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„Wir trauern und sind müde”

Schwarze Muslime in den Vereinigten Staaten reagieren unterschiedlich auf die Proteste und Black Lives ­Matter

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Foto: Design IZ Medien

(iz). Obschon in Deutschland die Schlagzeilen teils auf andere Themen umgeschwenkt sind, bleiben Fragen nach systematischem Rassismus und Ungleichbehandlung in den USA sowie hier auf der Tagesordnung. Die Proteste in den Vereinigten Staaten – gegen bestehende Polizeiwillkür sowie gegen Diskriminierung verschiedener ­Bevölkerungsgruppen – sind keine Eintagsfliege. Obwohl sie unter dem Namen #BlackLivesMatters (BLM) bekannt wurde, ist die Organisation nur eines von mehreren Elementen. Nicht alle teilen sämtliche Inhalte.

Zu den von Rassismus und Diskriminierung Betroffenen gehören Amerikas Muslime – insbesondere die afroame­rikanischen. Sie bringen ihre Alltags­erfahrungen als Schwarze ein sowie eine gesonderte Perspektive als religiöse Menschen. Das zeigt sich an den verschiedenen Wortmeldungen von Imamen und Gelehrten.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo Muslime ihre Diskriminierungserfahrungen beinahe durchgehend säkular beschreiben, gibt es dort eine theologische Aufarbeitung. Ein Beispiel ist „Islam and the Problem of Black Suffering (Islam und das Problem des schwarzen Leidens)“ des von Dr. Sherman Jackson (siehe S. 19). Jackson entwickelt anhand eines Vergleichs zwischen zeitgenössischen christlichen Theologien und den verschiedenen muslimischen Schulen der Glaubenslehre eine profunde theologische Behandlung.

Zur Erfahrung afroamerikanischer Muslime gehört, dass ihnen von Seiten migrantischer Muslime Vorurteile und Rassismus entgegen gebracht werden. Zu den beklagten Dingen gehören nicht nur tradierte, abfällige Bemerkungen über Schwarze. Und wenn es um Sichtbarkeit und Führungspositionen geht, sehen sich viele Afroamerikaner nicht ausreichend ernstgenommen.

„Als schwarze, amerikanische Muslimin“, schreibt die Juristin und Autorin Nailah Dean, „wollte ich unbedingt wissen, wie meine amerikanischen Mitmuslime auf den Tod von George Floyd reagieren würden  (…). Ich habe Rassismus von Seiten der weiteren muslimischen Gemeinschaft in den USA erlebt und ­beobachtet, wie sich einige Mitglieder nur zögerlich zum Schutz schwarzen ­Lebens äußerten.“ In den letzten Wochen habe sie aber Dinge gesehen, die ihr Hoffnung machten. Dazu gehörten bekannte Organisationen und Verantwortliche, die offen darüber sprächen.

„Ich hoffe darauf, dass Muslime, auch wenn die Berichterstattung abebbt, nie wieder vorm Schutz schwarzer Muslime zurückschrecken.“ Hoffnung machen ihr Angehörige der zweiten Generation, die sich nicht mehr von den tradierten Vorurteilen der Eltern beeinflussen ließen. „Die jüngere Generation – diejenigen, die noch keine Machtpositionen in den Moscheevorständen haben – hat ihre ­örtlichen religiösen Führer konsequent aufgefordert, klare Aussagen zu machen, welche die Polizeibrutalität verurteilen.“

In viele Moscheen scheint Bewegung zu kommen, wie Aysha Khan berichtete. Am ersten Freitag im Juni widmete eine „Welle an Moscheen“ ihre Freitagsansprachen den Themen anti-schwarzer Rassismus und Polizeiwillkür. Darauf folgten Beiträge afroamerikanischer Muslime, die zu einem „Tag der Empörung“ aufriefen. Die meisten Gemeinschaften übertrugen die Vorträge wegen der Pandemie über Livestream.

Imam Dawud Walid (siehe S. 1|2) ­bestätigt die Erfahrungen von Nailah Dean. Rassismus unter MuslimInnen sei immer Thema und werde es „bis zum Ende der Zeit“ bleiben. „Wir können daran arbeiten, ihn zu verringern. Aber genau wie andere soziale Probleme, die auf Krankheiten des Herzens zurückzuführen sind, ist Überheblichkeit, die auf ethnischer Zugehörigkeit, Stammeszugehörigkeit und Hautfarbe beruht, eine universelle Realität innerhalb des (…) sozialen, menschlichen Zustands.“

Jenseits individueller Vorurteile sei jener Rassismus der schädlichste in der muslimischen Gemeinschaft, der sich auf Machtpositionen beziehe. Muslime im Westen würden von einer Form geplagt, bei dem sich einige Personen überlegen fühlten und auf andere Gruppen hinunterblickten. „Das ist eigentlich das Grundverhalten von Iblis, der ein Führer unter den Dschinn war. Er fühlte sich von Adam bedroht, Friede sei mit ihm, als Allah, der Mächtige und Erhabene, ihn zu Seinem Sachwalter auf Erden machte, wodurch Iblis ersetzt wurde. Darauf erklärte dieser: „Ich bin besser als er (d.h. Adam). Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Lehm erschaffen.“ (Al-A’raf, Sure 7, 12)

Gegenüber der Bewegung Black Lives Matter (BLM), die für viele in aller Welt zum Gesicht der antirassistischen Proteste wurde, herrscht unter US-amerikanischen Muslimen keine einheitliche Position – auch nicht bei den afroamerikanischen. Einig ist man sich zwar in der Ablehnung von Rassismus, aber ob BLM die richtige Plattform sei, blieb offen.

Die Rednerin, Autorin und Aktivistin Margari Aziza Hill ist Mitglied beim Muslim Anti-Racism Collaborative (MuslimARC), bei dem sich neben AktivistInnen auch Gelehrte, Imame und Moscheegemeinschaften engagieren. „Dies war eine harte Woche, zwei harte Monate für schwarze Muslime, die stark von Polizeibrutalität und Massenver­haftung betroffen waren“, sagte die ­Mitbegründerin und Geschäftsführerin. „Wir trauern, sind müde, wir sind wütend und wir mobilisieren.“ Die Stimme der Muslime müsse sich vervielfältigen und verstärken.

Marc Manley, der aus seiner eindeutigen Haltung gegenüber Rassismus und der Lage von Schwarzen keinen Hehl macht, sieht den jetzigen Diskurs trotzdem skeptisch. Der Imam fragt nach dem Ziel. Gehe es darum, „die Götze weißer Vorherrschaft zu zerschlagen oder Weißheit als solcher“? Manley teile die Wut so vieler: Er fühle sie seit Jahrzehnten. Das Gleiche gelte für seine Familienmitglieder, von denen viele während der Zeit von „Jim Crow“ (Phase der schlimmsten Segregation zwischen den 1870ern und den 1960ern) aufwuchsen. „Aber es scheint, dass einige in der muslimischen Gemeinschaft jede Wahrnehmung verloren haben, wenn sie nicht zwischen dem Zerschlagen von Idolen oder Götzendienst und Götzendienern unterscheiden können. Wollen wir die Götze der weißen Vorherrschaft zerschlagen oder weiße Leute?! Und diese Frage richtet sich nicht hauptsächlich an schwarze Muslime, sondern an nicht-schwarze.“ Der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, habe Götzenanbetung und Götzen zerschlagen, aber nicht die Götzenanbeter.

Dawud Walid hat mit „Towards Sacred Activism“ ein allgemeines Handbuch für Muslime im Westen bezüglich einer ­Beteiligung an sozialem Aktivismus aus islamischer Perspektive geschrieben. Der Imam und Autor kritisiert nicht Anlass und Ziele der Proteste, sieht aber die BLM-Organisation sehr kritisch. Es sei wichtig, zu wissen, dass sie in ihren ­Ursprüngen keine, von Schwarzen finanzierte Bewegung gewesen sei. Gründungskapital sei von säkularen, nicht-schwarzen Stiftungen gekommen, die an „Intersektionalität“ interessiert seien. Ihnen sei daran gelegen, eine Verbindung von Fragen wie schwarzem Leiden oder massenhafter Inhaftierung mit anderen wie denen der LGBTQ-Gemeinschaften zu verbinden. „Eine Verteidigung der Würde schwarzer Menschen in Amerika und die Arbeit gegen anti-schwarzen Rassismus kann ohne Unterstützung für die Black Lives Matter-Plattform geschehen“, schreibt Walid.

Er schlägt vor, dass Muslime sich mit Hilfen zuerst an Einrichtungen und Projekten unter schwarzer Führung innerhalb der muslimischen Gemeinschaften wenden, welche das Thema durch die Linse von Qur’an und Sunna betrachten. „Wir alle haben die persönliche Verantwortung, keine Organisation oder Sache zu unterstützen, ohne zu wissen, an wen wir spenden und was ihre allgemeine Programmatik ist.“ Nach den Lehren des Dins verlange jede Sache Aufrichtigkeit. Unabhängig davon, was der einzelne leisten können, „können wir alle beten, dass das Leben von Schwarzen in Amerika eines Tages gleichwertig sein wird“.

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Massouda Khan

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