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Zuerst entflammt das Herz

Über Liebe und die Leidenschaften des Menschen. Von KO Masombuka

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Foto: National Portrait Gallery | Lizenz: Gemeinfrei

(iz). Fragt man jemanden aus Südafrika, Indonesien, Venezuela oder Norwegen nach dem, was für ihn die Liebe sei, dann würden viele Dinge nennen, die sie von woanders übernommen haben, wie etwa „Liebe ist Schönheit“, „Liebe ist alles“, „sie ist Einheit“, „Liebe ist Bewusstsein“, „sie übersteigt die Religion“, „sie urteilt nicht“, „Liebe ist Spiritualität“,“sie ist ein wunderbares inneres Gefühl“, und so weiter.

Die „alternative“ Ansicht ist, dass Liebe ein chemischer Austausch im Gehirn sei, der Säugetiere zur Fortpflanzung animiere. Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Vorstellungen von Liebe befinden sich beide innerhalb des anerkannten Establishments unserer Zeit. Man könnte ein Anhänger von Eckhard Tolle sein, oder aber von Sam Harris, das heißt, die Weltanschauungen mögen sich aus entgegengesetzten Positionen gegenüberstehen, aber beide enden letztlich im Kauf von Waren und nutzen hierfür die ­Kreditkarte. Deswegen ist ihre Verschiedenheit nur scheinbar gegeben, im Kern jedoch ruft die Liebe hier dieselben Handlungen hervor.

In der heutigen Zeit hat sich das, was wir als Popkultur kennen, auf der ganzen Welt verbreitet. Traditionelle Weltanschauungen wurden beiseite geschoben und durch eine andere Version der Reali­tät ersetzt. Der französische Soziologe Jacques Ellul hat in seinen Arbeiten aufgezeigt, dass diese Version der Realität, der fast alle von uns unterliegen, im Grunde den Interessen einer Machtelite dient. Um ihren Einfluss zu stärken, hat sie bestimmte Ideen verbreitet, die den Menschen von seiner hohen Position als Kalif – dem Statthalter Allahs auf dieser Welt – zu einer wirtschaftlichen Einheit, einem Verbraucher, degradieren.

Damit der Mensch sein Geburtsrecht als Vertreter des Göttlichen auf Erden zurückerhalten kann, muss er wieder aufs Neue beurteilen, was denn Liebe bedeutet. Dieser Artikel wird versuchen, das ursprüngliche Verständnis von Liebe zu erforschen, und weist auf einen Rahmen für den kommenden Menschen hin, der im Eisenzeitalter lebt. Sobald der Mensch die Liebe zum Göttlichen verkörpern kann, wird seine Orientierung sein Selbst transformieren und die persönlichen, fami­liären und weiteren bürgerlichen Strukturen auf natürliche Weise synchronisieren und ihn somit an seinen rechtmäßigen Platz befördern.

Liebe ist in der Wissenschaft des Tasaw­wuf eine plötzliche Leidenschaft oder ein „sich Verlieben“. Dies ist, was aus dem Verborgenen ins Herz kommt und sich seinen Weg ins Äußere bricht. Als Metapher können wir die Liebe als eine Flüssigkeit betrachten, die in ein Glas gegossen wird. In der Anfangsphase vermischt sich diese Flüssigkeit mit den Ablagerungen im Glas. Das heißt, Liebe kann in ein Individuum eintreten, ­welches in sich psychologische und emotionale Unruhen trägt. Sie kann durch die verschiedenen Sinneswahrnehmungen in das Herz eindringen – Sehen, ­Hören und Handeln.

Liebe hat also zwei Stufen; sie kann verunreinigt und gereinigt sein. Die erste Stufe wird hier ausführlich besprochen. Zu Beginn vermischt sich also die Flüssigkeit mit den Ablagerungen des Glases, und es ist schwierig, zwischen der Flüssigkeit und ihnen zu unterscheiden.

Liebe kann durch einen Blick in das Herz eindringen und sich so vor dem I­ndividuum manifestieren. Die berühmte Schauspielerin Elizabeth Taylor verliebte sich in acht Männer, heiratete und ließ sich in ihrem Leben von ihnen allen wieder scheiden. Die Liebe drang in das Herz von Frau Taylor ein, nachdem sie diese gut aussehenden Männer erblickt hatte. Sie vermischte sich jedoch mit einer ­Vielzahl von Leidenschaften, wobei die Hauptursache unter ihnen die Lust war.  Bei einer Gelegenheit sagte sie: „Ich habe immer zugegeben, dass ich von meinen Leidenschaften beherrscht werde.“

Durch die Kraft eines anderen unserer Sinne, das Hören, kann eine weitere Art der noch verunreinigten Liebe in die Herzen der Menschen eintreten. Ein Beispiel hierfür ist die Popmusik. George Gittoes drehte eine Dokumentation mit dem ­Titel „Soundtrack to War“ (Soundtrack für den Krieg). In dem Film verfolgt er amerikanische Soldaten bei der Besetzung des Irak und zeigt, wie sie sich auf den Kampf vorbereiteten. Ein Soldat erklärt darin, dass Drowning Pools Lied „Bodies“ das Motto seiner Panzer-Crew während ihrer Schlachten war.  Ein anderer sagte, dass Mystikals „Round Out the Tank“ dabei geholfen habe, sie vor dem Kampf zu pushen. Durch die Musik drang die Liebe in die gestressten Herzen der amerikanischen Soldaten ein, verbunden mit einem starken Gefühl des Patriotismus und einem tiefgreifenden Hass auf den „terroristischen“ Feind.  Diese Kombination erregte Aggression und unterdrückte Mitgefühl und Selbstreflexion während und nach dem Gefecht mit dem „Feind“. Dies hat dazu geführt, dass amerikanische Soldaten im Irak Hunderttausende Zivilisten getötet haben. Weil des nicht ohne persönliche Folgen bleiben konnte, stieg nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg die Zahl der Soldaten, die Selbstmord begangen, auf ein alarmierendes Hoch an.

Ein anderes Mittel, durch das verunreinigte Liebe in die Herzen der Menschen gelangt, ist das Handeln. Dies ist besonders gut im Finanzsektor erkennbar. Dick Fuld begann seine Arbeit für die Lehman Brothers, arbeitete sich von unten nach oben durch die Reihen hoch, um Chief Executive zu werden. In einem Videofilmmaterial wurde Fuld gezeigt, als er seine Mitarbeiter in einer Firmentagung ansprach und seinen Ärger über Marktspekulanten äußerte, die den Akti­enwert der Firma Lehman Brothers ­sinken ließen. Er wurde mit den Worten zitiert: „Was ich wirklich tun möchte? Ich möchte ihnen ihre Herzen ausreißen und sie essen noch, bevor sie sterben.“

So berüchtigt war Fuld, dass andere Bankiers an der Wall Street, selbst fragwürdige Charaktere, ihn als Schlange ­bezeichneten. Einige Monate vor der Finanzkrise 2009 und der anschließenden Auflösung der Lehman Brothers beabsichtige Fuld, sein Unternehmen zu retten, indem er versuchte, „giftige“ Aktien an Investoren zu verkaufen. In Laiensprache ausgedrückt – er wollte Milliarden Dollar von anderen Investoren ­umtauschen, um sein Unternehmen zu retten. Diese Liebe, die Dick Fuld für seine Firma hatte, wurde mit seiner Gier verschmolzen.

Bisher hat dieser Artikel die Gefahren einer bestimmten Art von Liebe, der kontaminierten Art, aufgezeigt. Wir haben auch gezeigt, wie sie in die Herzen der Menschen eindringt und auf sie wirkt. Die Bedeutung dieser oben genannten Fälle ist, dass die beschriebenen Menschen zu den wagemutigsten Vertretern ihrer Art gehören und sich innerhalb der Avantgardefelder einer jeden Gemeinschaft befinden – in der Kunst, dem Krieg und dem Handel. Ein Sufi Schaikh sagte einmal: „Wenn der Impuls der ­Liebe aus dem Bewusstsein kommt, kann sie in die Irre gehen.“

Die Erkenntnis, dass verunreinigte Liebe gefährlich sein kann, ist nicht neu. Nach dem skandalösen Selbstmord von Marilyn Monroe im Jahr 1962 wurde im psychoanalytischen Beruf allgemein ­eingeräumt, dass die Vorstellung, „den Leidenschaften zu folgen“ nicht nur zu beanstanden ist, sondern durchaus gefährlich für alle Beteiligten sein kann.  Dies lässt uns erkennen, dass es durchaus giftig für den Menschen sein kann, sich an die Ideale einer Gesellschaft anzupassen, nur weil sie von der Allgemeinheit praktiziert oder akzeptiert werden.

Arthur Miller, der Ex-Ehemann von Marilyn Monroe, sagte in einem Interview;  „Es gibt zu oft den Versuch, Kontrolle über den Menschen erlangen zu wollen, anstatt ihn zu befreien. Ihn zu definieren, anstatt ihn gehen zu lassen. Dies ist Teil der gesamten Ideologie dieses Zeitalters – es ist machtsüchtig.“

D.H. Lawrence, ein Schriftsteller, Dichter und Essayist des Modernismus, führte in seinen Romanen und Abhandlungen zur menschlichen Psyche aus, wie die Trennung des Menschen von seiner natürlichen Form in eine Pervertierung mutierte, die uns seither glauben lässt, „im Namen der Liebe“ zu handeln, während wir unser Gegenüber nicht mehr als freies Individuum wahrnehmen, sondern als Idee dessen, was dieser Mensch für uns verkörpern soll. Diese mechanische Entwicklung, einhergehend mit der Industrialisierung, ist darauf begründet, die Welt, und somit einander, kontrollieren zu wollen.

Und obwohl Marilyn Monroe, ein Sexsymbol ihrer Zeit und eine von vielen geliebte Ikone, das perfekte Hollywoodleben führte, würde niemand behaupten, sie sei frei gewesen. Stattdessen war sie völlig darin gefangen, dem zu entsprechen, was die Gesellschaft von ihr wollte. Was eine Frau zu sein hatte, wie sie ihre Sexualität leben und preisgeben sollte – und wie sie lieben sollte. Es bleibt die Frage: Ist diese, immer noch aktuelle, gesellschaftliche Version der Liebe der einzige Weg oder gibt es einen anderen?

Wir kommen wieder zu unserer Meta­pher. Stellen Sie sich Liebe als eine reine Flüssigkeit vor. Stellen Sie sich den Menschen als ein Glas vor, welches Abla­gerungen seiner Leidenschaften, Hoffnungen und Ängste enthält. Wenn der Mensch nun etwas sieht, hört oder tut, erlebt er ganz plötzlich das Gefühl Liebe und sie dringt in sein Herz ein. Anfänglich dringt die Liebe in dieses noch verunreinigte Glas ein und vermischt sich mit den Ablagerungen, mit dem Aufruhr im Herzen des Menschen. Wenn er sein Leben auf diesen Zustand allein gründet, kann er, wie unsere Fälle gezeigt haben, einen ungemein unruhigen und unglücklichen Weg einschlagen.

Es gibt jedoch einen weiteren Weg. Ziel ist es, die Leidenschaften des Herzens zu beruhigen und die Ablagerungen im Glas sich auflösen zu lassen, sodass die Reinheit der Flüssigkeit sich manifestiert. Dies bedeutet, dass der Mensch schließlich das verkörpern kann, was wir reine Liebe nennen. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man sich selbst entleeren und somit Gnosis – Gotteskenntnis – erreichen kann, welche die höchste Möglichkeit der Liebe ist.

Die erste Regung der Liebe, sobald sie in das Herz eines Mannes eingedrungen ist, zündet das Herz an, damit es sich nach etwas sehnt. Wenn das Objekt der Liebe den Leidenschaften unterliegen zu vermag, muss das Individuum höher streben – zu dem Einen, der dem Menschen, das, was er liebt, überhaupt gegeben hat. Wenn Liebe in das Herz eines Mannes eingeht, nachdem er eine schöne Frau gesehen hat, muss er diese Liebe auf Den Einen richten, der nicht nur sein Gefühl geschaffen hat, sondern auch die Frau selbst. Allein das Streben nach Dem Göttlichen kann die Liebe reinigen, die dieser Mann für diese Frau empfindet.

Alsdann muss er die Triebe seiner ­Leidenschaften zügeln und den Anweisungen Des Göttlichen folgen, indem er Seinen Wünschen Folge leistet und ­Seinen Verboten ausweicht. Etwa, indem er sie heiratet und dieser schönen Frau treu bleibt, auch wenn ihre Schönheit im Alter nachlässt oder sie sich im Zuge der Zeit verändert.

Dies gilt ebenso für die Fragen des Handels und der Kriegsführung. Unser Schöpfer hat alles, was wir tun, mit Gebo­ten, Verpflichtungen und Rechten verse­hen, damit unsere Liebe oder unser Hass auf etwas in der Schöpfung nicht die Grenzen überschreitet, die Der Eine, Der alles geschaffen hat, uns gesetzt hat.

Dies ist in den Schahadatain der ­Muslime enthalten – ich bezeuge, dass niemand das Recht hat, angebetet zu werden, außer Allah, und dass Muhammad Sein Gesandter ist. Die erste Schahada bezeugt, dass die Liebe des Menschen Dem Göttlichen gilt. Die zweite bedeutet, dass wir akzeptieren, wie der Mensch seine Liebe in der Schöpfung reflektieren kann – durch das Maß der Schari’a. Mit der Verkörperung der Schahadatain kann die Liebe des Menschen aus seinem Selbst entfernt werden und Reinheit kann sich in ihr manifestieren. Diese reine Liebe wird von den Sufimeistern als reiner Wein bezeichnet.

Dieser findet im fünften Diwan von Schaikh Al-Faituri, möge Allah mit ihm gnädig sein, Erwähnung. Er singt:

Oh Murid!  Gib dein Selbst auf und was es will
Wenn du möchtest, dass die Geheimnisse Allahs sich dir vermehren!
Beschreite den Pfad und klammere dich an den Freund.

Er wird dir einen alten Jahrgang geben
Um von dem Wein Allahs zu trinken.
Der Geliebte wird dir Sein wundersames ­Geheimnis offenbaren.

Durste nach Seiner Liebe
Und ziehe dich in die Lichter Allahs zurück.
Die Becher gingen unter uns herum, oh Freund,
Das Geheimnis verströmte einen wohlriechenden Duft aus der Nische Allahs.

Nähere dich dem Weinkrug der Freude.
Sein Trank ist erlaubt!
Wahrlich, du wirst zufrieden sein –
Du wirst das Gesicht Allahs sehen!

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