenden vermittelt, sondern Tugendgerüste zerstört. Es bringt keinen Schüler weiter, „Schindlers Liste“ im Unterricht zu schauen, wenn sich nachher in der Großen Pause kein Lehrer traut, ihn hart anzufassen, obwohl er einen Mitschüler mobbt oder eine Mitschülerin sexistisch beschimpft.

Mit der sturen Tugendverweigerung im ­Bildungssystem – und teilweise auch im ­Mediendiskurs – kommen wir aber nicht weiter. Tugenden erfordern in ihrer Vermittlung durchaus auch Härte gegen sich selbst und andere. Umso schöner ist aber das Produkt dieser Schulung: nämlich echtes Mitgefühl, echtes Verantwortungsbewusstsein und nicht nur eine aufgesetzte Werteattitüde. Und hier kann das linke Milieu in Deutschland von seinen neuen Bürgerinnen und Bürgern einiges lernen. Das rechte ohnehin.

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