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Zur Debatte über den Islam in Deutschland: Das neue Studienfach zwischen Freiheit der Lehre und beabsichtigter Einflussnahme. Von Ali Osman Kartal

Eine staatlich protegierte Theologie?

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(iz). Am 30. Oktober eröffnet Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) das neue Zentrum für islamische Theologie feierlich in Münster. Das Institut für Islamische Theologie (IIT) in Osnabrück und das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) in Münster bilden dabei gemeinsam eines der bundesweit vier Zentren für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen.

Der Wissenschaftsrat hatte bereits Anfang 2010 in seinen „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften“ der Bundesregierung den Aufbau von Islamischen Studien an staatlichen Hochschulen em­pfohlen. Annette Schavan und ihr Minis­terium haben seitdem diesen Vorschlag forciert und unterstützen die insgesamt vier Zentren – neben Münster/Osnabrück gibt es Tübingen, Frankfurt/­Gießen und Erlangen/Nürnberg – für die nächsten fünf Jahre mit insgesamt 20 Millionen Euro. Parallel dazu gibt es auch Förderungen durch die Länder und Universitäten. Nach Auslaufen der ­Förderung durch den Bund sollen dann die Länder und Universitäten in der Lage sein, die finanzielle Förderung zu ­gewährleisten.

Münster im Zentrum des politischen Interesses
Ganz oben im Zentrum des medialen und politischen Interesses steht der Standort Münster/Osnabrück. Prof. Dr. Mouhanad Khorchide mit seiner „Barmherzigkeitstheologie“ am Münsteraner ZIT ist einer der schillernden Persönlich­keiten der so genannten „Islamischen Theologie“ in Deutschland. Im Zentrum in Münster soll nach Aussagen der Rektorin auch eine Moschee auf dem Uni-Campus geben. Im Projekt „ZIT 2015“ werde der Bau eines Moschee-Komplexes zur „Vereinigung von wissenschaftlicher Forschung und religionspraktischer Ausübung unter einem Dach“ angestrebt, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von Prof. Dr. Khorchide und der Rektorin Prof. Nelles.

Allerdings ist der Kopf der Fakultät in Münster innerhalb der muslimischen Community alles andere als unumstritten. Vor seiner Berufung nach Deutschland sorgte er bereits in Österreich für Unruhe, als er in einer Studie (für seine Dissertation) zu dem Ergebnis kam, dass rund ein Fünftel der muslimischen Reli­gionslehrer in Östterreich Demokratie und den Islam für unvereinbar hielten. Es gab von verschiedenen Seiten heftige Kritik an der Methodik und Pauschalisierungen dieser Studie. Nachdem Khorchide das Vertrauen der musli­mischen Gemeinschaft in Ös­ter­reich derart verloren hatte, wurde der gebürtige Palästi­nenser in Deutschland als Vorzeigethe­ologe präsentiert, der die islamische The­ologie „revolutionieren“ soll.

Wohl auch deshalb ist er ein gern gesehener Gast bei politischen Stiftungen und den Medien. Das ZDF beschrieb seine Neuveröffentlichung („Islam ist Barmherzigkeit“, erschienen bei Herder) etwa als „ein reformatorischer, fast revo­lutionärer Ansatz, der die traditionelle islamische Theologie eines strengen, autoritären Gottes auf den Kopf stellt“. Prof. Dr. Khorchide selbst beschreibt seine „Theologie der Barmherzigkeit“ als „Alternative zu einer in der islamischen Welt sehr verbreiteten Theologie des Gehorsams und der Angst“. Der Standort Münster gilt seitdem als der Standort der „Barmherzigkeitstheologie“.

Unter ähnlichen Vorzeichen wird auch der Standort Erlangen von Stimmen aus der Community gesehen. Dessen Kopf, Prof. Dr. Harry Harun Behr, gilt vielen als Repräsentant eines „liberalen Islam“. Dass er für das kommende Schuljahr (im Vergleich mit anderen) nur eine Handvoll Anmeldungen erhielt, dürfte aber nicht nur an den Ansichten Behrs liegen. Auch ließ er vor Kurzem medienwirksam verlautbaren, dass er Absolventen seines Lehrstuhls für überqualifiziert ­halte, als Imame oder Religionslehrer zu arbeiten.

Die Beiräte
Da die Organisation des Islam mit kirchlichen Strukturen nicht ­vergleichbar ist, hat der Wissenschaftsrat bei seinen Empfehlungen vorgeschlagen, an den Universitäten „theologisch fachkundige Beiräte“ einzurichten, um somit das Selbstbestimmungsrecht der Glaubensgemeinschaften zu gewährleisten. Dies sollte die Akzeptanz der muslimischen Gemeinschaft sicherstellen. Die ­Berufung dieser Beiräte gestaltet sich als schwierig, wie etwa die Entwicklung am ZIT in Münster zeigt. Der Koordinierungsrat der Muslime (KRM) ist der Hauptgesprächspartner der Universitäten. Als der KRM für den Beirat in Münster eine der IGMG nahestehende Person für den Beirat vorschlug, wurde sie vom Ministerium Schavan abgelehnt, weil es ­Bedenken an der Verfassungstreue des Repräsentan­ten gäbe. Irritierend daran ist allerdings, dass dieselbe Person bereits im Beirat zum Islamischen Religionsunterricht in NRW sitzt. Zwar setzt sich die Universi­tät mit dem KRM an einen Tisch, hat aber allen Anschein nach Zweifel an dessen Einzelmitgliedern. Das sorgt in der muslimischen Basis für Irritationen bezüglich der politischen Absichten, ­warum jetzt in einem atemberaubenden Tempo an vier Standorten Zentren für Islamischen Theologie etabliert werden.

Dabei kommt Kritik nicht nur von muslimischer Seite. Der Islamwissenschaftler Rainer Brunner, der an der Universität Freiburg arbeitet und am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris forscht, ist skeptisch, was die Etablierung der Islamischen Theologie in Deutschland angeht. „Die Gründung der islamischen Theologie scheint mir politisch gewollt zu sein“, sagte Brunner und erläutert: „Das hat in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa bei der Sicherheits­politik – eine, wie ich finde, geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge. Man will hier sozusagen einen aufgeklär­ten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gibt.“

Diese fehlenden strukturellen und personellen Voraussetzungen sollen mit großzügigen Förderungen finanziert werden. Neben der Bundesförderung in Millionenhöhe hat die Mercator Stiftung gemeinsam mit sieben Universitäten ein Graduiertenkolleg für Islamische Theologie gegründet. Dafür stellt die Stiftung bis 2016 3,6 Millionen Euro zur Verfügung, damit Nachwuchswissenschaftler in der „Islamischen Theologie“ ausgebil­det werden. Diese massive finanzielle Förderung und die Aussage von Schavan, dass mit der Etablierung einer Islamischen Theologie in Deutschland ein aufgeklärter Islam durchgesetzt werden soll (um vor Aberglaube oder Irrglaube zu schützen?), beunruhigt viele Studenten der Islamischen Theologie und vor ­allem die muslimische Basis.

Der Islamwissenschaftler Rainer Brunner ist verstört über die Entwicklung, denn: „Es gehört nicht zu den ­Aufgaben eines Staates zu beurteilen, was Aberglau­be oder Irrglaube ist. Was in dieser islamischen Theologie, wenn sie einmal eines Tages kommen sollte, dann irgendwann gelehrt wird, das ist Sache der Muslime selbst.“ Es bleibt abzuwarten, wie sich insbesondere der KRM sich zu diesen Entwicklungen positionieren wird. Erstaun­licherweise war während der Diskussionen um den Münsteraner Beirat und dem Streit über Verfassungstreue von KRM-Beiratsmitgliedern seitens desselben nichts zu hören.

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