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Zeitalter der Wut: „Die Debatte ist zu undifferenziert“

Interview mit der Extremismusforscherin Julia Ebner über ihr neues Buch

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Foto: Georgia National Guard | Lizenz: Public Domain

Bonn (KNA) Die Welt ist unübersichtlich, und Populisten mit scheinbar einfachen Lösungen haben leichtes Spiel. Julia Ebner, Extremismusforscherin am Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD), hat soeben ein Buch über diese Entwicklung veröffentlicht. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht sie über die Spirale aus Angst und Wut – und darüber, wie die Gesellschaft damit umgehen kann.

Frage: Frau Ebner, Ihr Buch beschreibt das „Zeitalter der Wut“. Was macht dieses Zeitalter aus?

Julia Ebner: Viele junge Menschen erleben eine Spirale der Angst – und dadurch, dass diese Angst instrumentalisiert wird, geraten sie gleichsam in eine Spirale der Wut. Diese Entwicklung betrifft vor allem die Generationen, die mit dem 11. September 2001 und dem folgenden „Krieg gegen den Terror“ aufgewachsen sind: mit der Überzeugung, dass ein Krieg zwischen den Kulturen unvermeidbar sei. Wirtschaftskrisen und politische Spannungen haben die Angst weiter verstärkt. Extreme Gruppen auf allen Seiten versuchen, diese Angst für ihre Zwecke zu missbrauchen und in Wut umzuwandeln.

Frage: Wie passiert das genau?

Julia Ebner: Die Sozialen Medien spielen dafür eine große Rolle. Dort entstehen sogenannte Filterblasen: Die Nutzer nehmen vor allem wahr, was ihren eigenen Überzeugungen entspricht. Daraus kann eine Gruppendynamik entstehen, die extreme Gruppen sehr raffiniert nutzen. Rechtsextreme schüren zum Beispiel verbreitete Ängste vor dem Terror oder vor Migration. Schritt für Schritt verbinden sie diese Angst mit ihrer Ideologie – und geben dem Establishment, den Medien oder den Sicherheitsbehörden die Schuld für vermeintliche oder tatsächliche Missstände.

Frage: Manche Forscher meinen, es sei letztlich Zufall, ob junge Menschen sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) oder einer Neonazi-Gruppe anschließen. Wie sehen Sie das?

Julia Ebner: Tatsächlich sprechen beide dieselben Frustrationen an. Sie konkurrieren teilweise um Mitglieder in derselben Bevölkerungsgruppe. In ganz Europa gab es Fälle von Menschen, die von rechtsextremen zu dschihadistischen Gruppen gewechselt sind.

Frage: Gibt es Parallelen zwischen diesen scheinbar gegensätzlichen Gruppen?

Julia Ebner: Die wichtigste Parallele ist die utopische Vorstellung einer ethno-kulturell „reinen“ Gesellschaft. Für die Rechtsextremisten wäre es eine komplett weiße, europäisch oder amerikanisch geprägte Zivilisation, für die Islamisten eine Gesellschaft, in der der Islam alles dominiert. Die Vorstellung, dass diese Utopie alle Probleme löst, ist beiden gemein. Beide verbreiten zudem häufig antisemitische Verschwörungstheorien oder die Behauptung, dass der 11. September 2001 ein „Inside Job“ war. Und beide sprechen gezielt Menschen an, die sich in einer Identitätskrise befinden. Vor allem Maskulinitätskrisen spielen hier eine große Rolle: Sie nutzen die verloren geglaubte Männlichkeit in der Gesellschaft aus, indem sie versprechen, dass diese Männlichkeit durch Märtyrerschaft und Heldentum wieder erlangt werden könnte.

Frage: Sie beschreiben zudem eine wechselseitige Radikalisierung. Wie funktioniert die?

Julia Ebner: Beide Gruppen sprechen von einem Krieg zwischen den Kulturen, genauer: zwischen dem Islam und dem Westen. Dieses Feindbild und die gegenseitige Dämonisierung wird einerseits dadurch verstärkt, dass Rechtsextreme die Muslime in die Ecke treiben. Andererseits führen islamistische Anschläge dazu, dass die Rechtsextremen sich bestätigt sehen. So verschaffen beide einander mehr Zulauf.

Frage: Sowohl IS-Anhänger als auch Rechtsextreme sind oftmals gebildet und internetversiert, heißt es in Ihrem Buch. Macht Bildung also doch nicht „immun“ gegen Ideologien?

Julia Ebner: Oft ist die Debatte zu undifferenziert. Es geht nicht allein um das formale Bildungsniveau, sondern vor allem darum, was in Schule oder Universität behandelt wird. Offenbar kommt die Vermittlung von sozialen Kompetenzen und die Stärkung des kritischen Denkvermögens häufig zu kurz. Dagegen können etwa Kampagnen und Workshops helfen, in denen junge Menschen lernen, mit welchen Techniken die Extremisten vorgehen und wie Propaganda funktioniert.

Frage: Welche Rolle spielt die Religion?

Julia Ebner: Die Intoleranz gegenüber Andersgläubigen ist eine weitere Gemeinsamkeit zwischen allen extremistischen Gruppen. Beim IS wird klar, wie Religion instrumentalisiert wird: Die Miliz hat versucht, sich selbst als repräsentativ für den Islam darzustellen, was wiederum rechtspopulistischen Politikern in die Hände spielt. Beide haben diese Religion so stark verfälscht, dass die Linien zwischen Islam und Islamismus in der öffentlichen Wahrnehmung immer stärker verwischen.

Frage: Und bei den Rechtsextremen?

Julia Ebner: Da gibt es sehr unterschiedliche Gruppierungen. Manche sind säkular orientiert, manche atheistisch. Manche sind auch religiös inspiriert und bezeichnen sich als christlich. Aber in den meisten Fällen spielt die Religion eine kleinere Rolle.

Frage: Wie beurteilen Sie Maßnahmen wie das französische Burkaverbot?

Julia Ebner: Islamistische Propagandisten verwenden Beispiele aus der ganzen Welt, um zu zeigen, dass der Westen angeblich alle Muslime unterdrückt. Sie vermischen zum Beispiel Burkaverbote mit der Unterdrückung von Muslimen in Kaschmir oder Palästina. Wichtig ist ein konsequenter Umgang mit den Religionen. Schwierig wird es, wenn einzelne Maßnahmen nur Muslime betreffen.

Frage: Wie kann man dem Trend zur Wut entgegenwirken?

Julia Ebner: Auf zivilgesellschaftlicher Ebene muss es zu einer stärkeren, attraktiveren Gegenbewegung kommen, die auch Jugendliche anspricht. Im Moment gelingt das eher den extremistischen Gruppen – mit ansprechendem Marketing, aber auch mit der Benennung von Ängsten. Das können nur zivilgesellschaftliche Initiativen verändern, denn was von oben kommt, wird meist als unglaubwürdig abgelehnt. Ein Ansatz kann es sein, Gemeinschaften zu stärken, die nichts mit religiöser, kultureller oder nationaler Identität zu tun haben, sondern andere Merkmale in den Vordergrund rücken: zum Beispiel das Interesse an Musik oder einem anderen Hobby. Das gilt vor allem für soziale Netzwerke, in denen man so den entstandenen politischen und kulturellen Filterblasen entgegenwirken könnte. Zugleich braucht es einen Zusammenschluss zwischen der Regierung und der Zivilgesellschaft, um Dialog und Austausch zu stärken.

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