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Die Praxis der Enthaltsamkeit

Zur Spiritualität des Ramadan. Von Mamun Khan

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Foto: Zied Nsir | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(Islamicate). Der Ramadan unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht sehr von anderen Zeiten des Jahres. Das liegt nicht nur an seiner äußeren Erscheinung. Wir alle kennen Iftar-Feiern, Spendenaufrufe, das Gewusel beim Parken vor der Moschee, Live-Streams von Gebeten im Fernsehen, usw. Und dann geschieht aber auch etwas tief in unserem Inneren, mit unserem Sinn der Existenz.

Ob wir es wirklich erkennen oder nicht, Fasten verändert die psychischen und sinnlichen Antworten des Körpers. Dies löst Veränderungen in unserem herkömmlichen Bewusstsein und den Gefühlen aus. Sichtbare Zeichen des mutwilligen Konsums wandeln sich in Entbehrung und Hunger, rohe Muskelkraft wird zu Freundlichkeit, Individualismus entwickelt sich zu Gemeinsinn.

Diese Erfahrungen aus erster Hand werden zu einem innerlich-spirituellen Sinn. Dann legen sie einen Weg zurück, um eine Bedeutung des Glaubens (arab. Iman) in uns zu verwurzeln und den Willen zur Unterwerfung Allah gegenüber (arab. Islam) zu demonstrieren. ­Natürlich sind sie sehr effektiv, wenn wir ihnen vorsichtige Aufmerksamkeit schenken.

Es ist zu erwähnen, dass bei den meisten Menschen ab einer Dauer von ungefähr acht Stunden der Körper in den Zustand des Fastens übergeht. Dann verbraucht der Körper keinen Zucker mehr, sondern Fett, das im Fettgewebe gespeichert ist. Im Verlaufe eines Tages sinkt unser Energiespiegel. Die Wahrnehmung und Interaktion mit der Welt haben zu diesem Zeitpunkt die Tendenz, sich zu wandeln. Stufenweise entwickelt sich ein leichtes Magenknurren hin zu einem leeren Magen, der kaum zu ignorieren ist.

Und doch enthalten wir uns des Essens, zählen die Minuten bis zur letzten Sekunde und fügen sogar eine Minute oder zwei hinzu, um ganz sicher zu gehen. Wir machen uns die Mühe, um – egal, wie „religiös“ wir sind – es richtig zu machen. Daher sind wir auf Geduld (arab. Sabr) eingestellt. Das hat seinen Grund: Auf dem Spiel steht das eigentliche Kennzeichen unserer inneren Entschlossenheit, Allah mit voller Absicht zu gehorchen. „Das Fasten“, sagt Allah, „gehört Mir“. Das macht die Sache umso akuter, da der Ramadan nur einmal im Jahr kommt. In seinem Fortschreiten erkennen wir, dass es Allah ist, Der versorgt, so werden wir disziplinierter. All das ist Teil des weiteren Nutzens des Fastens, wie er von Gelehrten erwähnt wurde. Und während die Eigenschaft von Person zu Person unterschiedlich sein mag, die Kernlektion der vollkommenen Unterwerfung – das „wir hören und gehorchen“ – scheint unkompliziert und für jeden zugänglich zu sein.

Gleichzeitig wandert unser Verstand über zu einem entspannteren und nach innen gewandten Zustand. Hungersignale bewirken ein Bewusstsein vom Bestehen ohne Nahrung. In anderen Worten, wir erfahren, wie es ist, nicht essen zu können trotz des Verlangens oder der Notwendigkeit. Wir schmecken die alltägliche Erfahrung von Hunderten Millionen, die ohne Essen auskommen müssen oder nicht wissen, woher und wann die nächste Mahlzeit kommt. Gesteigertes Mitgefühl oder das Spenden scheinen daher natürliche Reflexe des Fastens zu sein. Um das die Sache zu krönen, hilft die gesteigerte Verstandesschärfe – als Begleiterscheinung des Fastens – bei der Verwandlung von bloßer Absicht in bewusste Akte des Gebens (Sadaqa, Zakat), denn wir erkennen ihre Notwendigkeit.

Hinzu kommt die Unterbrechung unserer natürlichen, inneren Uhr im Monat Ramadan. Es kann gut passieren, dass uns das Tarawwih-Gebet bis in die frühen Morgenstunden beansprucht. Die Länge solcher Gebete ist ein nützliches Werkzeug, selbst wenn unser Geist im Gebet wandern sollte. Die Worte des Qur’an hallen vom melodiösen Rezitator wider und können fesselnd sein. Die Gelehrten haben darauf hingewiesen, dass die vollkommene Ruhe des Stehens im Gebet für längere Zeiten dabei helfen kann, in den Zustand der rituellen Unterwürfigkeit (arab. Khuschu’) überzugehen. Selbst im letzten Abschnitt eines langen Gebets erreichen wir zumindest eine gewisse Geistesgegenwart in Form eines Moments der intimen Wahrnehmung von Allahs Anwesenheit. Das sind wertvolle Augenblicke, in denen Zeit und Raum unwichtig für unser Bewusstsein werden. Und unser Fokus liegt auf einer metaphysischen Höhe, weil wir Allahs Worte verstanden haben.

Diese Art der „Ihsani“-Verbindung ist üblich für jene mit tiefer Verbindung zum prophetischen Wissen und der Dankbarkeit gegenüber Allah. Das erklärt, warum sie betört sind vom Gebet in der Nacht. Der gottesfürchtige Imam Al-Ghazali betrachtete ihre Gebete „als perfekt, wenn ihnen nicht bewusst ist, wer rechts und links neben ihnen betet“. Wir können nur beten und hoffen, dass Allah uns vor dem Ende unseres Lebens ehrt und zu solchen Menschen macht.

In der Zwischenzeit gibt es – wie bei den meisten anderen Dingen auch – innewohnende Hindernisse, die wir überwinden, und falsche Wege, die wir vermeiden müssen. Ein Mangel an Essen kann leicht zu Ausbrüchen von leichtem Ärger und Frustration führen. Dieser kann in Völlerei am Ende des Fastens münden. Nur den Magen zu einem Drittel mit fester Nahrung zu füllen, ist ein wichtiges prophetisches Heilmittel in einer Welt, die offenkundig vom gedankenlosen Konsum befallen ist.

Doch kann hier auch das sehr menschliche Verlangen, das eigene Ansehen in den Augen anderer durch Handlungen des Gehorsams (arab. Rija) zu erhöhen, die Spiritualität des Ramadan auflösen. Wie in allen Dingen des Lebens brauchen wir eine aufrichtige Absicht (arab. Nijja), Hoffnung auf Allahs Gnade (arab. Taufiq) und die Bemühung um das richtige Verständnis des Qur’an und das Gehorsam gegenüber Allah (arab. Mudschahada). So gibt es eine Chance, von den spirituellen Früchten des Ramadan zu kosten.

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