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„Wo man helfen muss!“ – Interview mit Nuri Köseli, Leiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Islamic Relief

Rückblick auf zwölf Monate Hilfe

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Seit dem letzten Ramadan kam es in verschiedenen Teilen der Welt zu Katastrophen und Konflikten, in denen Nothilfe geleistet wurde und weiter­hin wird.

(iz). Mit Nuri Köseli von der humanitären Hilfsorganisation Islamic Relief warfen wir einen Rückblick auf die letzten zwölf Monate humanitärer Arbeit und befragten ihn nach den Schwerpunkten in der Not- und Entwicklungshilfe. Nuri Köseli, wurde in Marl geboren und wuchs in Köln auf. Heute ist er Leiter für Presse, Öffentlichkeit und Kooperation bei Islamic Relief.

Islamische Zeitung: Wenn ihr die letzten zwölf Monate seit letztem Ramadan Revue betrachtet, was waren für euch die wich­tigsten Projekte?

Nuri Köseli: Im letzten Ramadan war es natürlich ganz wichtig, den Menschen in Pakistan zu helfen, die kurz zuvor von der Flutkatastrophe über­rascht wurden. Insofern war Pakis­tan ein Riesenprojekt. Wir haben im weltweiten Verbund von Islamic ­Relief im Rahmen eines Budgets von dreißig Millionen US-Dollar Nothilfe geleistet. Danach haben wir die Menschen auch in ihrer Rehabilitationsphase weiter­hin unterstützt. Wir haben auch Unterstützung für Landwirtschaft und andere Projekte bekommen, die den Menschen ­Einkommensmöglichkeiten bieten sollen. Wir haben aber nicht nur dort, sondern auch in ca. dreißig weiteren Ländern Menschen in Not unterstützt. Anfang dieses Jahres entschlossen wir uns, für 2011 eine Jahreskampagne auf die Beine zu stellen. Mit „Kinder in Not“ wollen wir unsere Spender, als auch die Öffentlichkeit aufmerksam machen, dass es ganz wichtig ist, Kindern in Not zu helfen. Denn diese sind die unmittelbaren wie mittelbaren Betroffe­nen. Täglich sterben rund 30.000 Kinder an behandelbaren Krankheiten oder an Hunger. Nur ein Beispiel: Ich habe bis vor Kurzem noch in Olpe gewohnt. Die Stadt hat zwischen 25.000 und 26.000 Bürger. Das würde bedeuten, dass täglich etwas mehr Kinder sterben, als Olpe Einwohner hat.

Islamische Zeitung: Regionen wie die Südphilippinen, Ostturkestan oder Birma hingegen finden selten oder gar keine Beachtung. Versucht man bei Islamic Relief die Aufmerksamkeit auch weniger beachtete Notgebiete zu lenken?

Nuri Köseli: Die Sensibilität für Gaza ist bei Spendern groß, weil es medial sehr häufig erwähnt wird. Pakistan stand insbesondere im letzten Jahr ebenfalls oft im Vordergrund. Dennoch unterhalten wir in elf afrikanischen Ländern Projekte. Wir konzentrieren uns nicht so sehr auf einzelne Gebiete, sondern ver­suchen, unseren Spendern auch die Lage anderer Gebiete vorzustellen. Im Au­genblick sind am Horn von Afrika acht bis zehn Millionen Menschen von der Dürre betroffen. Wir bemühen uns in den Projekten um einen ­­integrierten Ansatz. Das heißt, dass wir uns nicht auf einzelne Sektoren fokussieren, sondern dass wir Menschen sektorüber­greifend mit medizi­nischer Hilfe, Nothilfe, sowie ­Projekten zur Einkommens­sicherung, Bildung und Gesundheit unterstützen. In unse­rem integrierten Ansatz wollen wir die Leute nicht ­abhängig machen, sondern bemühen uns auch, den Menschen zur Selbstständigkeit zu verhelfen.

Islamische Zeitung: Es gibt ja doch einige wohlhabende muslimische Staaten. Als Laie hat man den Eindruck, dass die doch deutlich mehr helfen könnten…

Nuri Köseli: Unsere Spender kommen aus den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt. Der Großteil von ihnen sind Muslime. Als Fundraisingor­ganisation haben wir keine Erfahrung in den genannten Staaten gemacht. Den­noch weiß ich, dass es Ausnahmen gibt. Kürzlich wurde in einer Statistik eines dieser Länder als größter Geber weltweit geführt. Auch wenn immer wieder Riesenereignisse und Luxuskon­sum in den Blick geraten, würde ich als Beobachter in Europa doch sagen, dass diese Menschen doch relativ spendabel sind. Islamische Zeitung: Nicht alle Muslime in Westeuropa sind erfolgreiche Geschäftsleute, Ärzte oder Akademiker. Wie reagieren diese Leute auf eure Aktionen?

Nuri Köseli: Unsere Spender kommen aus verschiedenen Berufsgruppen. Ihr Profil reflektiert sämtliche sozialen Schichten. Und sie haben ­verschiedene ethnische Ursprünge. In unserer Jahres­kampagne motivieren wir die Menschen dazu, verstärkt Entwicklungsprojekte zu unterstützen und nicht nur ­einmalige Spenden bei Katastrophen. Die Resonanz ist sehr positiv; wir ­haben rund 50.000 Spenderadressen. Auch wegen Japan gab es Menschen, die für die dortigen Opfer spendeten – wie im letzten Jahr beim Erdbeben in Haiti. Wir ­haben eine gute Kommuni­kation mit unseren Spendern, die uns während und nach den Kampagnen ihre Ideen schicken.

Islamische Zeitung: Von vielen aktiven Muslimen wird im Gespräch immer wieder der Wunsch geäußert, dass die Hilfsorganisationen die fehlende Infrastruktur der Muslime in Deutschland nicht aus dem Auge verlieren sollten…

Nuri Köseli: Wir haben mit MuTeS, der Muslimischen Telefonseelsorge, ein Inlandsprojekt. Das ist ein Dienst für Menschen, die eine seelsorgerische ­Unterstützung brauchen oder sich nicht weiterzuhelfen wissen. Überall, wo wir Lücken erkennen, versuchen wir Inlandsprojekte zu machen. Dennoch muss ich betonen, dass sich Islamic ­Relief der Entwicklungshilfe widmet. Unser Auftrag ist für Menschen in Not und für Entwicklungshilfe. Sicherlich gibt es soziale Bedürfnisse bei uns, aber ­damit beschäftigt sich bereits eine Reihe an Organisationen. Allerdings beraten wir uns auch immer wieder mit Menschen in den Spenderländern, ob es nicht auch die Notwendigkeit für hiesige Projekte gibt. Wir verfolgen die Absicht, uns mit den karitativen muslimischen Vereinigungen regelmäßig an einen Tisch zu setzen. Es gibt auch immer wieder Kontakte zu internationalen, muslimischen Hilfsorganisationen. Wir würden auch auf der deutschen Ebene einen Erfahrungsaustausch begrüßen, bei dem man schaut, ob es auch hier Menschen gibt, die Hilfe benötigen, und welche Leistung die Hilfsorganisationen hier erbrin­gen könnten. Eine Zeitlang hatten wir solche Treffen und ich hoffe, dass sich diese in der nahen Zukunft wieder reali­sieren lässt.

Islamische Zeitung: Lieber Nuri, vielen Dank für das Gespräch.

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