IZ News Ticker

Wohin entwickelt sich die Community? Überlegungen von Tarek Bärliner über Erwartungen und Hoffnungen der neuen Generation

Die Sehnsüchte der Jugend

Werbung

(iz). Deutsch und muslimisch zu sein, ist eine der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, zumal oft angenommen wird, dies schließe sich gegenseitig aus. Vor allem die Jugendlichen leiden unter einem Dilemma, schwan­kend zwischen alter Kultur der Eltern und Leben in der Moderne, wobei es ­hierbei das altbekannte Problem der Gleichsetzung von Kultur und Religion gibt. Ich vertrete die Meinung, dass traditionelle deutsche Werte und der islamische Glaube sehr gut mitein­ander harmonieren. Die Amerikanisierung der deutschen Gesellschaft macht es aber beinahe unmöglich, Religion – unabhängig von der Konfession – reibungslos auszuleben. Wenn man aber die konservative Tradition Deutschlands mit dem klassischen Islam vergleicht, lassen sich fundamentale Gemeinsamkeiten finden.

Die Jugend erlebt einen Umbruch – in bisher unbekanntem Maße. Die verschiedenen Elemente des Zeitgeistes stehen sich gegen­über, scheinbar nicht bereit sich zu vertragen und sorgen für so genannte „Parallelgesellschaften“. Dass dieser Begriff oft nur auf die etablierten türkisch- oder arabischgeprägten Lebensstile in Vierteln mit hohem Anteil an Einwohnern mit Migrationshintergrund gebraucht wird, ist genau genommen eine unverschämte Hetze. Sie verschleiert, dass es in Großstädten zur Normalität gehört, dass bestimmte Viertel ihre eigene „Parallelgesellschaft“ haben. Nehmen wir die Randbezir­ke Berlins, in denen zu 70 Prozent Rentner leben, die ebenfalls (natürlich aus verständli­chen Gründen) ein Leben abseits der gegenwärtigen Gesellschaft führen. Nehmen wir den Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin. Hier leben immer mehr zugezogene Studenten, die für viele Berliner eher „befremdlich“ sind. Dies ist jedoch der klassische Lebensstil ­einer Großstadt, in der es letztendlich immer verschiedene Lebensentwürfe gibt, die abseits des so genannten Mainstream existieren.

Muslimische Jugendlichen stehen nun vor der Aufgabe zu beweisen, dass sie die Werte des Islam mit den noch vorhandenen Traditionen Deutschlands verbinden können. Man wird regelrecht dazu gedrängt sich für eine der beiden Welten zu entscheiden und somit die andere Welt entweder komplett abzuleh­nen oder sie nur relativiert zu übernehmen. Ich meine aber, dass man beide Welten absolut miteinander kombinieren kann, ohne, dass das Deutsch- oder das Muslim-Sein darunter leiden.

Sehnsucht ist das Gefühl, dass wohl jeden dieser Jugendlichen in diesem Dilemma verbindet. Sehnsucht nach angemessener Vertretung in Gesellschaft, Politik und ­Medien. Sehnsucht nach bedingungsloser Akzeptanz und Gleichberechtigung. Sehnsucht danach, als Deutscher wahrgenommen zu werden und viel größere Sehnsucht danach, sich selbst erst einmal als Deutscher zu fühlen. Es sind Führungspersonen, die der Jugend so sehr fehlen. Menschen, durch die man sich vertreten fühlt. Gibt es Debatten, in denen der Islam das Thema ist, werden meist entwe­der „liberale Muslime“ eingeladen. Also Muslime, die dem klassischen Verständnis zufolge nicht praktizierend sind. Oder es handelt sich um Salafisten, die das radikale Klischee verstärken. Es sind gleichermaßen Ohrfeigen für die große Mehrheit der Muslime, die sich durch solche Menschen eher angegriffen, als repräsentiert fühlt. Die großen sunnitischen Verbände agieren durch ihre politische Abhängigkeit sehr passiv und sind darüber hinaus durch ihre zumeist eingeschränkte Fähigkeit, Muslime, die nicht türkischsprachig sind, angemessen zu vertreten, keine große Stütze in der Medienwelt. Und wenn man junge Muslime nach dem Vorsitzenden des Zentralrats Ayman Mazyek, der scheinbar von Politikern und Medien als Botschafter der Muslime wahrgenommen wird, fragt, wissen die meisten nicht einmal, wer diese Person ist.

Dass der Islam in Deutschland rechtlich nicht mit dem Christentum oder dem Judentum gleichgestellt wird, ist ebenfalls ein großes Problem, das es jungen Aktivisten schwer, macht gesellschaftliche Projekte zu starten. Und wenn es einer einmal schafft, diese Decke der Komplikationen zu durchbrechen, fehlt es oftmals an Rückhalt und vor allem Zusam­menhalt innerhalb der Community.

Ich wünschte mir eine Reform der Räte, die dazu führt, dass auch frische Elemente und Einzelpersonen aufgenommen werden. Es müssten Mittel beschafft werden für neue Ideen und gewagte Vorstöße. Ganz zu schweigen von der einfachen Beratung für Vereine, Per­sonen oder Ideen mit Potential. Dass Muslime zwar fast sechs Prozent der Bevölkerung ausmachen, und dennoch in wichtigen Positionen in den Medien oder der Gesellschaftspolitik in weitaus geringerem Anteil vertreten sind, sollte jeden alarmieren, der die Absicht hat, etwas Gutes für die ­Muslime in Deutschland zu tun.

Die Sehnsüchte dieser Jugend sind von gro­ßem Misstrauen begleitet. Man möchte weder mit den Salafisten oder den ­assimilierten Muslimen gleichgesetzt werden, aber selbst etwas zu leisten, trauen sich die wenigsten. Es ist nur wenig Verlass auf die bereits beste­henden Elemente, wenn es um Kooperation geht, was von fehlendem Vertrauen zeugt. Die Hürden, die es zu meistern gilt, scheinen zu hoch. Doch ist es unumgänglich, ­jeden Versuch für ein besseres Leben in Deutschland für die Muslime und Nichtmuslime zu unternehmen, die von der Integration ihrer Mitbürger nur profitieren können.

Ob es staatliche Institutionen oder ­etablierte muslimische Verbände sind, die das Potential der Jugend erkennen werden, wird sich erweisen müssen. Sie, die Jugend, hat die Unschuld und den Willen, ihre Zukunft zu gestalten und das Verlangen nach neuen Strukturen, die ganz klar notwendig sind. Wer also erkennt ihr Potential? Solange bleiben ­ihnen die Sehnsüchte.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen