IZ News Ticker

Zwischen Freiheit und Angst (2)

KO Masombukas zweiter Teil seiner Artikelreihe über Malcolm X

Werbung

Screenshot: YouTube

In der letzten Ausgabe schrieb der Autor eine Einführung in eine lose Artikelreihe, die zum Ziel hat, Lektionen aus dem Leben von Malcolm X zu beschreiben. In diesem Teil werden wir sein Leben von seiner Geburt bis zum Ende seiner Schulzeit beleuchten.

(iz). In seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ merkt Martin Heidegger an, dass das Einzelne in die Welt gewor­fen wird, die ihre eigenen Weltanschauungen hat. Und diese Anschauungen treten in Austausch mit dem Einzelnen. So werden wir in diese Welt geworfen. Uns wird gesagt, dass die Sonne eigentlich ein Stern ist, der deshalb heller leuchtet, weil er näher zur Erde ist als jeder andere. Und es hat den Anschein, sie würde um den Planeten kreisen, auf dem wir uns befinden. Aber das Gegenteil ist nach Aussage der ­Wissenschaft der Fall.

Wären wir im Memphis des antiken Ägypten geworfen, würde man uns sagen, dass die Sonne ein Gott namens Ra sei. Dass sie am Morgen aufgehen würde, um der Welt Licht zu geben, nachdem sie die Schlacht mit der Riesenschlange des Chaos gewonnen hat. Und Apep würde dies des Nachts tun. Aufgrund ihrer lebensspendenden Eigenschaften sei sie anbetungswürdig. Wären wir zum Höhepunkt des Aztekenreiches zur Welt gekommen, dann hätte man uns gesagt, dass sich die Sonne nicht aus eigener Kraft bewegen könnte. Dass die Götter sich dazu selbst opferten und dass die Menschen diese Schuld, um die Bewegung der Sonne zu erhalten, mit ihrem eigenen Opfer erhalten müssen. Unsere Akzeptanz oder Zurückweisung dieser Ideen würde spirituelle, psychologische und soziologische Folgen haben.

Gleichfalls wurde Bruder Malcolm 1925 in Omaha als siebtes von acht Kindern in die Welt geworfen; als Sohn von Eltern, welche die Lehren von Marcus Garvey vertraten. Die damals dominanten Ideen waren die des, aus dem Rationalismus kommenden Darwinismus. Das heißt, der Glaube, die europäische „Rasse“ wäre fortgeschrittener als andere „Menschenrassen“.

Man muss an diesem Punkt wissen, wie diese Vorstellung mehrheitsfähig wurde. Als der nordamerikanische Kontinent von Kolumbus entdeckt wurde, entstand eine neue Kolonie. Um dieses Ziel zu erreichen, muss das Land den amerikanischen Stämmen entrissen ­werden – Navaho, Sioux, Chicasaw, Chero­kee, Creek, Seminolen, Apachen, ­Cheyenne, Arapaho, Irokesen. Und sie mussten afrikanische Stammesangehörige – wie Wolof, Ba Kongo, Mande und Akan – entführen, transportieren und versklaven, um auf den arbeitsintensiven Baumwollfeldern zu arbeiten. Diese Aktivitäten brauchten eine philosophische Rechtfertigung von Kaufleuten, die nicht wollten, dass ihr Geschäft von europäischen Kronen gestört wird.

Dieses Bedürfnis wurde von John Locke befriedigt. Er gilt als Amerikas Gründungsdenker. Locke argumentierte, dass jede unrechtmäßige Wegnahme des Eigentums von irgendjemandem Tyrannei sei. Afrikanische und amerikanische Stammesangehörige stünden jedoch nur Wenige über einem Affen und seien keine vollwertigen Menschen. Wenn Yoruba aus Westafrika verschleppt würden, um das Land zu bewirtschaften, das dem Cherokee gehörte, sei dies demnach so, als würde man einen britischen Ochsen mitnehmen, um ihn auf dem Land grasen zu lassen, wo einst Büffel lebten. Aus den oben genannten Gründen argumentierte Basil Davidson in seinem Film „Equal but Different“, dass Kapitalismus Rassismus verursachte.

Malcolm wurde sechzig Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei geboren. Seine Eltern waren Verbreiter von Marcus ­Garveys Philosophie, die schwarze Würde betonte. Wegen dieser Arbeit wurden sie vom Ku-Klux-Klan verfolgt und gezwungen, aus ihrem Wohnort Omaha (Nebraska) nach Lansing (Michigan) umzuziehen. Sein Vater widmete sich weiter der Verbreitung von Garveys Ideen. 1931 wurde Malcolms Vater Earl Little bei einem Autounfall getötet. Die Gemeinschaft in Lansing verdächtigte die Black Legion, eine Gruppe weißer Suprematisten, ihn angegriffen und ermordet zu haben.

Nach dem Tod ihres Gatten und aufgrund des Drucks von Sozialarbeitern begann der psychische Verfall von Malcolms Mutter. Als Folge spalteten die Wohlfahrt, Gerichte und der Arzt die Familie. Die Mutter wurde in die Nerven­heilanstalt Kalamazoo geschickt und die Kinder in verschiedene Pflegefamilien. Malcolm endete schließlich in einer Reformschule. Bis jetzt hatte Malcolm gesehen, wie sich die rassistischen Ideen auf diejenigen auswirkten, die sich dagegen wehrten – seine Eltern. Zum ersten Mal, in der Reformschule, erlebte er Rassismus am eigenen Leibe.

Auf der Reformschule wurde er von Mr. und Mrs. Swerlin, das Paar, das die Schule leitete, gemocht. „Ihnen“, sagte er später, „gefiel meine Einstellung. Dank ihrer Haltung wurde ich bald von ihnen angenommen. Als Maskottchen, wie ich heute weiß“. Malcolm erhielt Privilegien und war ihnen nahe. In solchen Situationen konnte er die Einstellung von Weißen gegenüber Schwarzen beobachten.

Malcolm berichtete: „Mrs. Swerlin sagte mir, während ich direkt dabei stand. ‘Nigger sind genau so … .’ Diese Szene blieb immer bei mir. Es war das Gleiche mit anderen weißen Leuten. Die meisten von ihnen waren Lokalpolitiker, die bei den Swerlins zu Gast waren. ­Eines ihrer liebsten Gesprächsthemen waren ‘Nigger’. Einer von ihnen war der Richter, der für mich in Lansing ver­antwortlich war. Er pflegte nach mir zu fragen, wenn er kam. Sie riefen mich rein und er musterte mich von oben nach unten mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Genauso wie man ein feines Hengstfohlen oder einen Zuchtwelpen anschaut. Ich wusste, dass sie ihm erzählt haben, wie ich mich verhielt und arbeitete.“

Jetzt müssen wir uns konzentrieren, der nächste Teil ist entscheiden: „Was ich zu sagen versuche, ist, dass es ihnen niemals in den Sinn kam, dass ich verstehen konnte. Dass ich kein Haustier war, sondern ein menschliches Wesen … Daher haben sie mich niemals wirklich gesehen.“

Das ist bemerkenswert. Was sahen weiße Menschen in der Reformschule, wenn sie Malcolm betrachteten? Sie ­sahen nur das Äußere – einen Schwarzen. Und sie übernahmen die rassis­tischen Vorstellungen, die sie von ihrem Aufwachsen erhielten. Diese erhielten ihren Ausdruck durch John Locke. Und sie projizierten diese Ideen auf Malcolm. Kurz gefasst, sie sahen nicht das Individuum.

Um zu Heidegger zurückzukehren: Nachdem der Einzelne in die Welt geworfen wird, interagiert er mit ihren Ideen. Im Folgenden sehen wir, wir Malcolm mit der Vorstellung eines Englischlehrers interagiert. Er berichtete: „Es war überraschend, dass ich noch nie so darü­ber nachgedacht hatte, aber mir wurde klar, dass ich, was immer ich nicht war, schlauer war als fast alle diese weißen Kinder. Aber anscheinend war ich in ihren Augen immer noch nicht intelligent genug, um das zu werden, was ich sein wollte. In diesem Moment begann ich mich innerlich zu verändern.“

Das heißt, Malcolm wies diese Vorstellungen zurück. Und diese Zurückweisung führte zu einer Verhaltensänderung. Er sagte: „Ich zog mich von weißen Leuten zurück. Ich kam zum Unterricht und antwortete auf Fragen. Es wurde zur körperlichen Belastung, in Mr. ­Ostrowskis Klasse zu sitzen. Wo ‘Nigger’ früher von mir abperlte. Wenn ich das nun hörte, hielt ich inne und blickte jeden an, der das sagte. Ich hörte nicht mehr so viel ‘Nigger’ und ‘Was stimmt nicht?’ – es war, wie ich es wollte. ­Niemand, auch nicht meine Lehrer, konnten entscheiden, was mir wider­fahren war.“

Nach dieser Verhaltensänderung – das heißt, seiner Ablehnung der ihm zu­gewiesenen Rolle des Maskottchens – veranlasste Mrs. Swerlin, dass Malcolm die Reformschule verlässt, um bei seiner Tante Ella in Boston zu bleiben. Im nächsten Teil der Serie werden wir uns den Herausforderungen widmen, mit denen er als junger Mann konfrontiert war.

Er war den Ideen seiner Zeit ausgesetzt – dem Rassismus. Und hatte die Wahl, wie er darauf antworten wollte. Er hätte wie Millionen anderer, schwarzer Amerikaner diesen Ideen zustimmen und tun können, was von ihm erwartet wurde. Oder er konnte sich einen – viel gefährlicheren – Pfad aussuchen, der zuvor kaum beschritten wurde. Dies ist eine universelle Frage: Sollte man das als Wahrheit akzeptieren, was die Gesellschaft einem sagt?

Wäre jemand im alten Ägypten oder im Aztekenreich geboren und aufgefordert, dem Sonnengott einen Menschen oder ein Tier zu opfern oder sonst das Risiko einzugehen, die Bewegung der Sonne zu stoppen, was sollte der Einzelne tun? Das damalige Verständnis der Rassentheorie bedeutete, dass schwarze Arbeiter billige Arbeitskräfte waren und höhere Erträge für die Großbauern im Süden bedeuteten.

Der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, riet uns, auf das eigene Herz zu hören. Das ist eine alte Tradition. Schon der Prophet Ibrahim, Friede sei mit ihm, wusste tief im Inneren seines Herzens, dass der ­Götzendienst seines Volkes nicht der korrekte Weg war. Also zerschlug er die Götzen und verließ seine Stadt auf der Suche nach Wahrheit. In der achten Klassen kannte der junge Malcolm nicht die intellektuellen Wurzeln der Rassentheorie. Jedoch wusste er in seinem Herzen, dass sie nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Also wies er sie zurück.

Wir wurden in eine Welt geworfen, in der uns gesagt wurde, dass der Mensch ein Konsument sei. Dass eine gute Kreditbilanz eine bürgerliche Tugend sei. Dass das Streben nach Glück das Ziel des Lebens sei und man dieses Glück durch den Konsum von Produkten und Dienstleistungen erreiche. Solche Vorstellungen, wie die John Lockes vor Jahrhunderten, dienen den Interessen einer kleinen Elite von Konzernen. Selbst ohne Kenntnis von der Geistesgeschichte dieser Ideen wissen wir tief in unserem Herzen, dass hier etwas nicht stimmt.

Wir müssen wie der junge Malcolm diese prophetische Tradition wiederbeleben und auf unser Herz hören.

The following two tabs change content below.
Avatar

KO Masombuka

Avatar

Neueste Artikel von KO Masombuka (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen