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Wohin mit den Deutschen?

Im Gegensatz zur Anfangszeit der Community sind die „Konvertiten“ ins innermuslimische Abseits geraten

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Foto: IZ Medien

(iz). Fast zwei Jahrzehnte lang war das Soester Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland (ZIAD) die Auskunftei für Nachfragen zum Islam und den sich etablierenden muslimischen Gastarbeitern. Der deutsche Leiter, Salim Abdullah, und seine Kollegen beantworteten aber nicht nur Fragen, sondern hielten darüber hinaus Vorträge und publizierten in den Zeitungen beziehungsweise engagierten sich im Dialog. Verwaltungen, Parteien und Muslime wandten sich an das Institut, wo unter anderem die wohl erste Satzung für einen Moscheeverein entstand, die später dutzendfach kopiert wurde.

Die muslimischen Deutschen suchten nach Lösungen für die sich nach und nach in Deutschland festigenden Muslime. Viele Probleme wurden damals dort angedacht, und manches wurde ausprobiert, was durchaus auf Widerstand stieß. Der sich an solchen Stellen ereignende Diskurs trug dazu bei, dass sich die unterschiedlichen Muslime zusammenfanden, um ihre Art und Weise, den Islam zu leben, lebendig werden zu lassen.

Die örtlichen Moscheevereine wurden so zu religiösen Heimatvereinen, deren bundesweite Zusammenschlüsse sich durch die Orientierung auf „die“ Heimat legitimierten, was de facto die Anbindung an eine Partei im Herkunftsland oder eine Tariqa bedeutete. Die in jenen Jahren konvertierenden Deutschen integrierten sich gemäß ihrer etwaigen Arabo- oder Turkophilie. Die kleinen deutschen Konvertitengruppen in den Tariqas kümmerten sich um diese Entwicklung nicht, weil sie sich an ihren Schaikh gebunden fühlten.

Aus der Distanz der Gegenwart betrachtet entwickelten sich mindestens vier Tendenzen, die den Einfluss der Deutschen zurückgehen ließen:

Da war zum einen das zunehmende Bewusstsein, als Araber beziehungsweise Türke selber sprechen und handeln zu können; zudem trafen die deutschen Freunde nicht immer den ihnen vertrauten Ton. Das hing zum Teil damit zusammen, dass die Deutschen sich in der politischen Landschaft und den Verwaltungsstrukturen problemlos bewegten. Dies galt vor allem für den Föderalismus. Man kam doch selber aus zentralorganisierten Staaten, sodass der Föderalismus befremdete und als zerstörend betrachtet wurde. Es dauerte Jahre, bis aus den Verbänden die Zusammenschlüsse einzelner Landesverbände Bundesverbände wurden.

Im Zuge der Bildungsgänge legten manche die Hochschulreife ab und studierten anschließend. Es waren erst solche Fächer, durch die man hoffte, Geld zu verdienen und die in den Herkunftsländern der Eltern anerkannt waren. Doch dann folgten die Wissenschaften, die sich mit der Gesellschaft, der Soziologie beziehungsweise Philosophie und ähnlichem beschäftigten, was die Kompetenz in den Gesprächen mit den Verwaltungen erhöhte. Also brauchte man die Übersetzer nicht mehr. Ohne sie ließen sich die eigenen Interessen überzeugender formulieren.

Während schon das ZIAD in seinen Anfängen den deutschen Wurzeln der Muslime nachging, was zu mancher spöttischen Bemerkung führte, so konnten entgegen allen Erwartungen Muslime in der deutschen Geschichte nachgewiesen werden. Dies betraf sowohl die Beutetürken aus den Kriegen nach der Belagerung Wiens sowie andere historische Phänomene.

Solchem Suchen folgten die Fragen nach den Konflikten der Gedächtnisse. Schließlich erinnerten sich die Muslime der durchaus nicht charmanten Vergangenheit ihrer verschiedenen Kolonialmächte, wozu leider auch die Missionsgeschichte gehört. Und wen interessierte schon das Schicksal der muslimischen Soldaten nach der Kapitulation?

Die Konsequenzen waren, dass die sich integrierenden Muslime von „außen“ auf die deutsche Gesellschaft zugingen, ­während die deutschen Muslime von „innen“ nach den Barrieren des Verstehens fragten, was den jeweiligen Gesprächspartner beispielsweise in der Politik und den Kirchen manches Mal unangenehm war; hingegen fanden die muslimischen Freunde solche Diskussionen zwar ­interessant, aber wenig förderlich für ihre Interessen.

Im Verlauf der sich parallel entwickelnden außenpolitischen Probleme und den damit verbundenen innenpolitischen Fragen empfand es die Mehrheit der Medien wie der Politik überzeugender, mit „echten“ Muslimen zu sprechen als mit Konvertiten, zudem wandte man sich lieber an die Experten aus den deutschen Fachwissenschaften. Schließlich lieferten sie objektive Daten.

Gleichzeitig meldeten sich jene Persönlichkeiten zu Wort, die nach dem Studium an hiesigen Universitäten zu eigenen religiösen Auffassungen zum Islam gekommen waren, die sie zum Entsetzen der frommen Muslime in Büchern veröffentlichten. Von den Medien und der Öffentlichkeit sah man darin den Weg zu innerislamischen Reformen, die zur Verwunderung der Interessierten in der deutschen Öffentlichkeit die Lebens- und Glaubenswirklichkeit in den Moscheevereinen nicht berührten.

So glitten die deutschen Muslime nach und nach in die Rolle einer Minderheit in einer Minderheit, die jedermann bequem übersehen konnte. Merkwürdigerweise steckte man alle jenen Gläubigen dazu, die als Soldaten, Polizisten oder in den Verwaltungen kommentarlos ihren Dienst taten. Die Zusammenstellung der von der Politik organisierten Gesprächskreise gleich der Deutschen Islamkonferenz spiegelten das Chaos wieder, in dem die „Integrierten“ keine Stimme erhielten, während die „Reformer“ sich frei äußern konnten. Offenbar störten die deutschen muslimischen Soldaten in Afghanistan oder die Polizisten der Bereitschaftspolizei – ganz zu schweigen von den „Konvertiten“. Sie lebten ihren Glauben so unauffällig wie die anderen Glaubensminderheiten auch, daher eigneten sie sich nicht für die Schlagwörter eines Wahlkampfes oder für eine Schlagzeile in den Medien. Stimmt deswegen die Vermutung, dass all die Gesprächskreise nur der Germanisierung dienen? Es entspräche der Geschichte der Minderheiten in diesem Lande.

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Wolf D. Ahmed Aries

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