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Wo bleibt der Schaikh Al-Islam? Sulaiman Wilms kommentiert die Fokussierung der aktuellen Debatte ausschließlich auf “Theologie”, ohne die ausgleichenden Elemente des Dins mit einzubeziehen

Nur ein Teilbereich unserer Lebensweise

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(iz). Inmitten des nun in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Streites um das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) in Münster muss nach einer Funktion gefragt werden, die geeignet wäre, hier auf Grundlage ihrer Auto­rität zu sprechen. Während in den 1990ern der Islamrat das Amt eines „Schaikh al-Islam“ besetzte, ist dieses Amt heute nicht ausgefüllt oder aber ihr Träger schweigt. ­Keine Frage, eine anerkannte Gelehrtengestalt ist ein wichtiges Element für das Gespräch über die Theologie. Nicht nur das Fehlen einer solchen Stimme macht sich bemerkbar.

Logisch ist die nächste Frage, wer denn die verantwortlichen und vertrauenswürdigen Gelehrten sind, auf deren Wissen muslimische Verbände ihre Positionen basieren. Alle großen Rechtschulen beinhalten auch einfache, nachvollziehbare Grundüberzeugungen, die sich auf das medinensische Modell zurückverfolgen lassen. Daher ist es angezeigt, dass die Beteiligten ihre Meinungen verständlich dokumentieren.

Interessant – aber leider oft übersehen – ist der Aspekt, dass im bisherigen Gespräch seit Einsetzung der universitären Standorte gar nicht über diese Wissenschaft selbst diskutiert wurde. Vergessen wird, dass wir es mit einer Neuschöpfung zu tun haben, die es bisher nie als alleinstehende Lehre in den muslimischen Wissenstraditionen gab. „Islamische Theologie“ – im Wesentlichen die Lehre der Glaubensüberzeugungen – beschreibt nur einen Teil eines echten islamischen Lebens.

Mindestens genauso wichtig sind auch andere notwendige Elemente: Islam und Ihsan. Das eine wird in der Wissenschaft des Rechts (die rituelle Anbetung sowie die gemeinschaftlichen Transaktionen) studiert beziehungsweise realisiert. Das andere, die spirituelles Vollkommenheit, findet ihren Niederschlag im Tasawwuf. Letztere ist gleichzeitig die notwendige Balance, der Barzakh, zwischen reiner Innerlichkeit und Äußerlichkeit.

An diesem Punkt rächt sich das Versäumnis auf Seiten muslimischer Verbände, die Grundfrage nach der „Theologie“ nicht gestellt zu haben. Anstatt zu reflektieren, ob wir eine „Theologie“ brauchen, deren Lehre nicht in unseren Händen liegt, wurde der Vorschlag des Wissenschaftsrates übernommen. Wohl auch, um das jahrelange Patt um den Status der Religionsgemeinschaft zu beenden. Äußerungen muslimischer Vertreter und von Journalisten lassen diesen Schluss zu. Es kann jetzt festgestellt werden, dass ein „Outsourcing“ der islamischen Lehre nicht funktioniert.

Der emotionalisierte und stellenweise personalisierte Streit, der in letzter Konsequenz in ein negatives Lagerdenken mündet, kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass beide Seiten die Säule der Zakat und die ganze Frage nach den Mu’amalat bisher ignoriert haben. Anhand aktueller Aussagen muslimischer Repräsentanten in Sachen „Islamic Finance“ lässt sich polemisch sagen, dass diese Diskutanten bei handfesten Fragen genauso „reformiert“ sind wie die Vertreter der „theologischen“ Gegenposition.

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Sulaiman Wilms

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