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Zum Thema muslimischer Wohlfahrtsverbände – Islamische Märkte bringen die Muslime in Austausch mit ihrem Umfeld.

Erfolgreicher Feldversuch

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(iz). Zur Theorie und zur Lehre zählt auch die Handlung. Entscheidende ­Elemente der islamischen Ökonomie sind freier Handel und ebenso freie Märkte.

Köln-Ehrenfeld, ein verregneter Dienstag im August 2008: Zwei junge ­Männer betraten eines der vielen kleinen Geschäfte, in diesem Fall eine Bäckerei, in diesem Kölner Stadtteil, den man nicht gerade als „schick“ oder „angesagt“ bezeichnen kann, der aber auch deshalb nicht nur auf seine Bewohner aus allen sozialen Schichten einen gewissen Char­­me ausübt. Die beiden wollen ein Plakat aufhängen und Handzettel auslegen, die Verkäuferin prüft, worum es geht. „Ach so, das Marktfest, dafür ­können Sie gerne Werbung machen“, sagte sie und spendierte den beiden noch einen ­Kaffee.

Diese Szene zeigt, dass der multikulturelle Feldversuch eines islamischen Marktes in Ehrenfeld angenommen wurde, vielleicht mehr Dialoge ermöglichte und gefördert hat als so manche „Dialogveranstaltung“ offizieller Würdenträger, von denen es ja gerade in ­Köln-Ehrenfeld, in Zusammenhang mit dem ­viel diskutierten Neubau der DITIB-Moschee, viele gab.

Samstagmorgen, am ersten von zwei Markttagen: Gewerbetreibende, unter ihnen Korbmacher, Weber, Glasbläser und Tuchmacher, die ihre Kunst während der kommenden zwei Tage auch zur Schau ­stellten, bauten in aller Gelas­senheit ihre Stände auf, ihre Sorge schienen eher dem etwas unbeständigen Wetter als der Frage zu ­gelten, ob der ­Umsatz diesmal eher hoch oder ­niedrig sein wird.

Der Vorsitzender der lokalen muslimischen Gemeinschaft, auf deren ­Gelände drei Märkte organisiert wurden, war auch anwesend und half bei der Lösung kleinerer Probleme wie ­beispielsweise der Strombeschaffung für einen Anbieter von Süßigkeiten. „Das Marktfest ist für uns eine willkommene Gelegenheit, erstens unsere eigenen Gemeindemitglieder und zweitens natürlich auch unsere Nachbarn, sowohl Privatpersonen als auch Vertreter von Behörden, Kirchen, Schulen und Kindergärten einzuladen, mit uns ein fröhliches und ­unterhaltsames Wochenende zu verbringen. Die bisherigen Marktfeste haben mit Sicherheit geholfen, eventuelle Vorurteile abzubau­en und Missverständnisse aus dem Weg zu ­räumen, ich hoffe, dass das Marktfest auch in Zukunft bei uns stattfinden kann.“

Das Faszinierende an dem Modell eines islamischen Marktes liegt auch in seiner Schlichtheit, der Tatsache, dass es den Veranstaltern nicht um finanziellen Gewinn, sondern um den Versuch geht, ­anzudeuten, was ein „islamischer Markt“ ist ­beziehungsweise, wie er aussehen könnte.

Der Markt zu Zeiten des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, hatte ­unter anderem zwei wesentliche Merkmale: Er war frei zugänglich für jedermann, und er war kostenlos.

Während sich heute Markthändler bei Veranstaltern, wie um einen Job, mit allen möglichen Unterlagen um einen Platz ­bewerben müssen, galt für die Veranstalter in Ehrenfeld das einfache Prinzip: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Natürlich werden ­aufgrund des beschränkten Platzangebots im Hof der muslimischen Gemeinde die Händler im Vorfeld kontaktiert und aufgefordert, sich anzumelden, doch „auch bei desem Markt kamen genauso viele Händler, wie Platz da war“, erinnerte sich eine der Organisatorinnen im Rückblick. Auch kurzfristige Anmel­dungen wurden unbürokratisch entgegengenommen.

Während beispielsweise auf den ­Weih­nachtsmärkten die Händler horrende Standmieten bezahlen müssen (falls sie überhaupt einen Platz bekommen) und falls das Geschäft nicht läuft, im Minus landen, erwarteten die Veranstalter des Marktfests lediglich eine eher symbolische Teilnahmegebühr, die natürlich nicht reichte, die Unkosten (beispielswei­se für Werbung, Miete der Stände, Künstlerhonorare, Versicherung, Kinderkarus­sell) zu decken.

„Wir waren froh, dass und ­muslimische Geschäfts- und Privatleute halfen, diese Kosten zu decken, sowohl die Künstler als auch der Stand- beziehungsweise Karussellverleiher kamen uns finanziell entgegen, weil sie wussten, dass wir diese Sache ­wirklich für einen guten Zweck machten“, beschrieb sie ihre Erfahrung in der Organisation eines islamischen Marktes.

Doch worin bestand der Zweck? Etwas ­spitzfindig könnte man antworten: Der Zweck lag darin, dass es keinen Zweck gab, außer dem, sich selbst und andere daran zu ­erinnern, was ein freier Markt und freier Handel im Kern bedeuten und dass Muslime gut daran täten, das ihnen offenbarte und übermittelte Wissen in Bezug auf ökonomische Fragen ernst zu nehmen, zu verbreiten und auch anzuwenden. Mag sein, dass der Markt in Ehrenfeld in ­dieser Form und zu dieser Zeit nicht mehr als ein Symbol, vielleicht ein lebendiges Kunstwerk war. Der positive Beitrag zur Integration und zum ­sozialen Leben dürfte unbestritten sein.

Sonntagnachmittag, der zweite Tag: Während im Hintergrund tobende Kinder zwischen dem Kinderkarussell und der Hüpfburg, die beide kostenlos zur Verfügung gestellt ­wurden, hin und her sprangen, drängelten sich potenzielle Käufer an den verschiedenen Ständen, ­während andere bei Speisen, frischem Saft und Kaffee den ­beiden ­Musikanten lauschten.

„Wenn die Leute zufriedener nach Hause gehen als sie gekommen sind, dann hat sich der ganze Aufwand schon gelohnt.“ Wird es auch andernorts, bei anderen Gemeinden, Marktfeste geben? „Grundsätzlich würden wir uns freuen, wenn andere Gemeinden unser Konzept, das ja streng genommen nicht unseres ist, übernehmen würden, die Infrastruk­tur ist ja vielerorts vorhanden. Ob die jeweiligen Gemeinden auch den Willen und die Energie aufbringen werden, ist eine andere Frage. Viele Gemeinden werden erst dann aktiv, wenn der Verband es will. Wir sehen das Marktfest in Köln-Ehrenfeld auch als Modell für andere und sind jederzeit bereit, mit Rat und Tat zu helfen, wenn anderswo ein ­ähn­liches Marktfest stattfinden soll.“

Am Abend, die ersten Stände wurden schon abgebaut, näherte sich ein deutsches Händlerehepaar, dessen etwas ausgefallene Produkte vermutlich nicht gerade reißenden Absatz gefunden haben. Wollen Sie sich beklagen? Im Gegenteil, sie bedankten sich für die Einladung und verabschiedeten sich mit den Worten: „Es war ein wunderschönes Wochen­en­de, wir haben uns sehr wohl gefühlt, bitte laden sie uns wieder ein.“

Sollten muslimische Gemeinden oder Initiativen Interesse an einer Wiederholung haben, steht die IZ-Redaktion mit Rat und Tat zur Seite. Wir können bei der Vermittlung der notwendigen Schritte helfen.

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