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Zeitlebens ein Reisender

Schaikh Bashir Dultz ist 80 Jahre alte geworden. Das hindert den Veteran des deutschen Islam nicht an seiner Umtriebigkeit. Ulrike Hummel berichtet

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Foto: IZ Medien

(iz). Es ist kurz vor 17 Uhr, auf dem Parkplatz der neuen Moschee in Bonn Tannenbusch. Schaikh Bashir empfängt die geladenen Gäste persönlich. Gewöhnlich sieht man ihn in langen Gewändern, heute trägt er einen schwarzen Anzug. Dazu die traditionelle Kopfbedeckung der Senussi und einen weißen Umhang locker über die Schulter hängend. Es ist ein besonderer Tag in diesem April.  Schaikh Bashir Ahmad Dultz ist gerade 80 Jahre alt geworden. Für sein Lebenswerk soll er nun vom Zentralrat der Muslime (ZMD) geehrt werden. Freunde und Weggefährten erzählen aus einem sehr bewegten Leben.

1935 in Königsberg geboren, verbringt Joachim Dultz die ersten Jahre seiner Kindheit in der ostpreußischen Stadt. 1945 wird das heutige Kaliningrad von der russischen Armee eingenommen, die Familie muss fliehen. „Es waren die Frauen und die Mütter, die ihre alten Eltern und Kinder durch die Länder ziehen mussten.“ So auch bei Familie Dultz. Mit ihren drei Jungen macht sich die Offiziersgattin alleine auf den Weg. „Papa war immer Soldat. Papa war nie da. Während der ganzen Kriegsjahre haben wir Papa nie gesehen“, erzählt der Schaikh. Der 10-jährige Joachim erlebt die letzten Jahre seiner Kindheit auf der Flucht. Es ist eine schwierige Zeit. Heute laufe das alles ein bisschen anders. Aber die Gründe, die Menschen in die Flucht treiben, seien damals wie heute vergleichbar. „Menschen laufen, weil ihre Kindern am Verhungern sind oder weil sie an der nächsten Ecke an und für sich gleich erschossen werden könnten“.

Die Familie lässt sich in Hamburg nieder. Der junge Joachim lebt mit einem seiner beiden Brüder bei seinem Vater – ein ranghoher Offizier – und dessen neuer Frau. Die Belastung der Kriegsjahre hatte das Ehepaar Dultz nicht verkraftet. Vater und Mutter ließen sich scheiden.

Am 6. Juli 1950, seinem 14. Geburtstag, nimmt Joachim Dultz den Islam an und nennt sich von nun an Bashir Ahmad Dultz. „Wir hatten in Hamburg die Gelegenheit, uns im Haus von Ayatollah Kashani zu versammeln. Es war eines der wenigen Häuser in den Ruinen von Hamburg, das nicht zerstört war“. Einmal wöchentlich habe Ayatollah Kashani zu sich eingeladen – eine entscheidende Begegnung, die dem jungen Joachim den Weg zum Islam ein Stück näher brachte. Die Gastfreundschaft des schiitischen Muslim würdigt der 80-Jährige bis heute. „Es brennt in meinem Herzen, wenn ich erleben muss, was wir Muslime, wir Schiiten, wir Sunniten miteinander treiben. Es ist furchtbar und es muss anders werden“.

Nach Beendigung einer Lehre als Speditionskaufmann in der Hansestadt, wandert der 17-Jährige nach Nordafrika aus. Sein Ziel: ein Beduinenleben in der Wüste Libyens, damals eines der ärmsten Länder der Welt. Der junge Bashir, der wegen seiner Konversion vom Vater verstoßen wurde, lässt  sich von Malta aus von einem Fischerboot an Bord nehmen und an der libyschen Küste absetzen. „Ich hatte nichts außer dem was ich an hatte.“ Wenige Tage später wird er von einem Libyer in sein Haus aufgenommen. „Ich habe immer noch nicht vergessen, wie unglaublich ich dort aufgenommen wurde – mit all meinen Schwächen, meinen Sprachproblemen und meiner Armut.“ Es war eine Zwischenstation und zugleich Brücke in ein Beduinenleben – das, wonach sich der Junge aus Hamburg eigentlich sehnte. Die Beduinenfamilie, ein Stamm von Kamelzüchtern im Umfeld des Königshauses, nimmt den Fremden bei sich auf. Bald darauf verliebt er sich in eine junge Frau des Stammes. Die beiden heiraten, nachdem es zunächst Widerstande gegen die Verbindung gab. Nach der Hochzeit folgen fünf Jahre Nomadenleben in der Cyrenaika – barfuß und voller Armut.

Danach geht das Paar nach Bengasi und wird dort sesshaft. Bashir Dultz zieht es an die neu gegründete Universität. Es folgen einige Jahre Studium und von 1958 an Tätigkeiten als Übersetzer bei der US-Botschaft. 1960 zieht es das Beduinenpaar in die Hauptstadt Tripolis. Im Laufe der Jahre hatte sich die Familie beachtlich erweitert: fünf eigene Kinder haben die Dultz und entscheiden sich zur Aufnahme dreier Waisenkinder, deren Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Eine zehnköpfige Familie zu ernähren war schon damals eine echte Herausforderung. „Wir hatten nichts, aber wir waren glücklich“, resümiert Schaikh Bashir heute.

In der Hauptstadt schaut der Beduine zunächst auf alle europäisch gekleideten „Stadt-Araber“ herab. Für ihn waren sie Vertreter des Kolonialismus und des Imperialismus, unter dem sein zur Heimat gewordenes Land arg gelitten hatte. Durch die italienische Besatzung etwa sei die Hälfte der Bevölkerung ums Leben gekommen. Nun machte das Land seine ersten Schritte in Richtung Unabhängigkeit. Bashir Ahmad Dultz erlebte zu dieser Zeit auch ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit und Toleranz. Vor allem in Tripolitanien, den westlichen Landesteilen Libyens, lebten Araber, Berber, Afrikaner und Europäer Seite an Seite. „In Tripolis gab es einen Platz mit einer orthodoxen Kirche, einer katholischen Kathedrale, einer Synagoge und einer Moschee. Und es war klar, dass an den jeweiligen Festtagen jene die nicht feierten, den Platz den Feiernden überließen.“

Zu dieser Zeit begegnet der gläubige Muslim Schaikh Mohammed al-Fayturi, einem bedeutenden Gelehrten der libyschen Sanusiyya. Die Begegnung markiert den Beginn einer neuen Ausrichtung im Glauben: Der Sufismus, bzw. die Senussi-Bruderschaft, bestimmt von nun an das künftige Leben des Bashir Ahmad Dultz. Bis heute ist er im Bunde mit Schaikh al-Fayturi, der nach wie vor ein wichtiges Vorbild für ihn ist.

Während seiner über 30-jährigen Zeit in Nordafrika lebt der deutsch-libysche Muslim jedoch kein zurückgezogenes Leben. Der politisch interessierte Mensch bleibt weltoffen. Er hält Kontakt zu seinen Weggefährten und Freunden in Deutschland, und in Libyen empfängt er Gäste aus aller Welt:  Der amerikanische Boxer Mohammed Ali, Malcom X, Alija Izetbegovic oder Muhammad Assad – um nur einige zu nennen – suchen den jungen, inzwischen zum Schaikh berufenen Bashir auf.

1979 gerät der tief religiöse Mann in Gefangenschaft. Der Grund: stammespolitische und religiöse Loyalitäten. Die Sufi-Bewegung der Sanusiyya war von 1840 bis 1969 die herrschende Bewegung im Land, bis Muammar al-Gaddafi die Macht an sich riss. 1969, mit dem Sturz König Idris’, wurde die Bruderschaft praktisch verboten.

1981 wird Bashir Ahmad Dultz fünffach zum Tode verurteilt. Der Vorwurf des diktatorisch regierten Staates: „Agent des Internationalismus, Volksfeind und Gegner der Revolution.“ Es folgen fünf Jahre Haft in der Todeszelle unter Gaddafi. Doch wieder wendet sich das Schicksaal zum Guten: 1983 gelingt es der Bundesrepublik in einem Deal mit Libyen Schaikh Bashir gegen einen Gefangenen auszutauschen. Er kehrt nach Deutschland zurück. Der Preis: der Verlust der geliebten Familie. Weder seine Frau noch die Kinder dürfen ihm folgen. Zeit seines Lebens darf er den Wüstenstaat nicht mehr betreten. „Libyen war mir Heimat geworden – durch seine Menschen, durch meine Frau, durch meine Familie und durch das, was ich dort suchte und fand.“ Ob er Libyer dafür hasse, was man ihm angetan hat, wird er oft gefragt: „Nein. Ich weiß, dass das, was passiert ist, jeden Moment, jedem Volk und überall passieren kann.“

Mit der Rückkehr nach Deutschland, wo sich Schaikh Bashir in Bonn Bad Godesberg niederlässt, beginnt ein neues Kapitel in seinem Leben. Von nun an widmet er seine ganzen Kräfte dem interreligiösen Dialog, dem Frieden unter den Menschen und dem Aufbau islamischer Strukturen im In- und Ausland. Trotz der Strapazen und Qualen der letzten Jahre hat er die Kraft, noch 1983 den Sufi-Orden Tariqah As-Safinah zu gründen. „Die Rolle unseres Ordens ist der Dialog. Hauptsächlich im abrahamitischen Rahmen, im Prinzip aber mit allen Menschen. Auch mit Atheisten oder Humanisten – wie immer sie sich nennen mögen. Eine unserer Hauptaufgaben ist die Bemühung, Mann und Frau auf einer gleichen Ebene zu haben.“

Dass das funktioniert, lebt das Sufi-Oberhaupt vor. 1983 begegnet er der zum Islam konvertierten Deutschen Chadigah M. Kissel. Die Tanz- und Meditationslehrerin und der deutsch-libysche Schaikh werden ein Paar. Beide kümmern sich bis heute –  so gut es geht – um das Wohlergehen der Familie in Libyen. Seit über 30 Jahren gehen sie gemeinsam den Bemühungen um Dialog und Frieden nach. Vom jüdischen Leo-Baeck-College in London erhalten sie jeweils den Titel der Ehrenprofessur. Im September 2008 erhält Schaikh Bashir Ahmad Dultz für sein Engagement im interreligiösen Dialog das Bundesverdienstkreuz am Bande.

An diesem Abend, seiner ersten Geburtstagsfeier überhaupt, werden all die Organisationen aufgezählt, die Schaikh Bashir, meist in leitender Position, mit geprägt hat. Als Vorstandsvorsitzender des Zentralrats der Muslime (ZMD) überreicht Aiman Mazyek dem Geehrten eine seltene Koranfassung. Murad Hofmann wagt einen Blick in die Zukunft des Islam. Und weitere Redner würdigen die Verdienste des Schaikhs. Doch der alles überragende Moment während der Feierlichkeiten in der Al-Muhajirin Moschee ist spontaner Natur:

Ein Vertreter der libyschen Gemeinde in Bonn betritt die Bühne: „Als Libyer möchte ich mich bei Dir für das entschuldigen, was unser Land Dir angetan hat – stellvertretend für die libysche Gemeinde in Bonn.“  Sie umarmen sich. „Ich könnte nicht der sein, der ich bin, wenn ich nicht diese Zeit in Libyen gehabt hätte“, sagt Schaikh Bashir und nimmt den bunten Blumenstrauß des Libyers entgegen.

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