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Islam in Argentinien: Zwischen Pampa und Buenos Aires

Jenseits der globalen Brennpunkte leben Argentiniens Muslime seit Langem als ­integraler Bestandteil ihres Landes

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Foto: Roberto Fiadone | Lizenz: CC BY-SA 4.0

(MVM/CHA). Muslimische Minderheiten in Lateinamerika bekommen beträchtlich geringere Aufmerksamkeit als vergleichbare Gemeinschaften in Europa oder in den Vereinigten Staaten. Islam ist eine wachsende Religion auf dem Kontinent. Ein Trend, den die dortigen Politiker bisher nicht zur Kenntnis genommen haben. Nach Angaben der Association of Religion Data Archives (ARDA) geben beispielsweise in Argentinien zwei Prozent der Menschen den Islam als ihre Religion an.

Zwischen dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert beobachteten argentinische Regierungen eine Welle arabischer Einwanderer aus dem Nahen Osten, namentlich aus Syrien und dem Libanon. Beide waren damals Teile des Osmanischen Reiches. Diese Menschen, die damals in Argentinien ankamen, galten als „Türken“; einfach, weil sie türkische Dokumente mit sich führten.

Argentinien ist heute die Heimat einer der größten muslimischen Gemeinschaften Lateinamerikas. Auch wenn die Daten darüber, wie viele Muslime während der Einwanderungswellen in das lateinamerikanische Land kamen, (unterschiedlich sind?), leben derzeit rund 400.000 bis 500.000 Muslime an der Südwestspitze Lateinamerikas. In dem Land gibt es eine ganze Reihe an Moscheen und Kulturzentren. Dazu gehört die Zentralmoschee, die 1989 gebaut wurde, sowie das Islamische Kulturzentrum König Fahd, welches die größte Moschee Lateinamerikas beherbergt.

Im Gegensatz zu Europa und den Vereinigten Staaten war es für Muslime hier oft einfacher, ihren Traditionen zu folgen. Allerdings gibt es auch viele argentinische Muslime, die ihre Religion eher intim ausleben. Derzeit wird der Islam in Argentinien leicht anerkannt und es gibt kein Gefühl der Fremdheit, als Muslim in der argentinischen Gesellschaft zu leben. Nach Angaben von „The Argentina Independent“ herrscht „keine Diskriminierung, wenn jemand Muslim ist“ und „ein Muslim kann in Argentinien (…) seine Religion in vollkommenem Frieden, ohne irgendwelche Störung, praktizieren“.

Lange lebten Muslime im Windschatten inmitten der argentinischen Gesellschaft. Das änderte sich ab 1989 mit der Wahl von Carlos Menem zum Präsidenten des Landes. Er war das Kind zweier syrischer Einwanderer, Senator der Provinz La Rioja und der erste argentinische Präsident arabischer Herkunft. „Menems Übernahme der Macht revolutionierte (…) das Land“, heißt es an einer Stelle. Allerdings ließ er seinen Glauben hinter sich, um in der Politik aufsteigen zu können. Seine Exfrau Zulema Yoma sagte: „Menem verließ den Islam und nahm 1966 das Christentum an, denn er wollte Staatspräsident werden.“

Menem war innen- und außenpolitisch eine kontroverse Figur. In den frühen Jahren seiner Präsidentschaft schuf er nützliche Institutionen zur Bekämpfung von Armut und förderte Programme zur Aufklärung über AIDS, Kinderernährung und Impfungen. Viele seiner Entscheidungen hatten positive Wirkungen in Sachen Armut. Jedoch führten unter anderem eine hohe Kriminalitätsrate sowie die mangelhafte Reaktion der Regierung auf die antijüdischen Anschläge von 1992 und 1994 zu seinem dramatischen Niedergang im Jahr 1997.

Menems muslimischer Ursprung veranlasste ihn dazu, die muslimische Gemeinschaft seines Landes zu fördern. 1995 verkaufte er 8 Morgen Land im Stadtviertel Palermo der Hauptstadt Buenos Aires. Auf dem Gelände wurde die erwähnte König Fahd-Moschee erbaut, die größte Lateinamerikas. Sie war das Ergebnis eines Staatsbesuches in Riad.

Argentiniens größte Stadt, Buenos Aires, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Religion in der Gesellschaft erhalten bleibt, aber auch verschwinden kann. Seit Ende des 19. Jahrhunderts leben rund eine halbe Million Muslime im Land. Heute, trotz eines anhaltenden Bevölkerungswachstums, ist die Zahl der Muslime, die sich als solche deklarieren, ungefähr gleich geblieben. Laut Befragungen gaben muslimische Gemeindeführer und Moscheebesucher an, dass sie nicht von solch hohen Zahlen praktizierender Muslime ausgingen.

Eine Ausnahme zu dieser Stagnation stellen kleinere Gemeinschaften von Konvertiten dar. Sie besuchen spirituelle Seminare und nehmen an sozialen Programmen teil, um sich religiös zu engagieren und die Lehren des Islam zu teilen. Viele treffen sich dazu auf wöchentlicher Basis, um mehr über ihren Glauben, den Qur’an und eine gemeinschaftliche Wirklichkeit zu erfahren.

Zu einem Durchbruch kam es 2011, als die Kirchner-Regierung entsprechende Gesetze erließ, die Frauen vor Diskriminierungen wegen ihres Kopftuches schützte. Dieses Gesetz stellt einen wichtigen Fortschritt für die Religionsfreiheit in Lateinamerika dar. Obwohl die Muslime eine der kleineren Minderheiten Argentiniens darstellen, bemüht sich die Regierung, sicherzustellen, dass die Muslime des Landes frei von Diskriminierungen praktizieren können.

In Argentinien gibt es im Gegensatz zu Europa und den USA viel weniger Furcht vor dem Islam. Dazu sagt Waqas Syed, der stellvertretende Generalsekretär des Islamic Center of North America (ICNA): „Im Gegensatz zu Europa und Nordamerika war Lateinamerika bisher relativ unberührt von der anti-islamischen Rhetorik. Und die Beziehung zwischen den muslimischen und nichtmuslimischen Latinos kann als ausgezeichnet und stark beschrieben werden.“

Zu den drängendsten Aufgaben für die muslimische Gemeinschaft am Rio de la Plata – aber auch für weitere Teile des Kontinents – gehört die Verfügbarkeit von verlässlichem Informationsmaterial auf Spanisch. Dies betrifft gerade jene, die den Kontakt zu ihrer Herkunft verloren haben. Ein Hauptgrund, warum bei vielen gebürtigen Muslimen und ihren Nachkommen die Bindung an ihre religiöse Herkunft schwindet, liegt darin, dass die Vermittlung von islamischer Lehre, Praxis und Selbstverständnis an das Arabische gebunden ist. Obwohl viele ein oder zwei muslimische Elternteile haben, sprechen immer weniger Argentinier Arabisch. Es kommt hinzu, dass es an entsprechendem Material auf Spanisch fehlt. Und schließlich mangelt es an guten Lernzentren und Madrassen, in denen islamische Kenntnisse vertieft werden können. Dies hat dazu geführt, dass bei vielen muslimischen Argentiniern das Wissen über ihre Religion stagniert oder gar schwindet.

Viele brachte diese Wissenslücke jedoch dazu, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu machen. Die vergleichsweise gute Stimmungslage in Argentinien stellt sicher, dass ihnen keine Steine in den Weg gelegt werden. Nicht nur in Argentinien: Mittlerweile interessieren sich immer mehr Latinos für den Islam. Aktive Muslime in Lateinamerika sind daher optimistisch, dass sich die islamischen Werte vorurteilsfrei darstellen lassen.

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