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Zakat als Mittel der sozialen Annäherung

Rahima Brandt und Phoebe Riley berichten über eine britische Zakat-Initiative

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Foto: Reephotoeasy, Shutterstock

(Hikaayat.com). Gestern schloss ich die Moschee hier in Norwich für eine junge Frau auf, die in unserer Ramadan-Suppenküche für die lokale Gemeinschaft kochen wollte. Normalerweise ist das Teilen der Suppe eine einfache und soziale Sache, bei der an jedem Tag eine andere Familie für die ganze Gemeinschaft kocht und wir am Iftar zusammenkommen.

Dieses Jahr war es wegen der Beschränkungen eine logistische Aufgabe, um trotz Distanz und Isolation jedem eine gute Mahlzeit zu bringen. Als sie das Essen für mehr als 100 Leute kochte, sagte die junge Frau, dass ihr Einkommen über Nacht verschwunden sei. Und dass sie bald Schwierigkeiten bekommen werde, Nahrung auf ihren eigenen Tisch zu stellen.

Während wir aus dieser Sperrung in die „neue Normalität“ blinzeln, betreten wir eine Welt, in der die Fähigkeit der Menschen bedroht ist, ihre Familien zu ernähren und unterzubringen. Die Bank of England sagt die schlimmste Rezession seit Beginn der Aufzeichnungen von 1706 vorher. Auch wenn Großbritannien selbst ein relativ wohlhabendes Land ist, leben 50 Prozent der muslimischen Bevölkerung in relativer Armut. Als wirtschaftlich am stärksten benachteiligte Glaubensgruppe in Großbritannien werden die Muslime hier während dieser COVID-19-Krise – medizinisch als auch wirtschaftlich – einem ungleich höheren Risiko ausgesetzt.

Jahrhundertelang wurzelte die finanzielle Stärke von Muslimen in zwei simplen Prinzipien: dem Wucherverbot sowie der lokalen Einnahme und Verteilung der Zakat. So erfolgreich waren diese Prinzipien in der Zeit von Orhan ganz, der als Vater des osmanischen Reiches galt, dass beinahe niemand empfangsberechtigt für die Zakat war.

Ramadan ist für viele Menschen der Monat der Zakat. Und COVID-19 hat enorme Veränderungen im Alltag erzeugt. Daher halte ich es für unerlässlich, dass wir jetzt bewusst und gemeinsam die Mittel aktivieren, die Allah, der Erhabene, uns zur Verfügung gestellt hat, um aufeinander aufzupassen. Es beginnt mit der Wiederherstellung der lokalisierten, dezentralisierten Zakat.

Heute wird die absolute Mehrheit der Zakat von Wohltätigkeitsorganisationen gesammelt. Füllen Sie ein online-Formular, einige wenige Klicks, eine mögliche Steuerbescheinigung und Sie sind fertig. Das aber ähnelt nur wenig der Art und Weise, auf die es der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden, und seine Gefährten taten, möge Allah mit allen zufrieden sein. Als der Prophet, Heil und Segen auf ihm, Mu’adh ibn Dschabal in den Jemen entsandte, wies er ihn an: „Unterrichte sie, dass die fünf täglichen Gebete für sie verpflichtend sind sowie die Zakat. Sie soll von ihren Wohlhabenden genommen und ihren Bedürftigen gegeben werden.“

Diese prophetische Aussage (arab. hadith) beleuchtet nicht nur die Verpflichtung zum Geben der Zakat. Sie zeigt auch auf die lokalisierte Art und Weise, auf welcher diese Pflicht ausgeführt wurde. In der Lebenszeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, wurde die Zakat von Menschen durchgeführt und nicht von entfernten, komplexen Organisationen und wohltätigen Strukturen. Er, Allahs Heil und Segen auf ihm, ernannte Zakatsammler für jede Ecke der arabischen Halbinsel. Personen, die persönlich dafür verantwortlich waren, den Reichen die Zakat zu nehmen, Bedürftige ausfindig zu machen und den Erlös innerhalb ihres Wohnortes physisch an sie auszuzahlen. Es ist Zeit für uns, dasselbe zu tun.

Ich habe den Unterschied, den eine lokalisierte Zakatnahme und -verteilung machen kann. Kürzlich sprach ich mit dem Leiter der muslimischen Gemeinschaft in Norwich, Abdal Hakim Akanmu. Er sammelt und verteilt die Abgabe vor Ort. Er erzählte viele Geschichten darüber, wie die Herzen der Menschen von ihm bewegt wurden, als er aus heiterem Himmel auftauchte, um Zakat in ihre Hände zu legen: „Mir sagten einige, dass sie ‘nur noch zehn Pfund haben … das Timing war perfekt’.“

Ich fühle mich sehr privilegiert, auch aus erster Hand Zakat an einen lokalen Sammler gezahlt zu haben. Es ist ein Geschenk, für das ich für immer dankbar bin und das mir verweigert worden wäre, wenn ich gerade eine Überweisung an eine Wohltätigkeitsorganisation vorgenommen hätte. Ich ziehe die menschliche Verbindung der Bequemlichkeit vor.

Ich habe erkannt, dass das menschliche Element alles ist. Es gibt feine Aspekte der Säule Zakat, bei denen es um mehr als nur Geben und Nehmen geht. Es handelt sich auch um die Schaffung von Gemeinschaft und ein Gefühl des Umsorgtwerden und der Erinnerung.

Dieses direkte Erleben der Abgabe vor Ort hat mich und andere gleichgesinnte, leidenschaftliche Muslime in Großbritannien veranlasst, zusammenzukommen und die lokale Zakat-Initiative zu beginnen. Wir möchten Muslime treffen, die inspiriert sind, Zakat in ihrer Region zu etablieren, und sie mit Hilfe und Rat verbinden. Und wir wollen die inspirierenden Geschichten von muslimischen Gemeinschaften teilen, die sie jetzt schon vor Ort organisieren.

Gemeinsam können wir so die Bindungen unserer Gemeinschaften stärken. Wir können sie zu besseren, gerechteren Orten machen und unseren nichtmuslimischen Nachbarn die transformierende Wirkung des Islam vor Ort zu zeigen. Die Einschränkungen durch den Coronavirus haben uns – mehr als alles andere – die Bedeutung unserer Nächsten und des zwischenmenschlichen Kontakts gezeigt. Nutzen wir diesen Weckruf! In Zeiten der sozialen Distanzierung: Machen wir unsere Zakat zu einem Mittel der sozialen Annäherung.

Die Local Zakat Initiative ist eine wachsende Gruppe britischer Muslime, die sich leidenschaftlich für die Dezentralisierung und Lokalisierung von Zakat einsetzen. Wir möchten, dass Gemeinschaften zusammenkommen und ihre eigenen Zakat-Sammler ernennen, die Zakat vor Ort sammeln und verteilen, um so die Situation der Muslime in ihren Städten zu verbessern. Wir sind davon überzeugt, dass wir dadurch unsere Situation als Muslime in Großbritannien grundlegend verändern können. Wir möchten die Geschichten von Muslimen in Großbritannien teilen, die dies bereits tun, und sich mit denen verbinden und ihnen helfen, die dazu inspiriert sind, dasselbe zu tun.

Der Artikel wurde am 14. Mai auf der Webseite www.hikaayat.com veröffentlicht. Nachdruck mit Erlaubnis der AutorInnen.

Mehr Informationen unter: localzakat.co.uk

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