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Zivilisierter Umgang mit dem Islam lässt sich auch von den Preußen lernen. Von Abu Bakr Rieger

Geduldet, toleriert, respektiert?

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(iz). Der Islam gehört zu Preußen“, unter diesem schmissigen Titel fand sich im Magazin der Stiftung Preußische Schlösser ein Beitrag von Iwan D’Aprile. Die lesens­werte Hommage an den respektvollen Umgang Friedrichs des Großen mit ­seinen Untertanen und Minderheiten erinnert auf ungewöhnliche Weise an eine der Fundamentaldebatten, die die Präsenz von Muslimen in Deutschland ausgelöst hat. Bei der umstrittenen Frage nach der Zugehörigkeit des Islam in das deutsche Gemeinwesen geht es um nichts anderes als eine Bestimmung der historischen und religiösen Identität der Bundesrepublik.

Bundespräsident Wulff und Innenminister Friedrich hatten in vielbeachte­ten Wortmeldungen versucht, die Rolle des Islam in der Vergangenheit und Zukunft öffentlich auszuloten. Besonders dem Neuem im Amt des Innern, CSU-Politiker Friedrich, machte es einige Mühe, sich zur Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland zu bekennen. Seine verwirrende Losung „Muslime ja, ­Islam nein“ hatte nicht gerade das Heimatgefühl vieler gläubiger Muslime in Deutschland befördert. Eine neue Generation von Muslimen – alle hier gebo­ren – sieht in Deutschland zwar durchaus Vorbild und Heimat, kann sich aber gleichzeitig ein Leben ohne den Islam nicht vorstellen. Es sind diese jungen Leute, um die es bei der Debatte wirklich geht.

Man weiß nicht, auf welche europä­ische Tradition der niederländische Populist Wilders sich berufen will, wenn er jungen Männern, die aus Immigran­tenfamilien stammen, sogar noch in der 4. Generation die Fähigkeit, Holländer zu sein, absprechen will. Aus der deutschen historischen Erfahrung mit Zuwanderung lässt sich diese Absurdität nicht ableiten. Tatsächlich lohnt sich gerade ein Blick auf die preußische Tradition im Umgang mit dem Islam.

Bei aller Bewunderung für die preußi­sche Gelassenheit in der Begegnung mit der anderen Religion muss man sich dabei von vornherein vor simplen Vergleichen hüten. Die historische Lage im Preußen des 18. Jahrhunderts und die Erfahrungen mit den ersten zarten Formen strategischer Zuwanderung lassen sich nur schwer mit unserer Zeit der Masseneinwanderung von Muslimen nach Deutschland vergleichen. Immigration in größeren Zahlen gab es in Preußen vor allem durch den Zuzug benachbarter Volksgruppen.

Interessant ist die Begegnung des ­Islam mit dem Preußentum dennoch; vielleicht auch, weil auf beiden Seiten die Intelligenz die Stimmung und das Denken über die Anderen prägte. Nur wenn die Eliten auf beiden Seiten – so kann man wohl aus dieser Geschichte lernen – miteinander „können“, sich überhaupt kennen und mit gutem Beispiel vorangehen, erwachsen in ihren jeweiligen Gesellschaften die Möglichkeiten eines breiteren Dialogs oder sogar strategischen Partnerschaften.

In dieser Hinsicht hatte Preußen ­sicher kein Führungsproblem im unbe­fangenen Umgang mit dem Islam. Zunächst drängen sich natürlich die berühmten Aussagen von Friedrich dem Großen auf. Als Herrscher eines Vielvölkerstaates und eines Einwanderungs­landes gehörte der geschickte Umgang mit Minderheiten natürlich zum Reper­toire eines großen Mannes. Es fiel dem Potsdamer Unikum nicht besonders schwer zu verkünden, dass „alle Religi­onen gleich gut“ seien und dass man, das war durchaus herzlich gemeint, „anreisende Türken auch mit Moscheen versorgen sollte“. Das berühmteste Wort des Preußenkönigs, wonach in Preußen jeder „nach seiner eigenen Façon glücklich werden solle“, fasst den respektvollen Umgangston, den die preußische Führung mit den Konfessionen ­pflegte, ganz gut zusammen.

Aus dieser Grundhaltung heraus wundert nicht, dass auch Friedrich der Große ein mögliches Bündnis mit Muslimen nicht ausschlug. Diese Haltung hatte in Preußen Tradition. Schon 1739 beherbergte Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. einige türkische „lange Kerls“, diese Soldaten bekamen sofort eine eigene kleine, improvisierte Moschee in der Stadt. Mehr noch: Der ­König bekannte sich, „die islamische Religion und ihre Ausübung“ zu schützen. Muslime wurden – als integrierter Bestandteil von Preußens Armee – logi­scherweise nicht mit einem Feindbild in Verbindung gebracht.

1761 kam es in praktischer Konsequenz dieser ersten Verbindungen zu einem Freundschafts- und Handelsvertrag mit den Osmanen. Wenig später, im Jahre 1763, lud Friedrich II. eine osmanische Gesandtschaft nach Brandenburg ein und begründete damit endgültig die lange Tradition taktvoller Beziehungen zwischen Türken und Deutschen. Noch heute kann man auf dem islamischen Friedhof in Berlin Gräber verstorbener Mitglieder der türkischen Delegationen aus dieser Zeit bewundern. Das Gräberfeld – als Symbol pfleglicher Beziehungen zweier Kulturen – gehört heute ebenfalls zum kulturellen Erbe Deutschlands.

Sogar die gezielte Zuwanderung von Muslimen hielt der König für vernünf­tig, plante Moscheen und kündigte an, sich auch über die zu erwartenden Lobpreisungen der Muslime an Allah nicht etwa aufzuregen. In einem berühmten Brief vom 13.8.1775 weihte er seinen staunenden Freund Voltaire in die Pläne ein, etwa 1.000 muslimische Familien ansiedeln zu wollen.

Die Vision der Preußen, die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen in ein Großes und Ganzes einzufügen, war tatsächlich aller Ehren wert. Es ist vielleicht eine Binsenweisheit, aber die Preu­ßen konnten mit ihren Minderheiten etwas anfangen und gaben ­ihnen so das ehrliche Gefühl, etwas wert zu sein und gebraucht zu werden. Im Vergleich zu heute fehlte es dabei auch nicht an ziemlich kühnen Visionen, oder welcher Politiker käme unserer Tage auf die pragmatische Idee, Musli­me in Ostdeutschland anzusiedeln, um dort Landflucht und Bevölkerungsschwund zu bekämpfen?

Aber auch die muslimische Seite, die den Preußen entgegentrat, verhehlte genauso wenig Bewunderung und Achtung für die Leistungen und Errungenschaften des Gastgebers. In dem ­lesenswerten Sammelband „Türken in Berlin“ wird aufgezeigt, wie sehr die preußischen Traditionen auf türkische Intellektuelle Eindruck machten. Ein typisches Zeitzeugnis dieser Art sind die bekannten Reisebeschreibungen des ­Juristen Celal Nuri. Der Rechtsanwalt reiste im Sommer 1913 nach Berlin. Ganz unter dem Eindruck des Untergangs der osmanischen Größe glaubte er, den „Verfall des Osmanischen Reiches am eigenen Leibe zu spüren“. Das funktionierende Deutschland, seine Sauberkeit, die Effizienz seiner Einrichtungen faszinierten ihn sofort. „Entsetzlich ist es, als unfähiger, schwerfälli­ger Tölpel in diesem Mekka des Fortschritts herumzustolpern“, schreibt er in seinen Reiseberichten.

Diese typischen Erfahrungen, natürlich noch unberührt vom Abgrund der von Deutschland aus geführten ­Kriege, lassen diese Eliten darauf hoffen, dass man voneinander lerne und auch die Türken sich ein Vorbild an den deutschen Tugenden nehmen. Besonders in Potsdam nimmt Nuri den allgegenwärtigen Schaffensdrang Friedrich des Großen auf: „In Potsdam erhielt die Monarchie Form und Gestalt. All ­diese prächtigen Säle, Kuppeln, Gärten, Parks, Kollektionen, Kunstwerke und zahllosen Statuen stehen für die Pracht und die Größe des Staates, für den Prunk und die Erhabenheit der Regierung und damit der Monarchie.“

Zweifellos ist es die Kaiserzeit unter Wilhelm II, die die preußische Annähe­rung mit dem Islam mit seinem Istanbulbesuch nochmals überhöhte, aber auch inszenierte, und damit in das öffentliche Bewusstsein der Deutschen bringt. Die Freundschaft Wilhelms mit dem türkischen Sultan Abdulhamid II. bildete zweifellos einen Höhepunkt der Annäherung der muslimischen und christlichen Köpfe dieser Zeit. Fürst von Bülow widmete in seinen dreibändigen „Denkwürdigkeiten“, seinen scharfsinnigen Memoiren über den Dienst am kaiserlichen Hofe, ein ­ganzes Kapitel der Orientreise von 1898, die den deutschen Kaiser nicht nur nach Jerusalem, sondern auch nach Damaskus und Istanbul führte.

Der Diplomat von Bülow wollte, schon aus Sorge, andere europäische Mächte hätten dies missverstehen können, die kaiserliche Begeisterung für den Islam und die Türkei in möglichst nüchterne Worte fassen. Er selbst war vor allem an den wirtschaftlichen Pers­pektiven für die deutsche Industrie inte­ressiert und blieb einem politischen Bündnis gegenüber eher skeptisch. Nur, der Kaiser bat ihn aber immer wieder zum Diktat und – wie von Bülow kopfschüttelnd erzählte – musste er immer wieder neue Varianten der Lobpreisun­gen erfinden, die er zum Sultan senden sollte, damit der „Kaiser sich nicht wiederhole“. Der Entourage um den ­Kaiser wurde die mühsame Reise in die ande­re Welt bald ein wenig anstrengend. Von Bülow jedenfalls beendete sein Kapitel über die berühmte Orientreise mit sanftem Spott. Er zitierte abschließend den Begleiter von Lucanus, der seiner Frau nach Potsdam telegraphiert: „Bin den Rummel satt. Sehne mich nach Dir und Hasenbraten mit Rotkohl.“

Was bleibt eigentlich von der preußi­schen Tradition der Annäherung an den Islam, ihren Perspektiven und Horizonten? Zunächst kann man feststellen, dass die Leitgedanken der Preußen und ihre Vorstellung von Toleranz merkwürdig an Aktualität gewonnen haben. Volker Tschapke, Präsident der Preußischen Gesellschaft, hielt schon 2006 einen Vortrag über „Preußen und der Islam“ und verteidigte – ganz preußisch – Muslime und ihren Glauben vor den Abgründen einer sich verflachenden Debatte in der Bundesrepublik. Tschap­ke, der, wie er betont, seine Bibel ausdrücklich kennt und liebt, versteht nicht, warum plötzlich das „Miteinander vom Gegeneinander“ abgelöst werden soll und warum man sich an Ritua­len störe, Karikaturen zur Schmähung verbreite oder in Kopftüchern böse Zeichen sehe. Der Preußenfan bringt es dann in seinem Vortrag auf den Punkt: „Wie schwach müssen die eigenen, geistigen, religiösen und kulturellen Positionen geworden sein, wenn das bislang Tolerierte als Bedrohung deklariert wird?“

So mancher Kritiker wird hier einwenden wollen, dass zwischen der Tole­ranz der Preußen und heute schlicht der 11. September steht. Allerdings, es ist oft genug eben eine Kritik, die mit einem gewissen Bildungsnotstand einhergeht. Das Studium des Verhältnisses des Islam zur Gewalt, die innere und äußere Lehren dieser großen Religion, erfordern nicht nur Zeit, sondern auch eine Bereitschaft zur Weiterbildung. Oft genug sind aber unsere Eliten von Inhalten und Erfordernissen eines intel­ligenten Dialogs überfordert.

Sogar der bekannteste Islamkritiker im Lande, Tilo Sarrazin, hat im Grunde selten mit Muslimen, geschweige mit der muslimischen Elite, auf Augenhöhe diskutiert. So bleibt, dass beide ­Seiten wenig über den Islam oder Deutschland wissen und sich in ein vage bleiben­des Bild gegenseitiger Toleranz retten. Doch geht diese Toleranz tief genug? Können unsere Eliten überhaupt eine Vision einer echten Zugehörigkeit des Islam in Deutschland formulieren, die über Duldung hinausgeht? Es ist der andere große Wegbereiter eines ­tieferen Verständnisses der Deutschen über den Islam, der mehr als ein wenig ­Toleranz einforderte. So schrieb J.W. Goethe in seinen Maximen: „Toleranz kann eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

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