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Wo sind meine muslimischen Geschwister in der Friedensbewegung?

Kommentar: Der Hamburger Schriftsteller Peter Schütt über das fehlende Interesse von Muslimen an den traditionellen Ostermärschen

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Foto: Bernd Schwabe aus Hannover, Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Hamburg (iz). Ich bin ein altgedienter, unverbesserlicher Osterhase. Seitdem ich mich zu Beginn der Sechziger Jahre an den ersten Ostermärschen quer durch die Lüneburger Heide, wo sich Hase und Igel die Hacken wund laufen, beteiligt habe, bin ich, wenn immer es ging, bei den österlichen Friedensdemonstrationen dabei gewesen. So auch diesmal in Hamburg. Von den anderen Veteranen wurde ich respektvoll und in alter Freundschaft begrüßt, aber nach meinen muslimischen Schwestern und Brüdern habe ich lange vergeblich Ausschau gehalten.

Aber dann gab es doch unvermutet Grund zur Freude. Ich ließ die Friedensfreunde am mir Revue passieren und freute mich, als mehrere junge Leute ein großes Transparent in kräftigem Grün vor sich her trugen. Darauf stand weithin sichtbar „Der Islam gehört zu Deutschland“. Ich war begeistert und ging spontan auf die Gruppe zu, um den Demonstranten die Hand zu schütteln. Sie waren über meine Reaktion ein wenig verunsichert, und im Gespräch wurde mir rasch klar: Die da so mutig für den Islam Partei ergriffen, waren keine Muslime, sie waren Mitglieder der Friedens- und Flüchtlingsinitiative Lauenburg an der Elbe, die sich mit gutem Grund Sorgen um den inneren Frieden in unserem Land machten. Ich habe mich um so mehr bei Ihnen bedankt.

In der Menge, die immerhin doppelt so groß war wie in den vorigen Jahren, waren noch mehr gute Losungen zusehen, die Muslimen gut zu Gesicht geständen hätten. Friedensfreunde aus Lübeck trugen ein Transparent mit der Aufschrift vor sich her: „Weg mit Antisemitismus! Weg mit Antiislamismus! Wehret den Anfängen!“ Ein Muslim war nach den Auskünften, die ich bekam, nicht dabei, aber ein Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde. Auf etlichen Transparenten wurde ein Stopp der deutschen Waffenlieferungen in den Nahen und Mittleren Osten und ein Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und dem Irak gefordert. Das hat mich gefreut, aber unter den Trägern habe ich keine muslimischen Schwestern und Brüder ausmachen können.

Politik wird in Deutschland – Gott sei Dank – immer noch auch auf der Straße aus-getragen. Es wird in meiner Stadt, in Hamburg, nahezu jede Woche demonstriert – für  Ziele, die auch unsere Unterstützung verdienen. Gegen die Waffenlieferungen, die über den Hafen laufen, gegen die Aufmärsche der rechtsradikalen Brunnenvergifter, für die Abschaffung der Hartz-IV-Gesetze, für die Errichtung neuer Wohnungen für Flüchtlinge oder gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber. Wo bleiben die Muslime? Die elenden Diskussionen, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, würden meines Erachtens schneller beendet, wenn wir Muslime öffentlichkeitswirksamer, sichtbarer, hörbarer in Erscheinung träten. Wenn wir mehr, mutiger und selbstbewusster unser Gesicht zeigten – auf der Straße, in der Nachbarschaft, in den Wohngebieten.

Der Fastenmonat Ramadan, der Mitte Mai beginnt, bietet dafür wunderbare Gelegenheiten. Warum laden wir zum Fastenbrechen nicht die Obdachlosen, die Bettler und Hungerleider ein, die uns fast überall auf unserem Weg in unsere Moscheen begegnen? Die meisten Moscheen in Deutschland liegen in den ärmeren Vierteln, wenn nicht in den sozialen Brennpunkten unserer Städte. Kümmern wir uns um unsere im Elend lebenden Schwestern und Brüder! Beteiligen wir uns nach Kräften an der ehrenamtlichen Arbeit der Tafeln! Gründen wir eigene Tafeln – für die Ärmsten unter uns und in der näheren Umgebung!

Wie können wir mit den Angriffen umgehen?, fragt Sulaiman Wilms in der Aprilausgabe der IZ. Er hat auf das Vorbild unseres Propheten hingewiesen. Mohammed – Friede sei mit Ihm – hat oft Spott und Beleidigung am eigenen Leib erfahren, aber hat darauf nie mit Gegengewalt reagiert, sondern mit Besonnenheit und mit klügeren, besseren und gewaltlosen Mitteln geantwortet. Wir dürfen uns nicht provozieren lassen, wir sollten nicht länger den Beleidigten spielen und den Teufel an die Wand malen. Wenn ich aus den Moscheen höre, wir müssten „angemessen“ auf die
Übergriffe reagieren, dann frage ich mich: Was soll das heißen? Sollen wir Gleiches mit Gleichen vergelten? Sollen wir mit denselben Mitteln zurückschlagen?

Da sei uns Gott davor! Sollen wir den irregeleiteten Blondschopf, der ein Unwort auf unsere Moscheewände sprayt, verprügeln? Nein, versuchen wir ihn, wenn wir ihn zur Rede stellen, eines Besseren zu belehren! Laden wir ihn zu einem Besuch in unsere Gotteshäuser ein! Kapseln wir uns nicht ab, igeln wir uns nicht ein, sondern öffnen unsere Pforten, so oft es geht, und nicht nur zum Tag der Offenen Moschee!

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Peter Schütt

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