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Zwischen Gestern und Heute: Islamische Schulen im Kosovo. Von Dr. Xhabir Hamiti, Prishtina

Traditionen der Bildung

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(iz). Dass Muslime nichts zur europäischen Bildungslandschaft beitrügen, ist ein Mythos, der in der polemisierten Debatte um den Islam die Runde macht. Dabei vergessen Kritiker, dass es seit Jahrhunderten eine lebendige Tradition islamischer Bildung in den muslimischen Gebieten Europas gibt. Insbesondere heute, wo sich Muslime nach Konzepten für Wissensvermittlung umschauen, lohnt sich ein Blick auf den Balkan. Hier gibt es wieder eine lebendige Lehre. Am Beispiel des Kosovos werfen wir einen Blick auf diese.

Islamische Erziehung auf dem ­Balkan – und insbesondere im Kosovo – datiert zurück ind die Zeit der Einführung des Islams in diesem Teil der Welt. Neben Kindern muslimischer ­Familien, konnten auch Angehörige anderer Gemeinschaften wie Mazedonier oder Serben osmanische Schulen besuchen.

Das Ministerium für Öffentliche Schulen des Osmanischen Reiches führte Reformen durch, die zwischen 1845 und 1866 realisiert wurden. Sie führten zu Veränderungen im gesamten Bildungssystem. So war die Zeit zwischen Ende des 19. Jahrhundert und Beginn des 20. Jahrhunderts die am besten entwickelte Periode der allgemeinbildenden und religiösen Erziehung.

Grundlegende Bildung fand in Einrichtungen statt, die als „Mekteb“ bekannt wurden. Sie waren die erste Stufe der Erziehung für Jungen und für Mädchen und wurden in Dörfern und Städten betrieben. Mektebs wurden üblicherweise in oder neben Moscheen betrieben. Hier wurden der Qur’an, arabische Schrift und religiöse Grundlagen unterrichtet. In Schulen mit besserer Ausstattung wurden auch Persisch und Mathematik gelehrt. Die darauf aufbauenden Ibtidaija-Schulen waren Grundschulen, deren Besuch vier Jahre dauerte. Sie begannen ihren Betrieb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Neben religiösen Themen wurde den Schülern hier Osmanisch, Geschichte des osmanischen Reiches, Geografie, ethische Grundlagen etc. gelehrt. Laut einem osmanischen Dokument gab es in Prizren 12 Mektebs und 5 Grundschulen.

Danach folgten Schulen, die das Segment der unteren Sekundarbildung abdeckten: die Ruschdija-Schulen. Auch sie wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingeführt. Ein Abschluss der Ibtidaija-Schulen war Voraussetzung für ihren Besuch. Ihre Schüler waren zwischen 10 und 15 Jahren alt. Neben orientalischen Sprachen und religiösen Themen erhielten sie Unterricht in Geschichte, Arithmetik, Geometrie, Sport, Malerei und Kunst, Mathematik und – in manchen Fällen – Französisch. Im Kosovo gab es sieben derartige Schulen. Die letzte Stufe der Schulbildung im osmanischen Kosovo stellten Madrassen dar. Sie fungierten als Ausbildungsorte für Imame, Religionslehrer und Richter. Neben Schari’a, orientalischen Sprachen, Philosophie und vergleichender Religionswissenschaft wurden hier auch andere Wissenschaften angeboten.

Während der osmanischen Herrschaft gab es Schulen für verschiedene christliche Gemeinschaften. Nach Angaben des albanischen Autors Sami Frasher in seinem Buch „Kamasul Al-A’lam“ gab es in der Region um Dibra drei Schulen, welche den christlichen Gemeinschaften vorbehalten waren. In Gjakova/Djakovica gab es neben islamischen Schulen auch solche, in denen orthodoxe und katholische Theologie unterrichtet wurden. Vergleichbare Einrichtungen existierten in verschiedenen Gebieten des osmanischen Reiches.

Außer den allgemeineren Schulen gab es auch spezialisierte: Dar Al-Qur’an, diese konzentrierten sich auf des Lesen und Auswendiglernen des Edlen Qur’an, und Dar Al-Hadith, jene Schulen, in denen die Aussagen des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gründlich studiert wurden.

Nach den Osmanen

1912 übernahm das serbische König­reich nach dem Fall der osmanischen Herrschaft die Kontrolle der religiösen Erziehung im Kosovo. Viele islamische Schulen wurden entweder geschlossen oder der strikten Kontrolle Serbiens unterstellt. Diese unangenehme Lage hielt bis 1951 an, als die Madrassa Alauddin ihre Arbeit damit begann, die Bildung von Imamen und Religionslehrern wieder aufzunehmen. Diese Madrassa besteht bis heute.

Heutige Lage

Mit dem Ende des – durch das Milosevic-Regime verursachten – blutigen Kosovo-Krieges im Jahre 1999 kam es zu neuen Umständen für das Land, aber auch für den ganzen Balkan. Neun Jahre nach Beginn der UN-Verwaltung im Kosovo erklärte die Region am 17. Februar 2008 ihre Unabhängigkeit von Serbien und nahm vier Monate später eine neue Verfassung an. Darin wird sie als ein säkularer Staat bestimmt, der allen religiösen Gemeinschaften volle Religionsfreiheit gewährt. Die öffentlichen Schulen des Landes können jede Weltsicht oder jede religiöse Lehre vermitteln. Anders verhält es sich bei serbischen Schulen, in denen der orthodoxe Unterricht für Schüler der unteren und oberen Sekundarstufe verpflichtend ist. Der Religionsunterricht im Kosovo steht mehrheitlich, aber nicht vollständig, unter der Leitung der Islamischen Gemeinschaft des Kosovos (ICK). Nach dem Ende des Krieges haben sich viele nichtstaatliche Organisationen – lokale wie internationale – neben ihrer humanitären Mission insbesondere auf die religiöse Erziehung von Jugendlichen fokussiert.

Bedauerlicherweise fehlte es vielen Organisationen an Kenntnissen zeitgenössischer Erziehungsmethoden. Daher können viele die heutigen akademischen Standards für eine fruchtbare und effektive Bildung nicht erfüllen. Dies Folge davon war, dass die islamische religiöse Erziehung außerhalb der ICK sich deutlich von den islamischen Bildungstraditionen des Kosovos, die eine jahrhundertelange Geschichte haben, unterscheidet. Die eingesetzten Inhalte und Methoden erwiesen sich als unproduktiv für die muslimische Gemeinschaft. Denn sie erzeugten Verwirrung bei muslimischen Gläubigen – nicht nur in theologischen Fragen, sondern auch bei der täglichen Routine ihrer religiösen Praktiken.

In vielen Büchern und Artikeln, die von diesen Organisationen finanziert und unzureichend von verschiedenen Autoren übersetzt wurden, finden sich Texte, die sehr verstörend und intolerant sind. Sie richten sich nicht nur gegen andere religiöse Gemeinschaften, sondern auch gegen die muslimischen Traditionen der lokalen muslimischen Bevölkerung.

Moscheen

Die Moscheen bieten neben den täglichen Gebeten islamische Unterweisung an. Hier erhalten Muslime Unterricht in den Grundlagen des Islam. Die Lehre in den Moscheen beruht auf dem Wunsch der Gläubigen und belegt ihr großes Interesse – unabhängig von Alter und Geschlecht. Allerdings gibt es wegen der mangelnden Koordination zwischen der ICK und den Moscheen noch Verbesserungsbedarf auf diesem Feld. Der Unterricht basiert auf einem Lehrplan der Islamischen Gemeinschaft, der entsprechend der hanafitischen Rechtsschule aufgebaut wurde. Nach der Satzung der ICK müssen die Imame allen Gläubigen ungeachtet deren ethnischer Herkunft dienen.

Madrassen

Die Madrassa Alauddin in Prishtina ist eine weiterführende, professionelle und sekundäre Bildungseinrichtung, auf der Studenten darauf vorbereitet werden, sich auf ein Studium als Imame und Religionslehrer vorzubereiten. Nach dem Fall des kommunistischen Regimes weitete die Schule ihre Aktivitäten in andere Teile des Kosovos aus und gründete Zweigstellen. Es gibt mittlerweile auch zwei Filialen für Frauen: eine in Prishtina und eine in Prizren. Die Madrassa verfügt über einen zeitgemäßen Lehrplan, der vom Erziehungsministerium anerkannt wird. Das Ministerium bezahlt auch die Gehälter der Lehrer und deckt den technischen Finanzbedarf der Schule. Nach einem erfolgreichen Abschluss können Absolventen Universitäten im Kosovo oder im Ausland besuchen. Ihr Lehrplan entstand in Zusammenarbeit mit anderen Madrassen der Region wie der in Sarajevo und Skopje. Auch sie arbeiten im Rahmen des hanafitischen Rechts.

Die Islamische Fakultät

Die Fakultät für Islamische Studien (FIS) ist die höchste muslimische Bildungseinrichtung im Kosovo. Sie wurde 1992 von der Islamischen Gemeinschaft gegründet. Ihre Studenten kommen aus allen albanischen Gebieten des Balkans: Kosovo, Albanien, Mazedonien, dem Preshevotal und Montenegro. Ihre Mission ist das Angebot eines islamwissenschaftlichen Studiums für albanische Studierende in ihrem eigenen Umfeld. Die Fakultät hat einen privaten Status und ist nicht Teil der öffentlichen Universität Prishtina. Finanziert wird sie von der Islamischen Gemeinschaft.

Nach ihrem Abschluss können die Graduierten entweder im Kosovo oder in albanischen Gemeinschaften im Ausland arbeiten oder aber ihre Studien an ausländischen Universitäten fortsetzen. Durchschnittlich dauert ein erfolgreicher Studiengang acht Semester. Die akademische Arbeit folgt den gleichen professionellen Standards wie die der Universität Prishtina.

Die Graduierten der Fakultäten für Islamische Studien, die entweder als Lehrer oder als Imame arbeiten, erwiesen sich als sehr erfolgreich in ihren Berufszweigen. Ihr Verständnis der gesellschaftlichen Mentalität erlaubt ihnen ein besseres Verständnis der Bedürfnisse der Menschen. Dieser wichtige Aspekt gilt nicht immer für jene, die ihre religiösen Studien an ausländischen Universitäten absolvieren. Es fällt ihnen häufig schwer, sich im kosovarischen Umfeld zurechtzufinden, nachdem sie Jahre im Ausland verbracht haben.

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