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Zwischen allen Stühlen

Muslime in den USA sind politisch kein monolithischer Block

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Foto: State Dept./D.A. Peterson

„Die Politisierung und Säkularisierung des Islam, die teilweise durch die Polarisierung der liberal-konservativen Dialektik in den USA getragen wird, hat das Potenzial, die Interpretation und Ausübung der Religion amerikanischer Muslime zu ändern. Es beeinflusst, wie sie diesen Glauben in der Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen – auch in den heutigen leidenschaftlichen Debatten über den Umfang der Religionsfreiheit.“ Asma T. Uddin

(iz). Politisch sitzen die in den Vereinigten Staaten lebenden Muslime gleich mehrfach zwischen allen Stühlen. Einerseits gelten für sie gleiche Freiheitsrechte bezüglich religiöser Praxis und Selbstorganisation. Andererseits unterliegen sie seit dem 11. September 2001 (9/11) einer gezielten Beobachtung, staatlichen Repressionen sowie Übergriffen durch private Akteure. Eine andere Dialektik ist die polarisierte Parteienlandschaft. Während Republikaner stellenweise durch rassistische und religi­öse Ressentiments beeinträchtigt sind, kollidiert die Plattform der (insbesondere linken) Demokraten mit Grundüber­zeugungen vieler Muslime.

In einem Buch über US-amerikanische Muslime sieht Craig Considine in 9/11 eine Wasserscheide in der öffentlichen Wahrnehmung. Einige seien schockiert gewesen von der völligen Gleichgültigkeit der Attentäter gegenüber Menschen­leben. Andere hätten sich darin bestätigt gesehen, dass sich die Vereinigten Staaten in einem Kriegen zwischen der „westlichen Zivilisation“ und der „muslimischen Welt“ befänden.

„Die Anschläge vom 11. September lösten gesellschaftliche und institutionelle Reaktionen aus, die zur Ausgrenzung der Muslime in den Vereinigten Staaten führten. Einige Prozesse riefen Hassver­brechen gegen Muslime, Überwachung ihrer Gemeinschaften und Moscheen, rassistisches Profiling und Einwanderungspolitik hervor, die allgemein als diskriminierend gegenüber Muslimen angesehen werden“, schreibt Considine. Ein Netzwerk aus Bloggern, Aktivisten, Politikern und Denkfabriken gilt längst als „Islamophobie-Industrie“. Es handle sich dabei um ein lukratives, koordiniertes Geflecht anti-muslimischer Persönlichkeiten, die dazu beitrügen, diese Vorurteile zu stärken.

Der Literaturprofessor Moustafa ­Bayoumi sieht in einem Buch über den politischen Umgang mit MuslimInnen nach 9/11 keine durchgehende Muslimfeindlichkeit. „In vielen Bereichen gibt es große Unterstützung für amerikanische Muslime. Umfragen deuten darauf hin, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung anti-muslimisch ist, die andere Hälfte ­jedoch nicht. In vielen Teilen des Landes besteht ein echtes, vorurteilsfreies Interesse an amerikanischen Muslimen und den Realitäten, mit denen sie konfrontiert sind.“

US-Muslime haben auf die Ereignisse der letzten Jahre und den Ausbau eines anti-muslimischen Netzwerks mehrheitlich so reagiert, dass sie mehr und nicht weniger sichtbar waren. Die Zahl der Moscheen ist in den letzten zehn Jahren um 74 Prozent gestiegen. Selbst wenn eine Umfrage von 2011 ergab, dass 48 Prozent der amerikanischen Muslime in den letzten zwölf Monaten Diskriminierung erfahren haben, zeigten sie in der Umfrage mehr Optimismus als andere Amerikaner, dass ihr Leben in fünf Jahren besser sein würde.

Die Juristin Asma T. Uddin ist Expertin für Sicherheit und Religionsfreiheit. In ihrem Buch „when islam is not a religion“ beschreibt sie den doppelten Druck auf die Muslime ihres Landes. Die Angriffe auf sie und ihre Religion kommen zumeist von der Rechten. Subtilere Trends hingegen drohen, die religiöse Identität dieser Gruppe zu erodieren. Diese sind mehrheitlich der Linken entlehnt.

Diese Dichotomie sind nicht auf den Diskurs der Parteien begrenzt, sondern werde zusätzlich von Muslimen verinner­licht. Stichworte dafür seien der problematische Gegensatz von „gut“ versus „böse“ sowie Strategien, wie Muslime diesen ausagieren. In den Augen der ­Juristin säkularisierten solche Trends die muslimische Identität. Daraus gehe ­beispielsweise ein entsprechend „verweltlichter Islam“ hervor.

Nach 9/11 wurden US-Muslime wie nie aufgrund ihres Äußeren negativ markiert. Die Folge waren unter anderem gewalttätige Angriffe von privaten Akteuren. Ihrerseits haben Staat sowie Politik in Theorie und Praxis eine Spirale der ­eskalierten Repression betrieben. Dazu gehöre laut der Juristin das „religiöse ­Profiling“. Es sei längst so ausgeweitet, dass es Züge eines „ausgereiften sozialen Organisationsprinzip“ angenommen habe. Direkt nach 9/11 mussten Muslime erleben, dass sie von der NSA ohne Gerichtsbeschluss abgehört werden könnten. Verschiedenste Gesetzespakete und Bestimmungen wurden beschlossen und umgesetzt, die alleinig auf Muslime abzielten. Der Patriot Act hatte den gleichen Zweck. Unter einer schwammigen Definition von „Terrorismus“ wurden durch ihn weitreichende Überwachungs­maßnahmen ermöglicht. Ein eklatantes Beispiel war das jahrelange Überwachungsprogramm der New Yorker Polizei von MuslimInnen. Dazu gehörten ­Abhörmaßnahmen, V-Leute und Provokateure in Moscheen.

An dieser Ausgrenzung und stellenweise Verfolgung änderte auch nichts, dass Muslime seit Anfang der Republik zu deren Sicherheit beitragen. Die frühesten Beispiele kamen aus den Jahren 1775 und 1783. Muslime dienten in der US-Armee während des Bürgerkrieges und rund 15.000 arabischstämmige Bürger im Zweiten Weltkrieg. „Während viele amerikanische Muslime auf konkrete Weise zur amerikanischen Sicherheit beitragen, bedeutet dies nicht, dass jeder Muslim dies tut – oder tun müsste. Es ist eine respektierte amerikanische Tradition, die Regierung zu kritisieren oder sogar zu verurteilen. Wie bei jedem anderen Amerikaner sollte von amerikanischen Muslimen nicht erwartet werden, dass sie ihre Bedenken beiseitelegen und die Rolle des Patrioten spielen, um als vollständig amerikanisch zu gelten“, schreibt Uddin.

Neben bürgerrechtlichen Fragen ist insbesondere die Religionsfreiheit betroffen. Im ersten Verfassungszusatz wird der Regierung untersagt, Religionen oder ihre Auslegungen zu bevorzugen. Regierungsentscheidungen aufgrund fehlerhafter Radikalisierungsstudien haben Muslime an der Religionsausübung gehindert. Für Uddin eine eindeutige Verletzung der Verfassung. „Wenn eine Regierung religiöse Praxis bestraft, kann sie kontrollieren, was man trägt, wie man betet, mit wem man in Verbindung steht und ­welche politischen Ansichten man ­äußert. Die Eingriffe in die wichtigsten Freiheiten der Muslime sollten alle ­beunruhigen.“

Erschwerend wirkt sich hierbei die „Rassifizierung“ der US-Muslime aus. Das heißt, sie könnten „die Last“ des Muslimseins weiterhin mit sich herumtragen, selbst wenn sie ihr Kopftuch ablegten, den Bart abnähmen und niemals sichtbar ein Gebet verrichteten. Selbst eine Namensänderung reiche manchmal nicht aus. So habe die erwähnte New Yorker Polizei gezielt Muslime überwacht, die ihren Namen geändert hätten. „Diese Behandlung von Muslimen als ‘Rasse’ und nicht als Religion ist eine andere Weise, wie die falsche Behauptung, der Islam sei keine Religion, die Rechte der Muslime in Amerika beeinträchtigt.“

„Wie lässt sich diese negative Rückkopplungsschleife unterbrechen?“, fragt die Juristin in ihrem Text. Wenn Diskriminierung eine legale oder offizielle Form habe, dann liege die Lösung im ersten Verfassungszusatz, der Religion behandelt. Amerikanische Gerichte könnten Nichtdiskriminierung wiederherstellen, indem sie die Rechte von Muslimen im Gesetz schützen. So enthalte die Verfassung die Mittel, um sowohl die wichtigsten Freiheitsrechte und die Sicherheit zu verteidigen.

Im Zusammenhang damit, dass die Religion als politische Ideologie in der Debatte umgedeutet wird, wird das Kopftuch von MuslimInnen zu einem poli­tischen ­Symbol gemacht. Der daraus ­erwachsene Druck auf Frauen führte in der Vergangenheit – „verstärkt in der Ära Trump“ – dazu, dass viele ihr Kopftuch abnähmen. Mittlerweile sei dieses Kleidungsstück hoffnungslos politisiert. „Dank ­dieser Verschiebung von Defi­nitionen werden Handlungen, die Amerikaner normalerweise als religiöse Diskrimi­nierung einstufen würden, als legitime nationale Sicherheitsmaßnahmen akzeptiert.“

Der Druck auf US-amerikanische Muslime, nichtmuslimischen Normen zu entsprechen, hat nach Ansicht der Rechtsexperten Sahar Aziz und Khaled Beydoun zu verschiedenen „Bewältigungsstrategien“ geführt. Muslimas hätten drei sich überschneidende Wege entwickelt, um ihre „muslimische Identität umzusetzen“ – Konversion, Erscheinen und Verdecken.

Mit „Konversion“ ist die vollständige Wandlung von Identität gemeint. Das heißt, zum Christentum überzutreten, um Teil der dominanten Religion Amerikas zu sein.

„Den Anschein erwecken“ meint, dass eine muslimische Frau in ihrer Religion verbleibt, aber jede sichtbare Assoziation mit ihrer Identität zu verbergen sucht. Nach Ansicht von Beydoun stehen denjenigen, die aufgrund ihrer Hautfarbe nicht als „weiß“ wahrgenommen werden, zwei Wege offen: als „ethnisch“ oder als „schwarz“ durchzukommen.

„Bedecken“ sei in dieser Definition, wenn eine muslimische Frau eine solche bleibe, aber Verhaltensweisen und ein Aussehen adaptiere, die das Unbehagen oder die Angst anderer vor ihr mindern. Dabei werden nur ­einige, aber nicht alle „Markierungen“ einer muslimischen Identität unterbunden.

Eine andere Richtung schlugen muslimische Fashionistas, Rollenvorbilder wie Sportlerinnen und andere in Kooperation mit der Mode- und Lifestyle­industrie ein. Das modische Kopftuch, wie es seit einigen Jahren auf Laufstegen und in Kampagnen zu finden ist, kreiert ein „annehmbares“ Muslimsein. Für ­Uddin manifestiere sich darin eine ­weitere „Strategie“ – eine Mischung aus zeitgleicher „Bestätigung“ und „Bedeckung“ des eigenen Islam. Aufgrund der Beliebtheit dieses Phänomens unter Influencerinnen habe dieses Modell weitere Implikationen.

Die Gelehrte und Aktivistin Eboo Patel sieht in „Out of Many Faiths“ die Ausformung zweier unterschiedlicher Kategorien. Die erste beschreibe Muslime, die „interne muslimische Räume“ schaffen, indem sie „hauptsächlich die zeitgenössische muslimische soziale Erfahrung ­interpretieren“, während traditionelle Muslime islamische Texte, Traditionen und Denken deuten würden.

Nach Ansicht von Patel beziehen diese Gruppen ihre Legitimation aus verschiedenen Quellen. Traditionelle Muslime leiten sie aus religiösen Texten ab, während soziale Muslime ihre Legitimation aus der Fähigkeit ableiteten, ihre Gruppe in einem positiven Licht öffentlich zu vertreten. Der erste Typus halte eine Predigt in der Moschee, der zweite werde von CNN interviewt. Ohne die Vor­bedingung der Islamfeindlichkeit würde es diese „sozialen Muslime“ als Typus nicht geben. Indem Angehörige dieser Gruppe mit dem „urbanen, multikulturellen, fortschrittlichen Amerika“ assoziiert würden und nicht mit dem „weißen“, würden sie zu einem „Totem“ der ­Kulturkriege gemacht.

Dieses „kulturelle Mainstreaming“ bleibe nicht folgenlos. Die Konsequenzen aber hätten vorrangig „religiös konservative“ MuslimInnen zu tragen. Denn „konservative“ oder „traditionelle Muslime“ würden Islam nicht als eine Identität verstehen. Sie definieren ihn in ­Begriffen von Theologie und religiöser Praxis. In diesen Entwicklungen erkennt die Juristin Uddin eine beschleunigte Verweltlichung. „Da die Linke Muslime als Gruppe umarmt, die sich vor allem durch ihre Marginalisierung auszeichnen würde, könnte Islam in Amerika mit der Zeit säkularisiert werden. Die theologischen Beiträge traditioneller Muslime im öffentlichen Leben werden abgeschwächt. In der Tat sind diese heute schon unterrepräsentiert, da ‘soziale Muslime’ die größten öffentlichen Plattformen haben. Die Rechten sorgen sich um die ‘schleichende Scharia’, aber was den amerikanischen Islam tatsächlich symbolisiert, ist ‘schleichender Liberalismus’, wie es ein anderer Autor ausdrückte.“

Diese Vereinnahmung durch Linke habe den Gegensatz zur christlichen Rechten in den USA gesteigert. Deren Polarität zum liberalen Lager erhöhe ihre Feindseligkeit gegen die Freiheitsrechte von Muslimen und entspricht dem Motto: „Der Freund meines Feindes ist mein Feind.“ Dieser auch in Deutschland zu beobachtende Trend ist umso kontrafaktischer, als viele praktizierende Muslime in kultureller Hinsicht tendenziell Schnittmengen mit konservativen Christen hätten. Wenn Konservative Muslime zurückweisen, werden Liberale im Lagerdenken der USA zur vermeintlichen ­Alternative. Von beiden Seiten scheinen Linke ein langfristigerer Garant ihrer Rechte zu sein.

Schlussendlich könne „das Bündnis zwischen Muslimen und Progressiven“ auch auf die Politisierung von Identität zurückgeführt werden, glaubt Asma T. Uddin. Der religiöse Ausdruck habe für einige eine politische Bedeutung bekommen. In seinem Text über die politische Haltung gegenüber Muslimen seit 9/11 beschreibt Moustafa Bayoumi die Alltäglichkeit dieser Bündnisse. „Sie öffnen ihre Moscheen und islamische Zentren, um die Kommunikation mit Nichtmuslimen zu ermöglichen. Und muslimische Studentenvereinigungen im ganzen Land stellen sich dar.“ Und doch, so Bayoumi, ist das erhoffte Ziel offen. „Trotz dieser erstrebenswerten Bemühungen von muslimischen und nichtmuslimischen Amerikanern (…) scheint volle Anerkennung unsicherer denn je zu sein.“

Dies bedeutet nicht, dass diese Politisierung der muslimischen Identität – und Allianzen mit politischen Gruppen – nicht von Teilen der Gemeinschaft abgelehnt oder kritisiert wurde. Einige muslimische Gelehrte versuchen, diese Komplexität herauszuarbeiten: Die Antwort sei nicht, Konservative gegenüber Liberalen auszuspielen, da Allianzen niemals perfekt aufeinander abgestimmt seien. Eine Lösung bestünde darin, dass muslimische Aktivisten für soziale Gerechtigkeit sich auf eine Weise engagierten, die ihrer religiösen Identität entspräche. „Unser Hauptwunsch ist, dass dem Islam und der Wahrung seiner Werte Vorrang eingeräumt und diese nicht auf dem Altar des politischen Opportunismus geopfert werden“, hieß es in einem Dokument auf der Webseite „Muslim Matters“.

Auf praktischer politischer Ebene veränderte sich das Verhalten von US-Muslimen als Wähler und Bürger seit 9/11 wahrnehmbar, schreibt Craig Considine. Sie hätten niemals nur für eine Partei gestimmt, aber ihr Abstimmungsverhalten sei nicht mehr das Gleiche wie in den späten 1990ern, als sie eher für Repub­likaner stimmten. Heute entscheidet sich „die überwältigende Mehrheit ameri­kanischer Muslime“ bei US-Wahlen für demokratische Kandidaten.

Daten und Experten zeigen, dass sich diese Bevölkerungsgruppe in die politische Kultur ihres Landes integriert. Sie übernahm die Einstellungen, Identifikationen mit Parteien und ihren Positionen vom Rest. Gesellschaftlich, kulturell und politisch identifiziert man sich eher mit Demokraten als mit Republikanern. Zwei Drittel der US-Muslime sehen sich entweder als Demokraten oder bevorzugen deren Partei; weit weniger (13 Prozent) erkennen sich als Republikaner oder neigen zu ihrer Partei (Pew Research Center, 2017). Ironischerweise glauben sie die wichtige Frage der Religionsfreiheit zu 61 Prozent bei den Demokraten beheimatet. Die Präsidentschaftswahlen von 2016 stellten hier eine Ausnahme dar (Mogahed & Chouhoud, 2017). Obwohl eine knappe Mehrheit für Hillary Clinton stimmte, konnten sich 30 Prozent nicht zu dieser Kandidatin durchringen.

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Malik Özkan

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