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Zwischen emotionaler Distanz und Verantwortung

Deutsch-Türkische Stimmen über Verwerfungen in einer traditionellen Freundschaft

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Foto: Deutscher Bundestag | Achim Mende

(iz). Die traditionell guten deutsch-türkischen Beziehungen leiden seit einiger Zeit unter mehreren Debatten. Zuerst war es das Flüchtlingsabkommen, was diese Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen hat.

Aber auch die mediale Omnipräsenz der Erdogan-Kritiker hat viele türkischstämmige Menschen in Deutschland vor den Kopf gestoßen. Die Armenien-Resolution des Bundestages hat das Ganze noch einmal zugespitzt.

Auf beiden Seiten wird das Thema politisch ausgeschlachtet. Wir befragten türkischstämmige Muslime, wie sie die Debatte sehen und wie das deutsch-türkische Verhältnis derzeit auf sie wirkt.

Foto: C. Sahinöz

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Cemil Sahinöz
Die deutsch-türkischen Beziehungen gibt es nicht seit gestern. Seit dem 15. Jahrhundert werden sie intensiv gepflegt. Damals waren Türken und Deutsche zwar bittere Feinde, jedoch ist ja allgemein bekannt, was sich neckt, liebt sich. Im 15. Jahrhundert gab es die sogenannten Türkenkriege. Im Zuge dieser gab es 1529 und 1683 große Schlachten in Wien. Als Resultat dieser gab es Kriegsgefangene, zum Beispiel gab es nach dem zweiten Krieg 1245 Kriegsgefangene, die nach München gebracht wurden.

Der Herzog von Kurland schenkte im Jahre 1731 seinem König, Friedrich Wilhelm I., 20 „türkische“ Gardesoldaten. Ab diesem Zeitpunkt gab es rege Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Türken. Friedrich der Große schrieb 1740: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie ausüben, ehrliche Leute sind; und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“

Das preußische Berlin unterhielt gute Verbindungen zur „Hohen Pforte“ (Bab-ı Ali). 1761 wurde das erste deutsch-türkische Handelsabkommen abgeschlossen. Ab 1763 gab es ständige osmanische Gesandte nach Preußen. 1763 wurde durch kaiserliche Anordnung eine Bestattungserlaubnis für diese Diplomaten erlassen. 1798 wurde Ali Aziz Efendi begraben, Friedrich der Große schenkte das Friedhofsgelände.

1912 lebten in Berlin ca. 1.400 Türken. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entfaltete sich in Berlin ein lebhaftes und vielfältiges islamisches Leben. 1924 wurde der erste religiös-türkische Verband „Deutsch-Türkische Vereinigung“ gegründet.

Die nächste Phase der deutsch-türkischen Beziehungen beginnt mit der Einwanderung von ausländischen Arbeitnehmern, den sogenannten „Gastarbeitern“. Hierzu wurde am 30.10.1961 ein Vertrag zwischen Deutschland und der Türkei abgeschlossen. 1973 wurde die Anwerbephase beendet, ab dann gab es Familienzusammenführungen.

Inzwischen leben Türken in vierter Generation in Deutschland. Es sind über eine Million Menschen, die hier geboren sind, hier sozialisiert wurden, zur Schule gingen, ihren Wehr- oder Zivildienst gemacht haben. Es sind also deutsche Bürger mit türkischen Wurzeln. Auch kulturell sind sie schon längst mal deutsch, mal türkisch. Man spricht von 3 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Eine genaue Zahl wird es nicht geben, weil viele die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Es gibt aber Schätzungen. Ca. die Hälfte der Türkischstämmigen hat einen türkischen Pass. Genauso viele haben demnach einen deutschen Pass. 15,6 Prozent der Personen mit einem Migrationshintergrund sind Türken. 22,2 Prozent der Menschen mit einem ausländischen Pass sind ebenfalls Türken. 98,8 Prozent der Türken sind Muslime. 63 Prozent der Muslime in Deutschland sind Türken. Türken sind also schon längst gesellschaftlich, vor allem wirtschaftlich, ein wichtiger Teil Deutschlands.

Umso verärgerter sind sie aufgrund der kürzlich beschlossenen Armenien-Resolution des Bundestages. Viele fühlen sich verletzt und ungefragt. Die türkische Verbände kritisieren, dass man ihre Meinung nicht eingeholt hätte, wo doch die Bundesregierung im Vorfeld verschiedene Ansprechpartner zum Thema herangezogen habe. Daher glaubten nicht wenige, man habe sie hintergangen. Vor allem wird jedoch kritisiert, dass Bundestagsabgeordnete keine Historiker sind. Sie seien nicht in der Lage, eine Entscheidung über geschichtliche Ereignisse zu treffen. Eine Historikerkommission beispielsweise, welche wissenschaftlich die Ereignisse ausarbeitet und entsprechend belegt, ist seit Jahren eine Forderung der türkischen Community.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass diese Resolution als Konsequenz nur aufgrund der aktuellen Politik gegenüber der türkischen Regierung beschlossen wurde. Das heißt, es wird angenommen, dass die Armenier-Frage nur missbraucht wurde, um Präsident Erdogan „eins auszuwischen“. Dadurch wird ein historisches Ereignis für die Tagespolitik geopfert.

Selbstkritik findet auch in der türkischen Community statt. Hier wird vor allem hervorgehoben, dass die türkischstämmigen Verbände keinen Zugang zur deutschen Politik haben und auf solche Entscheidungen völlig unüberlegt reagieren. Auch die Absage der Fastenbrechen-Einladungen mit der Begründung „Sicherheitsbedenken“ ist mit Vorsicht zu behandeln, da diese Information in bestimmten rechtsradikalen Gruppen gegen die muslimische Community genutzt wird.

Denn damit stellt man sowohl die eigenen Verbandsmitglieder als auch insgesamt die muslimische Community unter Verdacht, dass sie entweder radikalisierbar sind oder, dass man sie nicht unter Kontrolle halten könne, wobei beides zum gleichen Ergebnis führt. Bedrohungen von Abgeordneten sind selbstverständlich absolut inakzeptabel.

Noch destruktiver sind Forderungen, eine eigene Partei zu gründen. Eine solche Aktion führt nur zu peinlichen Szenarien und endet letztendlich als eine Witzaktion. Sie stellt keine Basis für einen Dialog dar, sondern eher für eine Ausgrenzung.

Alles in allem bewegen sich die deutsch-türkischen Beziehungen also im Moment auf dünnem Eis. Vor allem, was die Politik beider Länder angeht. Doch wenn wir auf die lange Vergangenheit und Tradition dieser Beziehungen zurückblicken, heißt das eigentlich nicht viel.

Mit anderen Worten: Unter Freunden passiert das schon mal. Das führt aber nicht dazu, dass man komplett miteinander bricht oder die Freundschaft beendet. Die schlechten Beziehungen sind zunächst einmal auf der Ebene der Politik entstanden und nicht auf der Ebene der Gesellschaft. Vom Ende der deutsch-türkischen Freundschaft zu sprechen ist also völlig irrsinnig und irrational. Wie sagte es einst der islamische Gelehrte Said Nursi, der selbst im Sommer 1918 zwei Monate in Berlin blieb: „In jeder Phase der Geschichte waren Deutsche und Türken sehr enge Freunde.“

Foto: IZ Medien

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Eren Güvercin
Die einst traditionell guten deutsch-türkischen Beziehungen leiden seit einiger Zeit unter den aktuellen Debatten. Zuerst war es das Flüchtlingsabkommen, was diese Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen hat. Aber auch die mediale Omnipräsenz der Erdogan-Kritiker hat viele türkischstämmige Menschen in Deutschland vor den Kopf gestoßen. Einerseits wird jede Kritik an Erdogan von immer mehr Türken in Deutschland vorschnell als Feindseligkeit gegen die Türkei an sich interpretiert, andererseits muss man aber auch die Medien in Deutschland hinterfragen, wohin die übertriebene Erdogan-Obsession, und vor allem die Einseitigkeit eigentlich hinführen soll.

Die Armenien-Resolution des Bundestages hat das Ganze noch einmal zugespitzt. Es ist nicht einfach, die ganze Thematik nüchtern und differenziert zu behandeln. Auf beiden Seiten wird das Thema politisch ausgeschlachtet. Eine Debatte ist nicht erwünscht. Es herrscht die Logik: „Entweder bist du für mich oder gegen mich.“ Differenzierung und Austausch von Argumenten oder gar eine eventuelle Relativierung der eigenen Meinung? Fehlanzeige.

Was für Auswirkungen haben die Entwicklungen der letzten Monate auf die türkischstämmigen Menschen? Bei aller berechtigten Kritik am Bundestag und auch an der Türkeiberichterstattung deutscher Medien ist eine Entwicklung zu beobachten, die nicht gut ist für die hier lebenden Türken. Immer mehr prägen Scharfmacher das Klima. Empörung und Stimmungsmache hat inhaltliche Kritik ersetzt. Es tauchen Akteure auf, die über soziale Medien und ihre Netzwerke andersdenkende Türken und Verbände als Verräter und Haustürken bezeichnen. Religionsgemeinschaften wie die DITIB werden bedroht, weil sie Abgeordnete aus dem Bundestag einladen. Diese Scharfmacher machen gerade die berechtigte Kritik an den Abgeordneten, die diese Resolution zu verantworten haben, unmöglich. Und sie liefern indirekt dadurch auch Material für die Scharfmacher aus dem anderen Lager: „Seht her, haben wir nicht gesagt, dass die Türken so sind?“

Wenn türkischstämmige Menschen in Deutschland von „den Deutschen“ erwarten, dass sie sich zu Pegida und Co. unmissverständlich positionieren, dann kann man auch von ihnen erwarten, gegen die Scharfmacher und Populisten aus den eigenen Reihen Position zu beziehen. Denn das Handeln von diesen Populisten wird – zu Unrecht – allen hier lebenden Türken zugerechnet. Die dadurch ausgelösten Diskussionen werden aber erfahrungsgemäß am Ende auf dem Rücken aller Türken geführt werden. Diese Möglichkeit sollte man den Scharfmachern nicht geben, und daher sollte man den Agitationen dieser Akteure nicht unkommentiert zuschauen.

Auch die hier agierenden Organisationen der Türken haben eine Verantwortung für die derzeitige Lage. Sie sind am Ende des Tages Organisationen der hier lebenden Türken. UETD mag sich vielleicht als Lobbyorganisation sehen, aber die anderen Verbände und vor allem Religionsgemeinschaften sind (oder sollten zumindest) in Deutschland verortet und daher eben keine Lobbyorganisation irgendwelcher Staaten oder Parteien sein. Aber so sollten sie sich am Ende auch verhalten. Auch wenn es Versuche aus der Türkei gibt, DITIB, IGMG und Co. für die eigene Politik zu instrumentalisieren, muss man sich das verbitten. So sehr AKP-Abgeordnete in ihren Deutschlandbesuchen mit kitschigen patriotischen Parolen die Leute versuchen zu begeistern: Für uns hier lebende türkischstämmige Muslime bringen solche Parolen nichts, sie schaden uns nur. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer negativen Haltung zur Türkei oder AKP. Aber die Verbände tun sich keinen Gefallen damit, wenn sie sich vor den Karren irgendeiner Politik spannen lassen. Das muss man auch offen in der Türkei kommunizieren, sodass sie die Lage hier auch verstehen.

Leider prägen Politiker innerhalb der AKP die Deutschlandpolitik, die keinerlei Einblick in das Land haben, weder die Sprache beherrschen, noch die Kultur Deutschlands kennen. Die türkischstämmigen Muslime müssen sich ein Stück weit emanzipieren. Nationalistische Parolen sind nicht die Inhalte, die wir hier brauchen. Wenn man sich über den Rechtspopulismus von Pegida, AfD und Co. empört, ist ein eigener Rechtspopulismus sicher nicht die richtige Antwort darauf. Das hat weder etwas mit der osmanischen Geschichte zu tun, noch mit dem Islam. Statt einer Identität basierend auf Negativität gegenüber dem Umfeld hier in Deutschland, brauchen wir Jugendliche, die für etwas Positives stehen und sich als ein positiver Teil Deutschlands nach außen präsentieren. Das ist genau die Antwort, die man Rechtspopulisten und Islamophoben geben muss.

Engin Karahan

Engin Karahan

Engin Karahan
„Wo sich die Elefanten bekämpfen, hat das Gras den Schaden”, heißt es in einem türkischen Sprichwort. In dem aktuellen Streit um die die Armenier-Resolution im Bundestag ist das Gras die türkische Community in Deutschland. Bei den Erwägungen für und gegen die Resolution tauchte die Frage, welche Wirkung dieser zwischenstaatliche Streit auf die Türkischstämmigen in Deutschland haben könnte, überhaupt nicht auf. Während so manche türkeifixierten Akteure diplomatische und politische Versäumnisse mit einer letztlich nicht erfolgten Massenmobilisierung der türkischstämmigen Migranten zu verschleiern versuchten, kamen in der Bundestagsdebatte selbst unabhängig von der türkischen Position hier in Deutschland vorgebrachte Argumente und Kritik­punkte nicht vor.

Letztendlich gab es Sympathisanten für beide Positionen innerhalb der türkischstämmigen Community, die ihre zum Teil grenzwertigen Forderungen recht schrill verkündet haben. Unbemerkt blieb dabei, dass sie einen gewichtigen Teil der Türkischstämmigen in Deutschland weder ansprachen, noch für ihre Position gewinnen konnten. Vielmehr sorgten beide Seiten für Frustration und eine größere innere Distanz.

Einerseits sind diese Menschen es leid, von einer Seite immer nur dann in Erinnerung gerufen zu werden, wenn es um die Formierung von Menschenansammlungen und Jubelmassen geht, und von der anderen Seite selbst nach 50 Jahren nicht als eine relevante Bevölkerungsgruppe angesehen zu werden, die bei politischen Entscheidungen Berücksichtigung verdient.

Die Folge ist eine immer größer werdende Distanz in beide Richtungen. Ob die Angleichung der emotionalen Distanz an die geographische Distanz zum Herkunftsland betrauert werden muss, darüber kann man streiten. Auf jeden Fall ist es jedoch fatal, dass auch die emotionale Distanz zur Politik in Deutschland größer wird. Zumindest ist das Vertrauen, dass auch die Interessen von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund eine Vertretung im Bundestag finden, geschwunden.

Nicht jeder ist jedoch betrübt über diese aktuellen Entwicklungen. Die gespannte Atmosphäre scheint magnetisch auf Provokateure und Scharfmacher unterschiedlicher Couleur zu wirken. So manche undifferenzierte Polemik gegen türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag nimmt es einfach hin, dass sich Trittbrettfahrer zu konkreten Bedrohungen gegenüber Abgeordneten hinreißen lassen. Diesen politischen Provokateuren ist dabei nichts heilig, schrecken sie doch nicht einmal davor zurück, gegen die eigenen NGOs und muslimischen Religionsgemeinschaften zu agitieren und polemisieren, wenn diese gemäß ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung umsichtig agieren.

Vor diesem Hintergrund muss es für diese türkischstämmigen Menschen in Deutschland darum gehen, sich weder in einem Strudel der Emotionalisierung festhalten zu lassen, noch sich von den vermeintlich einfachen Antworten der Scharfmacher beeinflussen zu lassen. Mag sein, dass ihre Präsenz vor drei Generationen als Gastarbeiterdasein einen provisorischen Anfang genommen hat.

Dass die überwältigende Mehrheit dieser Menschen nun – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht – hier sesshaft geworden sind, steht außer Frage. Eine Lösung ihrer Probleme aus dem Herkunftsland wird es nicht geben und solange sie sich dieser nicht selbst annehmen, wird sich auch hierzulande sonst niemand darum kümmern. Der Anspruch muss sein, ein integraler Bestandteil dieser Gesellschaft zu sein, mit all den Eigenheiten und Besonderheiten, die man mitbringt. Dieser Anspruch wird zwar aktuell nicht der Realität entsprechen, es liegt aber wiederum in erster Linie in den Händen dieser Menschen, etwas an diesem Zustand zu ändern.

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