IZ News Ticker

Zukunftsmärkte: Ein Ausblick auf den europäischen Halal-Markt. Von Abdulhamid Evans

Positive Aussichten

Werbung

(iz). Es gibt eine nützliche Funktion bei Google. Hier lässt sich das Interesse an jedem bestimmten Thema über einen gewissen Zeitraum anhand seiner Suchfrequenz ablesen. Bei den Goole-Suchen hat sich das weltweite Interesse am Thema „Halal“ in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Dies unterfüttert den Anspruch, dass der globale Halal-Markt wächst. Aus einer Statistik wird erkennbar, dass sein Anstieg der letzten 18 Monate dramatischer war als in den vorherigen vier Jahren. Dies legt den Schluss nahe, dass trotz der allgemeinen Abkühlung auf anderen Sektoren der Halal-Markt anzieht.

Diese Zahlen werden durch Statistiken von HalalFocus.com bestärkt, wonach die Besucherzahlen in den letzten 18 Monaten um das fünffache gestiegen sind. Über 70 Prozent aller neuen Besucher haben diese Webseite [Halalfocus.com] ihrer Favoritenliste hinzugefügt.

Besucher aus den USA1 und Malaysia nehmen dabei immer die beiden führenden Plätze ein, aber Großbritannien, Deutschland und Frankreich befinden sich ebenfalls immer auf den ersten 10 Plätzen. Dies verweist auf die gestiegene Bedeutung jenes Aspektes für Europas Märkte.

Halal in Europa
Ohne auf unterschiedliche Behauptungen über die sich verändernde Demografie Europas eingehen zu wollen, lässt sich sagen, dass die muslimische Bevölkerung in Europa nicht nur wächst, sondern auch über die durchschnittliche Wachstumsrate Europas hinaus. Verständlicherweise werden die muslimischen Verbraucher zu einer Zielgruppe für Einzelhandel und Produzenten, insbesondere auf dem Lebensmittelsektor. Ein Londoner Restaurantbetreiber sagte über seine Kunden, die bei ihm das Fasten brachen: „Sie sind alle jung, professionell, haben Geld und sind trendbewusst. Sie haben verfügbares Einkommen, um auszugehen und wirklich gut zu essen. Sie wissen, dass sie hier Halalfleisch erhalten können.“

In der gesamten westlichen Welt gab es mehr Werbekampagnen in diesem Ramadan als in jedem anderen Jahr. Allen voran Werbeclips zur besten Sendezeit im französischen Fernsehen für verzehrfertige Nudelgerichte. In ganz Europa lassen sich Halal-Lebensmittel mittlerweile auch im normalen Einzelhandel erstehen. Dazu zählen auch jene Marken, die von Supermärkten im eigenen Namen erzeugt werden.

Es ist auch von Bedeutung, dass „Halal“ mittlerweile überall als ein potenzieller Wachstumsmotor für Volkswirtschaften in aller Welt gesehen wird. Dies lässt den Schluss zu, dass wir wahrscheinlich einen anhaltenden Anstieg des Halal-Marktes beobachten werden, der sowohl von einer wachsenden Konsumentennachfrage als auch dem Willen des Handels, sie zu befriedigen, angetrieben wird. Darüber hinaus kann diese neue Perspektive auf jenes Segment als Wachstumsmotor durch politische Entscheidungen von jenen Regierungen vorangetrieben werden, die ihre schwächelnden Volkswirtschaften stabilisieren wollen.

Mit verschiedenen Prioritäten jonglieren
Die Eröffnung neuer fruchtbarer Gebiete, ohne dabei bestehende Unterstützer abzuschrecken, ist sowohl für die Politik wie die Wirtschaft ein Balanceakt. Auf politischer Seite wird die Erkenntnis, dass die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen für den Halal-Markt eine bedeutende Rolle sowohl für heimische als auch die Exportmärkte spielen kann, immer mehr zu einem Gemeinplatz werden. Das politische und ökonomische Klima spielt auch eine Rolle bei der Bestimmung, in welchem Maße Produzenten muslimische Verbraucher offen ansprechen und beliefern werden. Das gleiche betrifft den Umfang, in welchem Konsumenten selbstbewusst genug sind, die von ihnen gewünschten Produkte und Dienstleistungen zu fordern.

Der Regierungswechsel in den USA ­erzeugte beinahe augenblicklich einen Seufzer der Erleichterung unter acht bis neun Millionen US-Muslimen. Dieser fand im Rahmen wirtschaftlicher Schwierigkeiten statt. Diese führten dazu, dass viele der wichtigsten Teilnehmer auf dem Lebensmittelmarkt nach neuen Märkten und Strategien für neue Anteile ­suchen. In manchen Fällen versuchen sie auch nur, sich über Wasser zu halten. Viele betrachten den Halal-Sektor daher als einen vielversprechenden ­Kandidaten.

Dieser Trend brachte das muslimische Verbraucherpotenzial in den Blickpunkt wie auch die Erkenntnis, dass sich dessen Kaufkraft auf rund 170 Milliarden US-Dollar beläuft. Jene Erkenntnis eröffnet die Möglichkeit zur Schaffung neuer Marktnischen. Nicht nur WalMart und CostCo haben die Bedeutung dieses Marktes erkannt, auch einige wichtige Lebensmittelproduzenten denken über die Bedienung des Halal-Marktes nach.

Die entscheidende Frage dabei ist, wie dies bewerkstelligt werden soll, ohne bestehende Kunden abzuschrecken. In Großbritannien haben Dominos Pizza und KFC in Filialen mit einer hohen muslimischen Bevölkerung auf Halal-Menüs umgestellt – mit Logos auf den Fenstern und Zertifikaten auf den Wänden. Das ganze blieb nicht ohne Anzeichen von Gegenreaktionen aus.

In Finnland verkauft McDonalds Halal-Chickenburger, ohne es überhaupt publik zu machen. Die Fastfoodkette kauft die Hälfte der Hähnchen vom dänischen Produzenten Danpol. Dieser folgt in der Produktion Halal-Prozeduren. Allerdings aus Gründen der Qualität und nicht aus religiösen. Ob auch dies zu Negativreaktionen führen kann, wird sich erweisen müssen, aber die Entscheidung ist als solche interessant. Denn hier liegt wahrscheinlich die wirkliche Chance: in den sich überschneidenden Märkten.

Zugriff auf alle Gebiete
Halal-Fleisch und -Geflügel, wenn die Rohmaterialien von hoher Qualität sind, und wenn die Halal-Richtlinien korrekt befolgt werden, sollten zu den höchstwertigsten Produkten zählen, die überhaupt erhältlich sind. Richtiges Halal-Schlachten bedeutet weniger Blut im Schlachtkörper, weniger Toxine und Bakterien im Fleisch. Es ist sicher, gesünder und hat eine längere Haltbarkeit. Und das Halal-Schlachten ist, wenn korrekt durchgeführt, trotz seines negativen Images, weniger traumatisch für die Tiere.

Halal-Lebensmittel haben das Potenzial, das ultimative markt-übergreifende Produkt zu sein. Unternehmen, die das erkennen und ihre strategische Planung darauf basieren, werden die ersten sein, sich selbst in eine starke Position auf dem Markt zu bringen – wenn sie die Puzzleteile richtig zusammenfügen.

Der wachsende ­europäische Markt
Es gibt keinen Zweifel darüber, dass der europäische Halal-Markt ein unerschlossener Wachstumsmarkt ist. Die Frage, wie er am besten erschlossen werden kann, ist ein komplexeres Problem als auf anderen Märkten für Minderheiten. Ein Beispiel dafür ist Nordamerika, wo die muslimische Bevölkerung besser integriert und wohlhabender ist und die meisten Menschen sowieso einen fremden Hintergrund haben.

Fügen wir dem die Verflechtungen der europäischen Politik hinzu, und die oft schwierige Beziehung zwischen der größeren muslimischen Welt und ihren eigenen muslimischen Minderheiten, aber auch den Einfluss der rechtsgerichteten Gruppen und der Tierschützer, dann scheint klar zu sein, dass die Entwicklung eines lukrativen Halal-Markts in Europa ein langer und interessanter Weg ist.

Das vielleicht schwächste Glied der Wertschöpfungskette ist die Glaubwürdigkeit einheimischer Körperschaften für die Halal-Zertifizierung. Die Entwicklung des Halal-Marktes in Richtung einer Industrie ihrerseits erzwingt die Evolution eines Zertifizierungsvorgangs weg vom Bild einer religiösen Figur mit begrenztem Verständnis der Lebensmittel­industrie des 21. Jahrhundert. Die Richtung sollte eher hin zu einer neuen hybriden Figur führen, die sowohl gut gebildet ist in den entsprechenden Regeln der Schari’a als auch in den Verzweigungen der Lebensmittelwissenschaft und der Marktlogistik.

Es war ein aufschlussreicher Augenblick, als im Frühling 2009 in Chicago der Qualitätsexperte eines der weltgrößten Produzenten für Lebensmittel und Lebensmittelzusätze in seiner formalen Präsentation umriss, was die „große Industrie“ von den Zertifizierungsdienstleistern erwartet: Unabhängigkeit und Transparenz bei a) Standards, b) Betriebsprüfungen, c) Zertifizierung und der Entwicklung von kompetenten Akkreditierungs-Körperschaften, die den ganzen Prozess überblicken.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich – mit der zunehmenden Präsenz von wichtigen Einzelhändlern und Erzeugern auf dem Halal-Sektor – der Grad des Professionalismus unter den Halal-Spezialisten den Erwartungen der Lebensmittelindustrie wird anpassen müssen. Je mehr sich die amerikanischen und europäischen Akteure in das Bild einfügen werden, desto schneller wird der Prozess ablaufen.

1 Die US-Zahlen könnten dadurch verzerrt werden, dass ein hoher Anteil von Domainnamen aus aller Welt in den USA registriert wurden.

Abdulhamid Evans ist führender Analytiker von Imarat Consultants und kann hier erreich werden: hamid@imaratconsultants.com

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen