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„Wo man helfen muss“ – Interview: Jana Wiesenthal von Islamic Relief besuchte ein medizinisches Hilfsprojekt in Aleppo

Syrien zwischen Leid und Hoffnung

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Jana Wiesenthal, Leiterin der Marketing-Abteilung bei Islamic Relief, reiste im August nach Syrien. Dort besuchte sie ein von Islamic Relief unterstütztes medizinisches Hilfsprojekt und sprach mit Krankenhauspersonal sowie Betroffenen der gewaltsamen Auseinandersetzungen im Land. Die Redaktion sprach mit Jana Wiesenthal über ihre Erlebnisse.

Islamische Zeitung: Wie ist die Situ­ation vor Ort?

Jana Wiesenthal: Bevor ich nach Syri­en gereist bin, habe ich mich innerlich darauf vorbereitet, in ein Kriegsgebiet zu fahren. Dennoch ist die Lage dort sehr schwer zu fassen. Auf der Fahrt nach Aleppo habe ich Rauchschwaden gesehen, als Zeichen von Gefechten, sowie viele zerstörte Häuser und ausgebrannte Autos. Auch als ich bereits wohlbehalten an meinem Zielort angekommen war, hörte ich Raketeneinschläge und Kampfflugzeuge – manchmal laut, manchmal leise, mal kurz nacheinander auftretend, mal mit größeren Pausen. Das hat mich anfangs sehr beunruhigt, denn man weiß nicht, wie nah die Einschläge gerade sind. Seltsamerweise gewöhnte ich mich aber nach kurzer Zeit an diese ständig ­lauernde Gefahr. So ergeht es auch vielen der Einheimischen – sie leben mit der Gefahr und versuchen das Beste daraus zu machen.

Islamische Zeitung: Wie ist die medizinische Lage vor Ort?

Jana Wiesenthal: Sie ist – davon konnte ich mir nun selbst ein Bild machen – katastrophal. Viele Krankenhäuser sind durch die Konfliktsituation stark in Mitleidenschaft gezogen, ebenso wie die Medikamentenvorräte und medizinischen Geräte. Viele Krankenhaus-Angestellte sind geflohen, um Leib und Leben zu retten. Das medizinische Personal, das noch im Land ist, ist überlastet. Ein Arzt erzählte mir, er behandle pro Tag 100 Patienten und mehr. Die Ärzte, Pfleger und Schwestern bemühen sich mit vollem Einsatz um das Wohl ihrer Patienten. Nach außen scheint die Lage in Syrien vielleicht hoffnungslos, aber diese Menschen haben zweifellos Hoffnung. Oft machen die Ärzte und das restliche Personal viele Überstunden, opfern ihre Freizeit, ihr Leben, um Menschen zu helfen. Niemand von ihnen klagt – sie haben lediglich den Bedarf an Dingen aufgezeigt, die sie zur Behandlung ihrer Patienten dringend benötigen.

Islamische Zeitung: Wie war es in dem Krankenhaus, das von Islamic Relief unterstützt wird und das du besucht hast?

Jana Wiesenthal: Im Krankenhaus angekommen, schaute ich mir die Intensivstation an, die von uns unterstützt wird – dort sorgen wir für Medikamentenliefe­rungen und bezahlen das Personal und die Betriebskosten. Insgesamt sind die Kapazitäten vor Ort leider nach wie vor sehr begrenzt, es gibt nur drei Betten für Schwerverletzte. ­Daher müssen diese so schnell wie möglich stabi­lisiert werden, um die Betten für neue Verwundete freizumachen. Wenn es möglich ist, werden die Patienten, sobald sie nicht mehr in Lebensgefahr schweben und eini­germaßen stabil sind, auf eine normale Station verlegt oder – wenn nötig – zur Behandlung in Krankenhäuser etwa in der Türkei gebracht, was für sie allerdings eine sehr beschwerliche Reise bedeutet.

Islamische Zeitung: Welche Menschen hast du im Krankenhaus getroffen?

Jana Wiesenthal: Auf die Intensivstation, die von Islamic Relief unterstützt wird, wurde gerade ein 25 Jahre junger Mann eingeliefert, der zuvor operiert wurde. Er war ein einfacher Zivilist, der an einem Übergang getroffen wurde und schwere innere Schussverletzungen ­sowie die komplette Zerstörung seiner Leber davontrug. Als ich ihn besuchte, schwebte er noch immer in Lebensgefahr. Und da war eine über 70-jährige Frau, die aufgrund von Herzschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Sie erzählte mir, dass ihre große Familie ­wegen der mangelnden Arbeit und Lebensmittelknappheit von Essensspenden ­abhängig ist, die sie sehr unregelmäßig erhält. Der Alltag ist für sie nur schwer zu bewältigen, doch sie beklagt sich nicht. Ich fand es insgesamt wirklich beeindruckend, dass die Menschen, denen ich begegnet bin, ihr Schicksal trotz der schwierigen Situation so gut es geht in die Hand nehmen.

Islamische Zeitung: Was fehlt? Wo liegt der Bedarf?

Jana Wiesenthal: Im Grunde fehlt es an allem – nicht nur an medizinischen-, sondern auch an scheinbar banalen Dingen wie Milchpulver für Säuglinge. Eine 500 Gramm-Dose kostet etwa sieben Euro. Das ist für uns hier vielleicht nicht besonders viel Geld, für die Menschen dort jedoch unbezahlbar.

Islamische Zeitung: Was möchtest du den Menschen hier mit auf den Weg geben?

Jana Wiesenthal: Wir dürfen das Leid, das tagtäglich in Syrien geschieht, nicht vergessen, sondern müssen es im Bewusst­sein behalten, darüber mit Verwandten und Freunden reden, sensibilisieren. Auch wenn die Menschen stark sind und die Hoffnung nicht aufgegeben haben – sie leiden unter der Lage und benötigen nach wie vor dringend unsere Hilfe. Das Mindeste was wir von hier tun können ist, diese Menschen mit Spenden und Bittgebeten zu unterstützen. Jeder Beitrag kann etwas verändern und einen Unterschied machen. Wir alle können etwas tun!

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Interview, Jana Wiesenthal!

Informationa:
Islamic Relief Deutschland startete das Nothilfeprojekt zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung in mehreren Krankenhäusern in Syrien im April 2013. Kooperationspartner ist der Deutsch-Syrische Verein zur Förderung der Freiheiten und Menschenrechte, Kofinanzierungspartner das Auswärtige Amt (Deutsche Humanitäre Hilfe). Kürzlich wurde das Projekt aufgrund des akuten Bedarfs an medizinischer Hilfe aufgestockt. Es ist nun auf achteinhalb Monate angesetzt und wird mit 1.911.968 Euro realisiert, der ­Eigenanteil von Islamic Relief beträgt 116.116 Euro.

Das Projekt sorgt dafür, dass die medizinische Versorgung trotz der widrigen Umstände im Land weitergehen kann, wenn auch eingeschränkt. Durch die medizinische Hilfe werden 36 Krankenhäuser und 60 Gesundheitsstationen mit medizinischen Artikeln versorgt, in sechs Krankenhäusern wird durch die Zahlung der Betriebskosten und des Personals dafür gesorgt, dass der Betrieb weitergehen kann.

Mehr auf www.islamicrelief.de/projekte/nothilfeprojekte

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