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Wo man sich gegen den Feind definiert, bestimmt dieser das eigene Wesen. Auch in Afghanistan, meint Abu Bakr Rieger

Kommentar: Vernichtungslogik

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(iz). Verteidigungsminister zu Guttenberg wirkt im Vergleich zu seinem Amtsvorgänger Jung wie ein anderes „Kaliber“.

Erfolgsmensch zu Guttenberg beherrscht auch die Kunst der freien Rede. Der aktuelle Vorwurf, die Regierung habe die Öffentlichkeit über die wahren Ziele des brutalen Angriffs von Kunduz getäuscht, konnte zu Guttenberg bisher mit dem banalen Hinweis entschärfen, dass auch die Opposition schließlich dasselbe tue. Die Interessen der europäischen Rüstungsindustrie, die geopolitischen Interessen der USA und Indiens in der Region, blieben bei der Lagebesprechung in der deutschen Öffentlichkeit schon gewohnheitsmäßig außen vor.

Es gab aber einen Moment, wo auch der ­Profi zu Guttenberg unter Rechtfertigungsdruck geriet. Es ist das Verb „vernichten“, das Oberst Klein zur Beschreibung seiner militärischen Tat benutzte. Dürfen auch ­Zivilisten, bei der Jagd nach dem Bösen, sozusagen sehenden Auges „mitvernichtet“ werden? Bei dem Luft- und Drohnenkrieg dieser Tage stellt sich die Frage nach dem geistigen Hintergrund einer Schlacht. Von Carl Schmitt stammt die Gleichung: „Absolute Vernichtungsmittel erfordern den absoluten Feind“. „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ und „die Achse des Guten gegen die Achse des Bösen“ – es ist diese Art der Rhetorik, die eine moderne Vernichtungslogik letztlich vorbereitet.

Wer so offen von der Vernichtung des Feindes spricht, schließt nicht nur Diplomatie aus, sondern teilt auch die moderne Logik aller modernen Ideologien, wie dies John Gray festgestellt hat, nämlich dass eine Welt ohne Feinde eine bessere Welt sei. Hier im Westen, nach den desillusionierenden Erfahrungen von Abu Ghraib und Guantànamo, sollte man sich nicht zu sicher fühlen, dass der moderne Nomos auch eines – hoffentlich fernen – Tages Lager integrieren könnte, in denen der „politische Unwert“ offen vernichtet wird.

Der Schriftsteller Ernst Jünger, selbst im Widerstand gegen Hitler engagiert, hat ­berichtet, dass in dem Moment, als die ­Nazis öffentlich begannen, alle negativen Attribute fiktiv auf die Juden zu projezieren, sich genau diese Eigenschaften real in ihren eigenen Reihen manifestierten.

Wo immer man sich heute gegen den Feind definiert und diesen als absolut „Böse“ ­definiert, man denke beispielsweise an die unversöhnlichen Gegensatzpaare „Hamas gegen Israelis“, „Zionisten gegen Palästinenser“ oder „Al Qaida gegen Amerikaner“, lässt sich erkennen, dass man, am Feind ausgerichtet, zunehmend selbst – wenn zunächst auch nur partiell – die Techniken anwendet, die das Böse des Feindes doch gerade mit ausgemacht hatten.

Natürlich steckt auch im muslimischen Terrorismus dieser Zeit das Virus des „modernen“ Feind-Denkens. Dies zeigt sich in der Maßlosigkeit der Taten, im Verrat an den Grenzziehungen des Rechtes und am Mangel an der Liebe zum Propheten, dessen Beispiel die Absolutsetzung des Feindes und den absoluten Vernichtungswillen gottlob nicht kennt.

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