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Zum heutigen Besuch des Bundespräsidenten beim Zentrum für Islamische Theologie in Münster: Keine Islamlehre an der Mitte der islamischen Gemeinschaft vorbei fabrizieren. Von Aiman A. Mazyek

Radikale Ränder in die Schranken weisen

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(iz). Vorweg: Mit dem Besuch des Zentrums für Islamische Theologie Münster würdigt der Bundespräsident, dass an deutschen Hochschulen neben der christlichen Theologie nun auch der islamische bekenntnisorientierte Glaube gelehrt wird. Dies rechnen wir Herrn Gauck hoch an, weil damit ein wichtiges integrationspolitisches Zeichen gesetzt wird. Schließlich hat ja sein Amtsvorgänger auch die islamische Theologie an der Uni Osnabrück besucht.

Dennoch darf nicht hinweggetäuscht werden, dass es derzeit erhebliche Kritik und Unstimmigkeiten über die Vorgänge im Zentrum für Islamische Theologie mit seinem Leiter Mouhanad Khorchide und dessen Publikationen gibt.

Khorchide erhielt die Zustimmung durch die islamischen Religionsgemeinschaften, die Grundlagen der Religion in Münster zu vermitteln und angehende Lehrer auszubilden. Nun zeigt sich durch seine Verlautbarungen in Interviews oder Büchern allerdings, dass er von dieser Linie abkommt. Die Gefahr besteht, dass Khorchide die mit islamischen Gemeinschaften auf der Basis des Grundgesetzes – also bekenntnisorientiert und frei von staatlichem Einfluss – ausgemachten Spielregeln ignoriert.

Die vier im Koordinationsrat (KRM) zusammengeschlossenen muslimischen Religionsgemeinschaften, darunter auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland sind darüber ebenso besorgt. Wir bekommen täglich Briefe von unseren Gemeindemitgliedern, und auch Studenten aus Münster, die sich beschweren. Dort werden Inhalte beschlossen und Professoren bestellt – über die Köpfe der Religionsgemeinschaften hinweg. Münster agiert nicht entsprechend den verfassungsrechtlichen Vorgaben, wonach Lehrinhalt und Lehrpersonal in Abstimmung mit den Religionsgemeinschaften festgelegt werden sollten. Denn dies kann nur geschehen, wenn der Beirat, an dem die Religionsgemeinschaften beteiligt sind, funktionsfähig ist. Dies war er aber bis dato nicht. Wir haben uns bisher mit Kritik zu rückgehalten, aber man kann angesichts der Fehlentwicklungen nicht mehr einfach schweigen.

Zudem will der Leiter des Zentrums ja offenkundig diese Mitsprache auch noch ganz kappen, dies hat er jedenfalls mehrfach in Interviews gesagt und zudem spricht er den islamischen Religionsgemeinschaften theologischen Sachverstand ab. Das ist keine Grundlage für vertrauensvolle Arbeit. Sein Mandat ist explizit auf diese Zustimmung aufgebaut, weil bekenntnisorientierter Glaube vermittelt werden soll und keine Orientalistik. Zudem sieht die Verfassung vor, dass die Lehrerlaubnis durch die Religionsgemeinschaft begründet wird. Khorchides Vorstoß bedeutet im Umkehrschluss, dass er sich selbst diese Befähigung geben und alleiniger Master islamischer Rechtsprechung werden will. Es ist unhaltbar, dass solch ein Konsortium, das sich explizit gegen die Vorgaben des Wissenschaftsrates setzt, weiter Bundesgelder bekommt. Solche Vorstöße sind in der Öffentlichkeit vielleicht schick, weil sie gegen muslimische Verbände gerichtet sind. Sie gefährden aber nachhaltig den Standort Münster.

Der KRM wird zudem in Kürze ein Gutachten herausgeben, das ausgewiesene Theologen erstellen, in dem wir sachlich Punkt für Punkt seine sogenannte Theologie der Barmherzigkeit vor dem Hintergrund des reichen Fundus islamischer Geistesgeschichte genauer unter die Lupe nehmen. Der Islam ist in Deutschland vergleichsweise eine sehr junge Wissenschaft. Da brauchen wir Professorinnen (und auch Professoren), die zunächst einmal die reichhaltige Geistesgeschichte aufarbeiten. Und das heißt: Monografien und analytische Bibliografien sprachlich und kulturell in den deutschen Sprachraum zu bringen, also Grundlagenforschung inklusive terminologische Aufarbeitung. Vor dem Experiment kommt die Bestandsaufnahme, sonst bleibt das Experiment eine Luftblase. Im Bereich Monografien und Bibliografien haben bislang nur Orientalisten gearbeitet, die aber anders an die Texte herangehen als bekenntnisorientierte Wissenschaftler. Es geht mir überhaupt nicht um Linientreue oder so. Aber eine Jahrhundert alte Geistesgeschichte mit exzellenten wissenschaftlichen Arbeiten plus Glaubensvermittlung lässt sich nicht platt in liberale oder konservative Kategorien einordnen. Das aber suggeriert, vielleicht ungewollt, Khorchide. Er „spinnt“ damit das ohnehin weit verbreitete Spiel des Böse-Muslim- gute Muslim: Hier der liberale, gemäßigte Reformer, oder dort die verbohrten, konservative bis extremen Verbände. Das kommt in Teilen der Gesellschaft vielleicht gut an, hat aber mit den Gegebenheiten der Realität nichts gemein.

Und eins muss jedem klar sein: Eine assimilierte Islamlehre raubt Deutschland und den jungen Muslimen die Chance die noch in den Kinderschuhen befindliche Islamische Theologie zu etablieren. Was nützt es, wenn man Theologie an der Mitte der Muslime vorbei betreibt, um die vermeintlichen Hoffnung die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft zufrieden zu stellen? Damit verspielen wir nur das Vertrauen der muslimischen Mehrheit. Und machen wir uns nichts vor: Die Theologie lebt von Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen der Gläubigen – umso mehr als das es im Islam keinen Kirchendogmatismus gibt. Dieses Vertrauen ist auch notwendig, weil die dort an den Lehrstühlen ausgebildeten Lehrerinnen und Imame ja später in den Gemeinden und Schulen auch arbeiten sollen.

Zudem befürchte ich, dass der gegenwärtige Vertrauensschaden in Münster die radikalen Ränder stärkt. Dies kann man jetzt schon an der Art und Weise der Proteste der Neo- Salafisten gegenüber Münster beobachten. Eine Person zum Ungläubigen zu erklären, was wir religiös rundweg ablehnen, ist Populismus und gleichsam hochgefährlich. Exkommunikation gibt es im Islam nicht und ich weise die in diesem Zusammenhang gebrachten „Anschuldigungen“ gegen Herrn Khorchide entschieden zurück. Er bleibt selbstverständlich unser muslimischer Bruder.

Aber in der Theologie, also einer Wissenschaft, muss man sich kritisch mit seiner wissenschaftlichen Arbeitsweise und seinen Thesen hinsichtlich deren Präzision, Intersubjektivität und Begründbarkeit auseinandersetzen dürfen. Dies ist das Rationalitätspostulat der Wissenschaft. Niemand ist unfehlbar, weder Khorchide noch die Theologen der muslimischen Religionsgemeinschaften – wir alle können durch sachlich vorgetragene Kritik nur voneinander lernen. Durch die Kritik aus der Community sehe ich daher auch einen Lernprozess bei allen. Dies stimmt hoffnungsvoll, denn es ist niemandem geholfen, wenn man Kritik als persönliche Kränkung versteht und sich dann in eine Opferrolle begibt. Der Besuch Herrn Gaucks kann daher viele Diskussionen diesem Bereich aufstoßen und dazu beitragen, dass das Ganze zu einem guten Ergebnis führt.

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