IZ News Ticker

Zwischen Kultur, Identität und Geschichte: ein philosophisches Gespräch zwischen Wolf Ahmed Aries und Sulaiman Wilms

„Uns zeichnet die Grundspannung im Gebet aus“

Werbung

„Die große Verführung, auch der Verbände, bei denen ich lange Zeit aktiv war, besteht darin, auf die politische Machtfrage dieser Mehrheitsgesellschaft ständig zu reagieren, anstatt in Gelassenheit und Ruhe zu sagen: „Dieses System interessiert uns nicht.“ Darüber müssen wir nachdenken und hier müssen wir handeln. Wir sollten viel mehr Gelassenheit und Geduld an den Tag legen.“

(iz). Im Jahre 1953, im Jahr des Aufstands vom 7. Juni, entschied ein junger Berliner, verwurzelt in der preußischen Tradition, seinem Leben eine Wendung zu geben. Heute, 61 Jahre später, zählt Wolf Ahmed Aries zu wenigen, verbliebenen Zeugen der muslimischen Gemeinschaft im Nachkriegsdeutschland. Aries Erfahrungswelt umfasst den Zweiten Weltkrieg, Wiederaufbau, Kalter Krieg, Wirtschaftswunder und die ereignisreichen vergangenen Jahrzehnten. Immer noch beteiligt sich der ehemalige Reserveoffizier, Volkshochschulleiter und Dozent aktiv mit Beiträgen an der innermuslimischen wie gesamtgesellschaftlichen Debatte.

Mit ihm führten wie ein philosophisches Gespräch über die geistigen, spirituellen und kulturellen Grundfragen der deutschen Muslime in dieser Zeit. Angesichts der immer schwierigeren Frage, was es heute noch heißt, „deutsch“ zu sein, betont Aries die Wichtigkeit einer Beheimatung. Allerdings zweifelt er, in einem Zeitalter der Ingenieurwissenschaften, an der Wirkung philosophischer Diskurse. Über allem steht für Aries die Wichtigkeit des Einheitsdenkens und des Gebets im Mittelpunkt aller entscheidenden Fragen.

Zur Islamdebatte
Islamische Zeitung: Das Wort „Islam“ ist heute in aller Munde. Selten jedoch unter positiven Vorzeichen. Im Hintergrund Ihrer Erfahrungen der letzten Jahrzehnte – und auf aktuelle Debatten eingehend –, wie nehmen sie das Ganze wahr? Ist es für sie bedrückend, oder Zeichen einer unbewussten Relevanz des Themas?

Wolf Ahmed Aries: Es ist beides. Es ist ganz merkwürdig. Auf der einen Seite ist es notwendig, dass es geschieht, weil die genaue Auseinandersetzung mit dem Islam und mit uns Muslimen notwendig ist und wir – mit dem Blick auf die deutsche Geschichte – die in vielen Dingen schief gegangene Integration der Juden wiederholen. Oft diskutieren wir die völlig identischen Probleme, welche die jüdische Minderheit von 1860 bis ca. 1920 hatte. Das macht sich sehr deutlich fest an dem Gegensatz zwischen den beiden Büchern „Wesen des Christentums“ (Harnack) und „Wesen des Judentums“ (Leo Back). Wir sitzen mitten in dieser Diskussion. Aber es wird nicht wahrgenommen. Es diskutieren im Grunde genommen nur wenige kirchliche Kreise, Intellektuelle. An den Universitäten wird es teilweise wahrgenommen. Der eigentliche Diskurs findet allerdings nicht statt. Das macht mir Sorgen. Das zweite ist, dass ich mit Amüsement feststelle, dass das deutsche Bürgertum sich wirklich Deutsch verhält. Die Vorurteile sind wie in alten Zeiten da.

Die Frage nach der Kultur
Islamische Zeitung: Aus ihrer Lebenserfahrung und auch aus ihrem intellektuellen Werdegang können sie einige Jahrzehnte überspannen. Ist es nicht ein wenig absurd, dass der Begriff der „Kultur“ so behämmert wird, aber man ironischerweise vollkommen außer acht lässt, dass genau diese Begriffe in den letzten 60 Jahren ohne Zutun der Muslime komplett obsolet geworden sind. Jemand hat mal kurz gemeint, viele Protestanten seien nur noch Christen, weil sie keine Muslime sein wollen. Finden Sie das nicht absurd?

Wolf Ahmed Aries: Das finde ich schon sehr merkwürdig. Mit Distanz zu meinem Alter finde ich das teilweise schon amüsant. Das, was sich da Journalisten oder die Journaille leistet, ist schlicht, sehr schlicht. Man muss deutlich sagen, dass es eigentlich nicht den Problemen entspricht. Die Frage ist einfach, ob wir nicht viel stärker deutlich machen müssen, dass Muslime ja längst in großen Teilen völlig integriert sind. Deswegen werden auch deutsche Muslime wie ich nicht mehr zu Vorträgen eingeladen. Man diskutiert mit denen, die einem als Gegensatz erscheinen. Und da die arabischen Muslime zurzeit wirklich jede Art von Unsinn produzieren, ist das leider ein objektiver Gegenstand, über den man sich ärgern kann.

Islamische Zeitung: Haben Sie das Gefühl, dass die Muslime bei den Themenfeldern rund um die Migrations- und Einwanderungsgeschichte – die ja eine sehr komplexe und für die Beteiligten eine sehr schwierige ist – heute gut aufgestellt sind? Man trifft ja häufig vor allem auf türkische Muslime, die sehr vehement ein Angstszenario kultureller Assimilierung beschreiben. Wenn man aber genau hinschaut, im religiösen Sinne durchaus teilweise assimiliert sind. Müsste es nicht umgekehrt sein? Müssten Muslime nicht relativ wenig Probleme mit einer kulturellen Assimilierung haben, bei einer gleichzeitigen Beibehaltung der religiösen Lebensweise. Sind da die Dinge nicht auf den Kopf gestellt?

Wolf Ahmed Aries: Das ist eine theologische Diskussion. Wir sind Orthopraktiker. Allah sagt, dass wir handeln müssen. Was als Anpassung imponiert, ist häufig, dass diese Orthopraxie nicht mehr wahrgenommen wird. In vielen Dingen sind wir inzwischen darauf geeicht, beispielsweise Halal-Lebensmittel auszusortieren und das fällt nicht mehr auf. Selbst bei großen Empfängen ist das so. Neulich, nach einer Tagung, gingen die Muslime am kalten Buffet entlang und nahmen das Käsebrötchen. Das fiel keinem auf.

Islamische Zeitung: Ich möchte meine Frage noch einmal qualifizieren. Angefeuert durch den Besuch von ausländischen Politikern, namentlich zum Beispiel von Erdogan, wo die Thematik noch einmal aufgeheizt wurde. Es entsteht ja ein Bild von einer bedrohlichen Übernahme durch die deutsche Kultur. Nur, wo wäre das Problem, wenn man seine religiöse Lebensweise beibehält? Ist es nicht abstrus, dass Leute „Kultur“ verteidigen – wobei völlig unklar ist, was damit gemeint ist –, aber gleichzeitig bei „Religion“ im orthopraktischen Sinne viel kompromissbereiter sind?

Wolf Ahmed Aries: Das ist richtig. Die Vielfalt orthopraktischer Entscheidungen, die sich in Fatawa niederschlagen, die etwa für die indonesische oder die uigurische Kultur gefällt worden sind, sind nicht ohne Probleme auf die westeuropäische kulturelle Situation zu übertragen. Was viele Muslime – die von außen kommen – irritiert, ist, dass sie bestimmte Dinge hier nicht vorfinden. Sie sind irritiert, dass man in Deutschland zwar korrekt leben kann, die ganzen Zusätze aber, die sie aus ihren Kulturen kennen, überhaupt nicht am gleichen Horizont wieder finden. Wir müssen uns deutlich machen und uns bewusst werden, dass wir eine ganze Reihe von Bedingungen in anderen Kulturen, die mit Rechtsentscheidungen verbunden sind, nicht auf unsere Situation übertragen können.

Islamische Zeitung: Gehen wir mal in den Kern der Angelegenheit, weil Kultur ein Begriff ist, der wie ein Flächenbombardement benutzt wird. Für beide Seiten fragend, ohne den mahnenden Zeigefinger zu erheben: Diese angebliche Differenz oder der Dialog der Kulturen, dieser setzt immer voraus, dass wir hier von bestehenden Kulturen sprechen können. Weder sind die Arbeitsmigranten als Kulturbringer gekommen, noch befindet sich Deutschland im geistigen Zustand der Weimarer Blüte. Lässt sich von Kultur überhaupt noch sprechen – angesichts des Jahrhunderts, das Europa hinter sich hat?

Wolf Ahmed Aries: Jein, Das sieht man zurzeit an der französischen Entwicklung. Dort sind alle Vorurteile gegenüber den Juden wieder da. Man ist sich überhaupt nicht bewusst gewesen, dass die mit ’45 nicht verschwunden sind. Mit der Niederlage und Kapitulation Deutschlands ist der Antijudaismus nicht verschwunden. Was wir uns bewusst machen müssen, ist, dass wir eine Kultur haben, die wir einfach mit der Sprache erwerben.

Was ist heute noch Deutsch?
Islamische Zeitung: Aber das ist doch nicht monolithisch! Was ist heute noch „Deutsch“, nach 40 Jahren Amerikanisierung?

Wolf Ahmed Aries: Nein. Wer mal in der USA war, weiß ganz genau, inwieweit er noch deutsch ist. Es gibt ganz bestimmte Arten von „typisch Deutsch“. Wir haben eine bestimme Wortwahl und ein bestimmte Grammatik. Das ist für mich eine der erkenntnistheoretischen Gewinne islamischen Nachdenkens, dass es nie bei der Übersetzung oder beim Dialog der Kulturen nur auf die Wortwahl ankommt, sondern gleichzeitig auf die Einbettung des Wortes in eine Grammatik. Und die Grammatik ist eine Beheimatung, wie ein großer Philosoph aus Süddeutschland schon gesagt hat, in der wir groß werden. Die Distanzierung dazu und die Reflexion darüber ist eine Leistung, die nicht alle mitmachen, oder mitmachen wollen, weil sie dadurch verunsichert werden.

Islamische Zeitung: Sie haben einen relativ konstanten Kulturbegriff. Jetzt gibt es natürlich gewisse zivilisatorische Muster oder Prozesse; zumindest, wenn man sie aus der Geschichte ableiten möchte. Sehr grob vereinfacht: Entweder, wie die Araber in Persien, kommen Menschen in ein Gebiet, das ihnen kulturell überlegen ist, und übernehmen dort die nützlichen Dinge…

Wolf Ahmed Aries: Nicht die Perser, bleiben wir in Europa!

Islamische Zeitung: Es gab doch wohl verschiedene Modelle in der muslimischen Geschichte. Muslime kamen in höher entwickelte Regionen und haben die dortige Kultur übernommen. Oder ihnen begegneten Gebiete, in die sie Besseres bringen konnten. Genauso gab es die andere Möglichkeit, dass aus den vorhandenen Elementen eine neue Kultur geschaffen wurde. In welcher Situation sind wir heute? Sind Muslime in der Pflicht, die europäische Kultur (vorausgesetzt, es handelt sich bei ihnen nicht um Europäer) anzunehmen, oder haben wir die historische Chance, wie in der Spätantike, etwas neues zu stiften?

Wolf Ahmed Aries: Ich fürchte, ich werde mich hier für eine dritte Option entscheiden müssen. Die Welt wird ja heute nicht von unserer intellektuellen Diskussion bestimmt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sagen die Ingenieurwissenschaften, wohin es gehen soll. Kein Philosoph, nicht Heidegger und nicht Locke!, hat unsere kulturelle Entwicklung bestimmt. Schlicht und ergreifend sind das die Ingenieure. Die Beherrschung der Elektrizität hat mehr verändert als alle Diskussionen.

Was bei uns Muslimen konstant ist, ist das, was in der Umma auch übrig bleibt, wenn man auf den Kern aller islamischen Gesellschaften zugeht: der Tauhid, das Gebet, Fasten, Hadsch und der Qur’an. Das haben wir immer bewahrt, in allen Nationen und in allen Kulturen. Was die Übernahme aristotelischer Ideen und Methoden durch Avicenna oder Ibn Ruschd überdeckt, ist, dass diese Männer als muslimische Persönlichkeiten strenge Orthopraktiker waren. Der Richter in Granada ist vor der schwierigen Entscheidung in die Moschee gegangen und hat gebetet.

Und das tun Muslime bis heute. Selbst diejenigen, bei denen ich das Glück der Begegnung hatte und die durch die Gehirnwäsche des Ost-West-Konfliktes gegangen sind, haben mir gesagt, dass sie trotz aller Verzweiflung letztlich beteten. Dieses Bewahren des Gebets und des Tauhids ist der Grundkonsens aller Muslime. Es ist eine Kontingenzbewältigung, die uns charakterisiert. Wo immer wir adaptieren, das wird nicht angerührt!

Folgen des methodischen Atheismus
Islamische Zeitung: Wenn ich Sie kurz selbst zitieren darf. 2003, auf einer der letzten Tagungen der GMSG in Hamburg, haben Sie den Begriff des „methodischen Atheismus“ eingeworfen. Unbenommen von glauben, fühlen und ritueller Praxis sei die Art und Weise, wie die Leute denken, atheistisch. Welche Folgen hat die Technik, Stichwort Ingenieurwissenschaft, hier?

Wolf Ahmed Aries: Das ist ein Begriff, den Habermas entwickelt hat, und der die Situation völlig korrekt beschreibt. Ein Ingenieur, der einen neuen Motor entwirft, wird mit methodischem Atheismus vorgehen. Aber, was den muslimischen Ingenieur kennzeichnet, ist, dass auch dieser in den Tauhid eingebettet ist.

Islamische Zeitung: Der politische Islam des 20. und 21. Jahrhundert ist doch gerade dadurch gekennzeichnet, dass seine Methoden und Kategorien gänzlich dem technischen Denken entlehnt sind. Ironischerweise waren nicht wenige seiner schillerndsten Gestalten selbst Ingenieure.

Wolf Ahmed Aries: Genau das ist das Problem. Was viele fromme Muslime, die ihre Religion praktizieren, erschüttert, ist auch, wie weit man im Alltag diesen methodischen Atheismus vorantreiben kann, soll, oder darf. Viele Dinge, die hier vonstatten gehen, geschehen unter der Annahme, es gehe nur mit diesem.

Das ist aber bei bestimmten Grenzfragen unserer Entwicklung nicht möglich, was mittlerweile auch die Parlamente begriffen haben. In solchen Fällen wird häufig der Fraktionszwang aufgehoben. Ein Beispiel dafür, wären Fragen zum Beginn und Ende des Lebens. Das sind Fragen, die nicht mehr mit einem methodischen Atheismus zu beschreiben sind. Andererseits lässt sich beispielsweise das bildgebende Verfahren unserer Neurologie durchaus mit dieser Methodik beschreiben.

Allerdings müssen wir festhalten, dass kein einziges Elektron, das von einer Synapse zur nächsten geht, dies außerhalb des Tauhids tun könnte. Der Forscher, der das Gehirn im bildgebenden Verfahren untersucht, wird angesichts des Wunders, das hier geschickt wurde, möglicherweise „Alhamdulillah!“ sagen. Dann ist er Muslim.

Islamische Zeitung: Darum ging es eigentlich weniger. Uns interessiert in dieser Hinsicht die Art und Weise, mit der Muslime hier Probleme analysieren. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Ein nicht unerheblicher Anteil muslimischer Äußerungen wird derzeit auf den so genannten antimuslimischen Rassismus aufgewandt. Wie Muslime gemeinschaftlich darauf hörbar reagieren, ähnelt nun eher einer Antirassismus AG oder einem Soziologen. Derzeit trifft man höchst selten auf Muslime, die diese Frage erst einmal nach religiös-spirituellen Gesichtspunkten abhandeln. Je nachdem, auf welchen Wegen das Denken verläuft, kommt man dabei zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen.

Wolf Ahmed Aries: Das ist richtig. Es fällt der Mehrheitsgesellschaft sehr schwer, bestimmte Dinge zu reflektieren. Wir sind Teil dieser Kulturen und Gesellschaften und leben in ihnen. Und setzen uns, ob wir wollen oder nicht, mit ihnen auseinander. Die Fremdbeschreibung des Anderen ist etwas, das ich selbst reflektiere.

Wenn mir wieder einmal in freundlicher Diskussion entgegengehalten wird, ich hätte nichts verstanden, ich sei letztendlich Araber und solle dahin zurückgehen, wo die Araber leben, da kann ich nur sagen, dass er überhaupt nicht verstanden hat, worum es geht. Die Problematik dabei ist einfach, dass Verbände und andere Großorganisationen gezwungen sind, aufgrund der politischen Situation das in einer Art zu reflektieren, die die Mehrheit versteht und mitmacht. Das ist ein Konflikt, den die jüdische Minderheit bereits vor dem Ersten Weltkrieg durchgemacht hat und nicht bewältigen konnte – die Mehrheit auch nicht.

Deshalb haben wir damals im Islamarchiv, von dem ich mich seit Langem getrennt habe, gesagt, wir müssen, wenn wir beheimatet sein wollen – und das wollen wir! – bestimmte Dinge im Rahmen der vorhandenen Strukturen tun. Das heißt, islamische Lehrstühle an allgemeinen Universitäten und keine eigene Hochschule, wie einst die für den jüdischen Glauben in Berlin, trotz all ihrer historischen Verdienste. Wir wollen Lehrer mit Religionsunterricht an den Schulen haben, und nicht ausschließlich in den Moscheen. Eigene Wohlfahrtsverbände sind eine Forderung, die muslimische Verbände lange ablehnten. Das ist sicherlich eine politische Forderung, die aber religiöse Implikationen haben. In dieser Massengesellschaft kommen wir ohne sie nicht aus. Wir können Muslime nicht alleine bei der AWO oder in der Diakonie vor sich hinsterben lassen. Das geht auch nicht bei dem sterbenden Muslim auf der Landstraße.

Wie sollen Muslime sich einbringen?
Islamische Zeitung: Vorausgeschickt, dass hier natürlich Konsens über die Notwendigkeit zur Begegnung mit der so genannten Mehrheitsgesellschaft herrscht. Es gibt dabei eine reaktiv-passive, die sich sämtliche Denkvorgaben zu eigen macht und diese quasi islamisiert. Es ist ja eine Erscheinung des Modernismus, dass jedes Ding übernommen und mit dem Vorsatz „islamisch“ versehen wird. Die andere Möglichkeit wäre, im positiven Sinne mit der Umwelt im Austausch zu stehen, aber gleichzeitig eigene Beiträge und Vorschläge anzubieten. Die Debatte in der deutschen Gemeinschaft leidet hier unter enormem Manko, weil wir ja gar keine Vorschläge machen. Dabei gäbe es in unserer eigenen Tradition belastbare und bewährte Modelle, die wir einbringen könnten.

Wolf Ahmed Aries: Das ist richtig. Natürlich stehen die Auqaf, die Stiftungen, da im Raum. Hierbei haben wir aber erhebliche Schwierigkeiten, diese Körperschaften auf die westeuropäischen Rechtssysteme zu übertragen. Das betrifft insbesondere die religiösen Implikationen. Wir werden einige Kompromisse eingehen müssen.

Islamische Zeitung: Es ist doch aber zuzustimmen, dass zwischen beiden Ansätzen gravierende existenzielle Unterschiede bestehen. Wir müssen Angebote machen, denn „die Hand, die gibt, ist besser als die Hand, die nimmt“. Du sagtest vorhin „Diskussion“. Wir diskutieren doch zumeist gar nicht untereinander…

Wolf Ahmed Aries: Ist richtig. Wir nehmen viele Dinge auch gar nicht wahr. Ich habe ja selbst erlebt, wie junge Muslime zusammenkamen und die Hima (Projekt für Ökologie und nachhaltige Lebensweise) und ich haben mitbekommen, wie RAMSA (studentischer Zusammenschluss) entstand. Beobachten durfte ich, wie einzelne Muslime mit dem Qur’an gerungen haben und eigene Übersetzungen herausbrachten. Manchmal sind wir in Sachen unserer Selbst arg pessimistisch, weil wir die Machtfrage immer in den Vordergrund stellen. Ich bin der festen Überzeugung, dass derjenige, der aus der uns eigenen Form der Gläubigkeit sowie Orthopraxie heraus denkt und handelt, dies auch leise und schweigend tun kann.

Wir sind auch dadurch charakterisiert, dass wir nicht unbedingt die Politik, sondern die Gesellschaft meinen. Die große Verführung, auch der Verbände, bei denen ich lange Zeit aktiv war, besteht darin, auf die politische Machtfrage dieser Mehrheitsgesellschaft ständig zu reagieren, anstatt in Gelassenheit und Ruhe zu sagen: „Dieses System interessiert uns nicht.“ Darüber müssen wir nachdenken und hier müssen wir handeln. Wir sollten viel mehr Gelassenheit und Geduld an den Tag legen.

Wir haben einen wundervollen Glauben und eine großartige Tradition, auf die wir stolz sein können und Allah dafür danken sollten. Wenn wir uns auf diese verlassen, können wir auch sehr leise und sehr ruhig handeln. Die große Schwierigkeit – das gebe ich gerne zu – besteht darin, die Plattitüden mancher Journalisten und schlichter Geister zu ertragen.

Vom Kalten Krieg zur Postmoderne
Islamische Zeitung: Ihr Muslim-Sein umspannt doch einen langen Zeitlauf von 61 Jahren. Das heißt, seit dem Jahr des DDR-Aufstandes und des Kalten Krieges, haben Sie viel erlebt. Die muslimische Gemeinde sah damals sicherlich ganz anders aus…

Wolf Ahmed Aries: (lacht)… Das ist eine optimistische Beschreibung. Die paar Muslime, die es in Deutschland gab, ließen sich an zwei Händen abzählen.

Islamische Zeitung: Wie hat man sich zu dieser Zeit als Muslim hier gefühlt? Exot? Einsamer Wolf?

Wolf Ahmed Aries: In München war die Lage sicherlich anders, weil sich dort deutsche und vor allem arabische Reste der Vorkriegsmuslime gefunden hatten. In Hamburg kamen die schiitischen Kaufleute zusammen, um ihre Gemeinde unter einem charismatischen Imam zu formieren. Wenn Sie so wollen, waren wir einsame Wölfe. Meine Eltern haben nicht ernstgenommen, was ich damals gemacht habe. Vor allem in seinem islamischen Verhalten ist man nicht das, was ein arabischer oder indonesischer Muslim als „Muslim“ identifiziert hätte.

Islamische Zeitung: Damals Muslim zu sein, war das ein Bekenntnis eines Unzeitgemäßen? Entkolonialisierung, Verwissenschaftlichung, Technifizierung, totale Säkularisierung – war man, zumindest im Geistigen, ein vollkommen Fremder im eigenen Land?

Wolf Ahmed Aries: Ja! Man war ja vollkommen angepasst, ging zur Schule, machte das Abitur und später zum Militär. Damals gab es ja noch die Wehrpflicht. In der Tradition meiner Familie bin ich auch Reserveoffizier geworden. Das wurde halt als etwas exotisches wahrgenommen. Viele verbanden den Islam mit Karl May, Sven Hedin oder Abenteuer pur.

Islamische Zeitung: Ohne persönlich sein zu wollen, das war doch ein großer Schritt. Viele Debatten, die wir heute führen, gab es zu dieser Zeit ja noch nicht. Deutschland hatte zwar diesen wahnsinnigen Krieg hinter sich, aber man lebte im Wirtschaftswunder und im Gefühl des Aufstiegs. War da der Islam nicht doch etwas sehr anderes?

Wolf Ahmed Aries: Das ist schon richtig. Es war aber kein Ärgernis. Ich habe mein Muslim-Sein aber auch nicht wie ein Banner vor mir hergetragen. Viele wussten das überhaupt nicht und sind später auf mich zugegangen und haben gefragt: „Herr Aries, ich habe da gehört…“ Ich sagte: „Ich weiß, ich bin Muslim.“

Die wenigen Muslime, die es damals gab, waren so stark in die Gesellschaft integriert, dass es nicht auffiel. Noch als ich zum Major befördert wurde, habe ich meinem General gesagt, ich sei Muslim. Er meinte nur: „Was soll das, Aries? Ich habe so viele muslimische Offiziere kennengelernt, die hervorragend waren. Wieso fragen Sie?“ Es gab eine Zeit, in der das Muslim-Sein so völlig normal war, das es gar nicht auffiel.

Was zum großen Problem wurde, waren die Gastarbeiter. Vielen habe ich Anfang der 1970er Jahre geholfen. Da hat mir der eine oder andere gesagt, dass es etwas sei, dass sie nicht kennen, und sich davon distanziert.

Was bleibt, sind Tauhid und Gebet
Islamische Zeitung: Nun ja, viele kamen aber auch aus einer zerstörten Tradition, quasi einer religiösen Wüste. Nicht wenige erzählten uns, dass sie erst in Deutschland mit dem Gebet begonnen haben…

Wolf Ahmed Aries: Das ist richtig. Was Muslime als Beheimatung mit sich tragen, sind Tauhid und Gebet. Selbst Linke haben mir gesagt, dass diese das letzte Element gewesen seien, das auch sie nicht angerührt haben. Publizierende Marxisten, die ihre Anschauungen auch veröffentlichten, haben mir im persönlichen Gespräch offen gesagt, dass Tauhid und Gebet Dinge waren, die ihnen Sicherheit gaben.

Islamische Zeitung: Selbst sowjetische Funktionäre sollen in der Zeit nach Stalin an dem einen oder anderen Ritual festgehalten haben…

Wolf Ahmed Aries: Das sieht man jetzt auch an den Uiguren und Hui in China. Alle Bemühungen dieser wirklich atheistischen Positionen zur Ausrottung des Islam sind nicht erfolgreich gewesen. Von Persien und der Türkei aus haben die mystischen Orden ihre Dependancen in den Republiken und selbst im russischen Kernland gehabt. Der Sicherheitsdienst und die Partei kamen nicht an sie heran. Was uns auszeichnet: Bei aller Hierarchielosigkeit sind es unsere Schaikhs, unsere Pirs und unsere Frommen, die die Rocher de bronze darstellten, an der die westeuropäische Kolonialisierung abprallte. Sie haben uns in der Rechtleitung bewahrt.

Islamische Zeitung: Sie haben einiges erlebt und mitverfolgt. Kann man sich nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts noch für Ideologien begeistern?

Wolf Ahmed Aries: Richtig. Ich nehme sie aus großer Distanz wahr. Aus gläubiger Sicht halte ich das für irrelevant.

Islamische Zeitung: Wo hat man sich damals eigentlich sein Wissen geholt?

Wolf Ahmed Aries: (lacht)… aus den Begegnungen mit Muslimen, die an den Universitäten studierten, aus den vorliegenden Übersetzungen sowie aus den Auseinandersetzungen, die wir hier mitbekommen haben. Das war ein sehr buntes Konglomerat, aus denen man sich dann seine Positionen erarbeiten musste. Oftmals stand man auch im Spannungsverhältnis zwischen Arabisierung beziehungsweise Türkifizierung und dem Bewahren der eigenen Herkunft.

Ich habe mal, halb im Scherz, gemeint, dass wir eine Variation der Mozaraber seien. Das islamische Element ist ja ganz deutlich, wenn man in einer Moschee betet. Ich habe das ja selbst während meiner Wehrübungen in Uniform getan. Solange ich draußen saß, haben mich alle angeguckt, aber wenn ich wie alle anderen in der Reihe betete, dann haben sie akzeptiert, dass ich Muslim bin. Nach dem Gebet sagten sie zu mir: „Tammam!“ Das ist auch etwas, das Menschen wie uns geprägt hat.

Wir haben uns der Arabisierung immer verwehrt. Ich wollte meine geistige, kulturelle, familiäre und auch politische Heimat nicht verlassen. Ich bin in Berlin in meiner alten preußischen Tradition gewesen; „fritzisch“, wie man früher zu sagen pflegte.

Islamische Zeitung: Solschenizyn schrieb in seiner Beschreibung der sowjetischen Lager, dass es einzig tschetschenische Muslime waren, die sich nicht spirituell und seelisch brechen ließen. Ist es nicht am Ende Gemeinschaft, die bleibt?

Wolf Ahmed Aries: Uns zeichnet die Grundspannung im Gebet aus. Wir bekennen Ihn, den Alleinigen, schweigend. Und in dem Augenblick, in dem wir das tun, wissen wir, dass unser einzelnes, individuelles Bekenntnis von denen, die mit uns beten, gemeinsam vollzogen wird. Individualität und Gemeinschaft sind Aspekte, die uns Muslime auszeichnen. Und letztlich bewahrt, Muslime zu bleiben.

Islamische Zeitung: Lieber Wolf Ahmed Aries, wir bedanken uns für Ihre Einsichten.

The following two tabs change content below.
Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries

Neueste Artikel von Wolf D. Ahmed Aries (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen